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TV-Kritik „Maischberger“ : Nun sag, wie hast du’s mit dem Islam?

Kontrahenten: Haluk Yildiz und Necla Kelek.

Für Haluk Yildiz sieht das anders aus. Er nennt die Kritik an Verhaltensweisen wie jener des Imams, der Julia Klöckner beim Besuch eines Flüchtlingsheims nicht die Hand geben wollte, „Kulturalismus“. Verschleierung ist in seinen Augen ein Akt der Selbstbestimmung, dass Julia Klöckner das anders sieht, verleitet ihn zu der Feststellung, sie missachte die Religionsfreiheit und stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes.

Es dauert eine Weile, bis die derart angegriffene Ministerin, die die persönliche Attacke gut retourniert, das Stichwort nennt, auf das es in der Debatte ankommt – das Menschenbild. Davon leitet sich alles ab. Sind alle Menschen „vor dem Gesetz gleich“, wie es Artikel 3 Grundgesetz beschreibt, oder werden sie – nach einem vermeintlich höheren, „göttlichen“ Gesetz – kategorisiert? Männer und Frauen, Christen, Juden, Muslime, Hetero- und Homosexuelle? Auf diese Grundsatzfrage lässt sich Haluk Yildiz nicht ein. Er spricht vom „Respekt“, der Frauen in der islamischen Kultur eben genau dadurch erwiesen werde, dass man ihnen nicht die Hand gibt und sie nicht berührt.

Auf das Menschenbild kommt es an: Julia Klöckner benennt das entscheidende Stichwort.

Julia Klöckner indes „kann das nicht mehr hören“ mit Blick darauf, was dem verweigerten Handschlag, der in unseren Breiten zumindest als Ausweis der Höflichkeit gegenüber jedermann und jeder Frau gilt, folgt: Bekleidungsvorschriften schon für Mädchen, Verschleierung, Trennung im Schwimmunterricht, fehlende Akzeptanz gegen Frauen etwa in ihrer Rolle als Lehrerinnen.

Da hört der Spaß auch für die „taz“-Korrespondentin Bettina Gaus auf, der freilich zu jedem Punkt der Diskussion (angefangen bei Schweinefleisch, das in Kitas oder Schulen nicht mehr angeboten wird) einfällt, dass dies nichts mit dem Islam zu tun habe und Ursache und Wirkung häufig verkehrt würden. Sogar beim Thema Beschneidung – womit die Genitalverstümmelung von Frauen gemeint ist –, fällt ihr ein, dass es dies auch in christlich geprägten Gesellschaften gebe. An dem Punkt kann Necla Kelek, die in der Sendung eine ganz andere soziale Realität beschreibt als jene, die Bettina Gaus augenscheinlich kennt, nicht mehr an sich halten.

Von Jan Fleischhauer, der als Kolumnist bei „Spiegel Online“ stets klug gegen den dort sonst in aller Breite vorherrschenden linken Mainstream argumentiert und mit Finesse und Witz blinde Flecken im hiesigen Journalismus benennt, kommt in der Sendung von Sandra Maischberger leider nicht viel. Er macht sich über Pegida-Demonstranten lustig, die vermeintlich das christliche Abendland retten wollen, aber nicht einmal ein Weihnachtslied zusammenbekommen. Er legt den Finger auf die Widersprüche, in die sich Verteidiger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des Rechtsstaats verstricken, wenn sie die Grenzen der Religionsfreiheit aufzeigen wollen. Der Kreuz-Erlass des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, über den sich bezeichnenderweise vor allem Würdenträger der christlichen Kirchen in einer Weise echauffieren, die einen fragen lässt, wie sie es mit ihrer Religion, mit ihrem Glauben eigentlich halten, bietet dafür eine Gelegenheit.

Dass der Islam eine Männer-Religion, eine „Herren-Religion“ sei, bringt Necla Kelek in der Sendung von Sandra Maischberger immerhin noch unter. Dann geht es zu den „Tagesthemen“, von denen Ingo Zamperoni verspricht, sie hätten auch so etwas wie eine „Talkshow“ in Petto.

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