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Makabre Werbung : Insektenbekämpfung mit den Waffen des Weltkriegs

  • -Aktualisiert am

Bei dem Kampagnenentwurf von Y&R Paris für den Insektenbekämpfungsmittelhersteller Marie Rose wird Winston Churchill zitiert. Bild: Agence Y&R Paris

Die Werbeagentur Y&R Paris nutzt militaristische Bildwelten als Vorschlag für eine Insektenbekämpfungs-Werbekampagne. Am Ende geht es um mehr als Geschmacksfragen.

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          Der Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas, der eine Einschränkung in der Werbung vorsieht, hat die Gemüter erregt. Davon betroffen sind vor allem Zigarettenwerbung und Darstellungen, die Personen auf ihre Sexualität reduzieren, Nacktheit übertrieben herausstellen oder Produkt und Präsentation in einen inakzeptablen Zusammenhang stellen.

          Die Frage, wo moralische und ethische Grenzen bei Werbung liegen und ob es dafür eine gesetzliche Grundlage geben sollte, scheidet die Geister. In Deutschland regelt dies bisher das „Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb“. Es hat vor allem wirtschaftliche Faktoren im Blick.

          Dem deutschen Magazin für Mediengestaltung Page online zufolge wurde in Frankreich im April eine Werbekampagne entwickelt, die zu Diskussionen führen dürfte, sollte sie tatsächlich an den Start gehen. Die renommierte Agentur Young and Rubicam (kurz Y&R) Paris hat unter der Leitung der Kreativdirektorin Pierrette Diaz eine Kampagne mit dem Slogan „Gewinne den Krieg“ für den französischen Marktführer für Insektenbekämpfungsmittel „Marie Rose“ kreiert. Angelehnt ist sie an die Bildästhetik von Fotoaufnahmen der zwei großen Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Die abgenutzt wirkenden Plakatmontagen in schwarz-weiß greifen Motive von Flugzeugformationen und militaristischen Aufstellungen auf.

          Fragwürdige Motive

          Die Flugzeuge werden dabei durch Stechmücken ersetzt, und anstelle der Soldaten sieht der Betrachter winzige Läuse. Daneben stehen Zitate berühmter Akteure aus beiden Kriegen, wie „Den Gedanken einer Niederlage zuzulassen, heißt bereits besiegt zu sein.“ Dieser Satz stammt aus dem Ersten Weltkrieg, von dem französischen Marschall Ferdinand Foch. Auch Winston Churchill wird zitiert: „Gib' niemals, niemals, niemals auf!“  Daneben ist das Läusebekämpfungsmittel abgebildet, das von einem Strahlenkranz eines militärischen Ordens umsäumt wird. Umgesetzt wurden die Plakate von dem vielfach ausgezeichneten CGI Studio „Illusion“ aus Bangkok, das bereits durch andere provokante Kampagnen auffiel.

          Das Kampagnenkonzept mit Weltkriegsästhetik der Agentur Y&R Paris läuft unter dem Motto „Win the war“ – Seine Umsetzung ist noch nicht entschieden.
          Das Kampagnenkonzept mit Weltkriegsästhetik der Agentur Y&R Paris läuft unter dem Motto „Win the war“ – Seine Umsetzung ist noch nicht entschieden. : Bild: Agence Y&R Paris

          Ob sich diese Kampagne umgesetzt wird und ob diese Schlagrichtung im Sinne des Kunden ist, wird noch entschieden. „Es handelt sich momentan um unseren Vorschlag im Rahmen eines internationalen kreativen Wettbewerbes“, sagt die Pressesprecherin von Y&R Paris, Sandrine Delabre. „Momentan ist es nicht absehbar, dass das einem großen Publikum gezeigt werden wird.“

          So schwer vorstellbar es auch ist: Mit Blick in die Geschichte stehen die Realisierungschancen der Kampagne gar nicht schlecht. Kriegsmotive sind in der Werbung keine Seltenheit, wie andere Kampagnen der vergangenen Jahre zeigen. 2014 hatte die britische Supermarktkette Sainsbury´s mit ihrer Weihnachts-Kampagne für Diskussionen gesorgt. Im Gedenken an den Weihnachtsfrieden der deutschen Westfront von 1914 hatte sie einen Werbefilm produziert, der ebendieses Szenario aufgreift. Er sollte die Botschaft des Schenkens und Teilens an Weihnachten verbreiten. Dass bei Sainsbury's vor allem der Profit des Schenkens wichtig ist, war damals nur einer der Kritikpunkte.

          Ein anderes Beispiel ist eine Werbekampagne für die Amazon-Serie „The Man in the High Castle“, die Ende letzten Jahres in New York lief. In der Serie haben Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen und teilen das Staatsgebiet der Vereinigten Staaten unter sich auf. Die Darsteller sprechen vom „Greater Nazi Reich“ und begrüßen sich mit Hitlergruß. Viele New Yorker zeigten sich irritiert über die Werbekampagne, die dazu führte, dass der deutsche Reichsadler auf U-Bahn-Sitzen prangte und die Freiheitsstatue auf Plakaten den Arm zum „deutschen Gruß“ reckte.

          Ob derlei Geschmacklosigkeiten per Gesetz geregelt werden müssen oder ob auch hier die kreative Freiheit Vorrang haben sollte, entscheidet sich nicht nur daran, ob sich die Werbefirmen mit ihren Provokationen durch sinkende Verkaufszahlen ins eigene Fleisch schneiden. Es ist eine ethische Frage.

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