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TV-Kritik: „Maischberger“ : Biedermann und Brandstifter in Altena

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Frau Weidel nutzt die Gelegenheit für eine Büttenrede und konfrontiert den geschäftsführenden Justizminister mit der Frage, was denn im Dublin 3-Abkommen stehe. Die AfD sei die einzige Partei, die Rechtsbrüche der Bundesregierung zur Sprache bringe. Bedenkenlos unterschlägt sie, was das Abkommen im Fall von Notlagen möglich macht.

Frau Maischberger scheint sich Weidels Vorhaltungen zu eigen zu machen und fragt Jan Fleischhauer, ob die Politik und die Gesetzbrüche der Bundesregierung die Gesellschaft gespalten haben. Das sieht Fleischhauer entspannter. Dass die 15 bis 20 Prozent der Wahlberechtigten, die so dächten, nun politisch im Parlament vertreten seien, sei demokratietheoretisch in Ordnung.

Erneut konfrontiert Maischberger Bürgermeister Hollstein mit dem Vorhalt, ob es in Altena mit 450 Geflüchteten bei 18.000 Einwohnern nicht zu Überforderungen gekommen sei. Der kann das nicht bestätigen. Es habe weder zunehmende Gewalt noch Diebstähle oder sexuelle Übergriffe gegeben.

Facebook-Feldversuch

Jan Fleischhauer bereichert das Gespräch mit dem Bericht über einen Feldversuch. Unter dem Namen seiner Gattin hat er ein falsches Facebook-Profil angelegt, als Profilfoto ein Bild von Caspar David Friedrich genommen und sich als Mensch mit Sympathien für die AfD präsentiert. Der aufgrund seiner Vorlieben und Abneigungen zustande gekommene Newsstream habe das Bild von einer Welt erzeugt, in die kein Sonnenstrahl mehr fiele.

Dass die getürkten Meldungen von einem Bahnhofskiosk, der keine Bratwürste, sondern nur noch Halalfleisch anbiete, dass das Video von einer Schlägerei mit arabischen Jugendlichen nirgendwo sonst erwähnt werde, erzeuge bei denjenigen, die solche Facebook-Meldungen als maßgebliche Nachrichtenquelle betrachten, naturgemäß den Eindruck, dass andere Medien, die darüber nicht berichten, zur Lügenpresse gehörten.

Eine Frage, in die Suchmaske von Facebook getippt, ob Hitler die Juden habe vergasen lassen, führt zu sieben Meldungen, die das zu jüdischer Propaganda erklärten. Wer dagegen zu klagen versucht, dem antwortet die deutsche Facebook-Niederlassung, sie verkaufe nur Anzeigen, man möge sich doch bitte an die Hauptniederlassung in Dublin wenden. Heiko Maas verweist auf Unterschiede: YouTube lösche 90 Prozent beanstandeter Inhalte, bei Twitter und Facebook erfolge das deutlich laxer.

Frau Maischberger begrüßt diesen Befund, es sei wichtig, dass es differenzierende Meinungen gebe, womit sie scheinbar auch strafbare Äußerungen zu legitimen Meinungen erklärt. Erneut versucht Kriminologe Pfeiffer die jüngsten Entwicklungen der Kriminalstatistiken zu erläutern, was Maischberger zu dem Vorhalt gewaltbereiter jugendlicher Machos veranlasst. Sie erzeugt mit ihrer Moderation den Eindruck von Evidenz und verwechselt das mit Tatsachen.

Die Problemgruppe seien, wie Pfeiffer sagt, im wesentlichen diejenigen, die keinen rechtlich abgesicherten Aufenthaltsstatus haben. Ausweisungsverfügungen überlasteten nur die Verwaltungsgerichtsbarkeit. Sinnvoller findet er Rückkehrerprogramme, die denjenigen eine Perspektive in ihren Herkunftsländern ermöglichen.

Als hätte Max Frisch das Drehbuch geschrieben

So genau will das die Gastgeberin dieses entgleisten Abends gar nicht wissen. Deswegen erteilt sie, als hätte Max Frisch ihr dafür das Drehbuch geschrieben, Frau Weidel das Wort mit der Frage, was sie tun könne, um Probleme zu versachlichen. Abermals erzeugt Weidel den Eindruck einer Evidenz zunehmender Kriminalität von Ausländern, für die sie Beweise schuldig bleibt, ohne dass die Moderatorin es für nötig erachtet, diese Behauptung zu hinterfragen.

Sie beschließt die Sendung mit dem Fazit, dass Große Koalitionen die politischen Ränder stärke, obschon sie selbst mit solchen Sendungen messbarere Wirkung erzielt. Jan Fleischhauer erinnert an AfD-Parteiveranstaltungen, auf denen Plakate mit Bildern von Kabinettsmitgliedern und dem Spruch geschwenkt werden „Gnade euch Gott, wenn wir mit euch abrechnen“.

Das lassen wir dann mal so stehen und freuen uns darüber, dass Bürgermeister Hollstein noch lebt. Schlimmer geht’s nimmer.

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