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„Make Me Famous“ bei ZDFneo : Ein Reality-Star geht vor die Hunde

  • -Aktualisiert am

Komplizierte Gefühlslage: Michelle (Emma Rigby) ist eine ehemalige Teilnehmerin der Reality-Serie, in der nun Billy (Tom Brittney) mitspielt. Bild: ZDF

Billy Fearon kommt bei einer Kuppelshow groß raus. Doch sein Ruhm verblasst schnell. Als Influencer ist er eine Niete. Was in solchen Situationen passieren kann, schildert der Film „Make Me Famous“.

          3 Min.

          Vor achtzehn Monaten war Billy Fearon (Tom Brittney) ein Niemand. Dann wurde er zum hofierten Star der sechsten Staffel des Reality-TV-Programms „Love or Lust“. Noch immer erkennen ihn die Leute auf der Straße. Für einen Angehörigen der Kategorie Z-Prominenz und im Social-Media-Universum ist das beachtlich. Noch immer geht jedes hochgeladene Selfie mit dem selbst ernannten „Womanizer“ ab wie die Post und bringt tausendundeinen exaltierten Kommentar.

          Allerdings sinkt Billys Stern. Er versäumt, die „Mittagsmotivations“-Erinnerungen für ein sinnloses „Power Protein Pulver“ zu posten und seine Follower mit Details aus seinem Privatleben zu füttern. Das liegt nicht nur an neuer Verschwiegenheit, sondern daran, dass Billy kein interessantes Privatleben hat, dafür Schulden ohne Ende. Besonders seit die Marketing-Deals ausbleiben und das Penthouse bezahlt werden muss. Das liegt eigentlich nicht im obersten Stock des Hauses, wird aber mit der Smartphone-Kamera so aufgenommen. Nix Ferrari, null Perspektive. Sein Manager ist nicht amüsiert. Wer den Sprung aus der „Love Island“-Parallelwelt nicht schafft und sich als Influencer-Marke nicht etabliert, ist ein Loser und verschwindet in der Armseligkeit der „Reunion“-Treffen solcher Formate.

          Aufstieg und Fall eines jungen Mannes

          Billys Markenkern braucht dringend eine Neudeutung. Selfies mit Krankenhauspersonal, soziales Engagement für die Kinderstation, so was. Oder die Versöhnung des TV-Bettenhopsers mit Teilnehmerin Michelle (Emma Catherine Rigby), die er in der Kuppelshow übel betrogen hat. Beste Gelegenheit dazu gibt es auf ihrer „Moods“-Kollektion-Launchparty. Sie ist „Designerin“. Das heißt, dass ihr Leute Zeug vorlegen, und sie sagt, was ihr davon gefällt. Schlecht, dass Billy nicht mehr so recht funktioniert, sich von einer Teilnehmerin der siebten Staffel abschleppen lässt, die ihn und sich im Bett fotografiert und das Bild der Social-Media-Gemeinde präsentiert.

          Plötzlich ein Star: Billy (Tom Brittney) genießt seinen neu gewonnenen Ruhm
          Plötzlich ein Star: Billy (Tom Brittney) genießt seinen neu gewonnenen Ruhm : Bild: ZDF

          Doppelt schlecht, dass Billy Michelle wirklich mag und eine Liaison für ihr Image („warmherzig & süß“) nicht taugt. Und dreifach schlecht, dass Michelle ihn zwar an ihr Profimanagement vermitteln will, ihm beim Business-Meeting aber partout kein Alleinstellungsmerkmal seiner Persönlichkeit einfällt. Dann kommen Hass-Posts, Aufforderungen, sich einen Strick zu nehmen, widerwärtige Kommentare zu seiner schlaffen Erscheinung, der Versuch, das alte Leben zurückzubekommen (für seinen vorherigen Job findet man ihn „nicht mehr seriös genug“), der totale Kon­trollverlust und der Suizidversuch. Und am Ende, in der Klinik mit seiner Mutter Amanda (Amanda Abbington) an seiner Seite, eine zynische Pointe, die das ganze Geschäft von und mit den Reality-„Stars“ auf den Punkt bringt.

          Nicht viel mehr als fünfzig Minuten braucht der fiktionale, aber nah an den Tatsachen gedrehte BBC-Film „Make Me Famous“ nach dem Drehbuch des Moderators und Produzenten Reggie Yates, um Aufstieg und Fall eines jungen Mannes schmerzhaft genau zu beglaubigen und die „Reality“-TV-Industrie zu durchleuchten (Regie Peter King, Kamera David Procter). Auf zwei Zeitebenen erzählt der Film das Davor und Danach, Castingprozess und Nachruhm. „Make Me Famous“ bleibt in kritischer Distanz, geht gerade nicht als „Background-Story“ einer echten Staffel durch, sondern hat eine beobachtend gesellschaftskritische Dimension ohne billigen Moralismus. Fiktive Szenen des „Love or Lust“-Castings zeigen, was sich die Macher solcher Shows, gegen die das gerade laufende „Dschungelcamp“ harmlos wirkt, unter Authentizität vorstellen. Er solle nur er selbst sein, wird Billy gesagt. Das bedeutet: Er soll die stereotype Rolle des sexistischen Kotzbrockens besetzen, der die Frauen reihenweise flachlegt. Nur das wecke Interesse, schärfen ihm die Show-Mitarbeiterinnen Kelly (Aiysha Hart) und Stephanie (Nina Sosanya) ein. Für den „human interest“-Faktor sorgt seine Vergangenheit, ein Vater, der sich das Leben nahm, das Foto des kleinen Billy mit Trauer-Übergewicht, gemobbt, mit dem Spitznamen „fetter Billy“. Der Sieg über sich selbst, ein Sixpack als Beweis: Billy Fearon, mutmaßlich phantastisches Testimonial-Potential für Sport- und Ernährungsmarken.

          „Make Me Famous“ schaut genau hin, bis zur letzten Schwarzblende. Bis zur letzten Ironie des Vermarktungszyklus eines jungen Mannes, der erst unwiderstehlich gemacht wurde und den Absprung nicht fand. Achtzehn Monate können eine Ewigkeit bedeuten, vom ersten bis zum letzten Post gemessen.

          Make Me Famous läuft heute um 23 Uhr bei ZDFneo und in der Mediathek.

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