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TV-Film „To the Bone“ : Bis sie nur noch Haut und Knochen ist

Weniger erscheint ihr als mehr, immer mehr: Ellen (Lily Collins) hat die Sucht gepackt und das Gefühl der Macht über ihren Körper. Bild: Netflix

„To the Bone“ hat in Amerika schon vor der Ausstrahlung für Kontroversen gesorgt. Es heißt, der Film verharmlose das Thema Magersucht. Dabei versucht er nur, seiner Heldin möglichst nahe zu sein.

          3 Min.

          Es ist nahezu ein symmetrischer Bogen, den die Rippen bilden. Spitz stechen sie unter dem Büstenhalter hervor, um sich unter der hochgezogenen Strumpfhose tief in den Leib hinein zu wölben. Die Beckenknochen ragen beinahe genauso weit aus dem Körper wie das Brustbein. Ellen ist ein Schatten ihrer selbst. Als sie von der Waage steigt, macht ihre Stiefmutter ein Bild des abgemagerten Körpers und zeigt es ihr: „Glaubst du, dass das schön ist?“ Ellen schaut zu Boden.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Ellen, die Hauptfigur des Netflix-Films „To the Bone“, ist zwanzig Jahre alt, magersüchtig und wegen ihres unkooperativen Verhaltens aus der vierten Klinik verwiesen worden. Bei ihrer Mutter und deren Partnerin kann sie nicht bleiben, ihr Vater hat keine Zeit für sie. Es ist ihre Stiefmutter, die ihr einen Termin bei einem neuen Therapeuten besorgt. Der ist für seine unkonventionellen Methoden bekannt, und tatsächlich fragt er Ellen nicht, wie es ihr geht, sondern ob ihre Stiefmutter immer so viel redet. Die Patientin muss ihm versichern, sie wolle leben, überleben. Erst dann willigt er ein, sie zu behandeln. Am nächsten Tag zieht Ellen in eine Wohngemeinschaft für Essgestörte.

          Leidensgenossen: Ellen (Lily Collins) und Luke (Alex Sharp).

          „To the Bone“ hat in den angelsächsischen Medien abermals eine Kontroverse ausgelöst. Nach der Suizidgeschichte eines jungen Mädchens in „13 Reasons Why“, die Mobbing und Selbstmordgedanken bei Schülern thematisierte und sich den Vorwurf einhandelte, diese zu bagatellisieren – wagt sich Netflix an ein weiteres Problemthema, das mit jungen Menschen, vor allem jungen Mädchen, assoziiert wird: Anorexie. Lily Collins, Tochter der Musikgröße Phil Collins, verkörpert Ellen, für Regie und Drehbuch ist Marti Noxon verantwortlich. Hauptdarstellerin und Regisseurin sind mit der Geschichte von „To the Bone“ persönlich verknüpft. Beide litten selbst an Magersucht – und fühlen sich der Thematik dadurch umso verbundener.

          Das ist bei Lily Collins im Film zu spüren. Sie hat ihren Körper großen Strapazen ausgesetzt, um auf ein Minimalgewicht zu schrumpfen. Auch die Verschlossenheit Ellens, ihre Ablehnung der Leidensgenossinnen und ihr schwarzer Humor tragen zu diesem Eindruck bei: „At least I’m a cheap date“, meint Ellen einmal achselzuckend zu ihrer besorgten Schwester. Ellen bleibt undurchschaubar, was auch mit dem Drehbuch zu tun hat, das nicht behauptet, enträtseln zu können, welche Ursachen es für Ellens Erkrankung gibt.

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          Einmal im Wohnheim angekommen, fühlt Ellen sich trotz anfänglicher Skepsis überraschend schnell wohl. Daran haben sowohl der gutaussehende und ungehobelte Therapeut, verkörpert von Keanu Reeves, als auch der überschwängliche und euphorische Balletttänzer und Mitbewohner Luke ihren Anteil. Ellen öffnet sich ihrem Therapeuten und küsst ihren Mitbewohner. Zugleich erfahren wir, dass die junge Frau eine vielversprechende Künstlerin ist, die ihre Magersucht in ihren Zeichnungen verarbeitet und dadurch zahlreiche anorektische Fans für sich gewinnen konnte. Eine Verehrerin hat sich allerdings das Leben genommen – und in ihrem Abschiedsbrief auf Ellens Kunst verwiesen.

          Leider folgt der Film stur allen klassischen Mustern der romantischen Komödie: Schlechtgelauntes Mädchen trifft Therapeuten. Schlechtgelauntes Mädchen ist besser gelaunt, trifft Jungen. Besser gelauntes Mädchen öffnet sich, lässt Menschen in ihr Leben, erleidet einen Rückfall, lässt alles stehen und liegen und kehrt zurück zu ihrer bipolar veranlagten Mutter.

          Es folgt ein schlecht inszeniertes Nahtoderlebnis und die Besinnung auf ein Besseres. Es ist schwer auszumachen, welcher Faktor den Ausschlag dafür gibt, dass der Film unglaubwürdig wird: der vorhersehbare Spannungsbogen, die romantisierende Darstellung der WG der Essgestörten oder doch die überwiegend mittelmäßigen schauspielerischen Leistungen. Besonders fragwürdig ist Keanu Reeves als geradliniger Psychologe. Immerhin bleibt er seiner klischeebehafteten Rolle treu – ein empathieloser Rüpel, der jegliche therapeutischen Konventionen über Bord geworfen hat, um seine Patientinnen unnachgiebig zu trimmen: Schau nach vorn, das Hier und Jetzt zählt. Als er mit seinen Schützlingen den berühmten „Rain Room“ im Los Angeles County Museum of Art besucht, bellt er Ellen ins Ohr: „Kunst“! Was sie als Künstlerin vermutlich nicht wusste.

          „To the Bone“ gelingt es zumindest, dem Krankheitsbild der Magersucht den zu Unrecht verbreiteten Anstrich einer oberflächlichen Neigung, unerreichbaren Schönheitsidealen zu frönen, zu nehmen. Es ist dieser Anspruch, psychische und höchst subjektive Ursachen zu identifizieren, der ein ebenso beschwerliches Unterfangen ist, wie das fatalistische Wesen der Magersucht darzustellen: Dass nämlich, wer aufhört zu essen, nicht nur dünner wird, sondern irgendwann stirbt.

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