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Serie „Ein guter Mensch“ : Die wütende Stimme der alten Türkei

Für seine Rolle in der Miniserie „Ein guter Mensch“ gewann er 2019 den Emmy als bester Darsteller: Haluk Bilginer als Agah Beyoglu Bild: Magenta TV

Die Kunst der feinen Regimekritik: In der türkischen Serie „Ein guter Mensch“ nimmt ein kranker Mann den Kampf gegen das Vergessen und für Gerechtigkeit selbst in die Hand.

          4 Min.

          Eindringlicher ist der Widerspruch zwischen türkischer Herz-Schmerz-Kultur und frauenverachtender Realität sicherlich noch nie in Szene gesetzt worden: Er könne einem Mann vieles verzeihen. Nicht jedoch, wenn er eine Frau geringschätze, erklärt der ältere Herr, den alle nur „Agah“ nennen, dem gefesselt auf dem Boden liegenden Mann. Agah schaltet Kassettenrecorder und Diaprojektor an, und nun laufen, untermalt von einer türkischen Schnulze über junges Liebesglück, in Endlosschleife Tatortfotos von erdrosselten, erstochenen, erschlagenen Frauen über die Wand. Der Gefesselte soll hingucken. Doch ihm, der vor Jahren die Ehefrau im Badezimmer erstochen hat, sind die Fotos zu viel. Kurz darauf liegt der Frauenmörder tot im Pool, und auch der Richter, der ihm nur acht Jahre gegeben hatte, die er nicht einmal zur Hälfte absitzen musste, muss daran glauben.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ein guter Mensch“ (Regie Onur Saylak) heißt die eindringliche türkische Miniserie um den verwitweten Rentner Agah, der nach einer Alzheimer-Diagnose seinem Leben eine äußerst unkonventionelle Wendung gibt. Damit es nicht ins Chaos abrutscht, solle er sich dem Alltag, selbst dem Blumengießen, fortan mit Leidenschaft widmen. Vor allem aber solle er jetzt das tun, was er schon immer habe machen wollen, rät der Arzt. Agah beherzigt beides.

          Nachdem er seine Pflanzen liebevoll versorgt und hingebungsvoll türkischen Schlagern, Opernklassikern und Tom Jones gelauscht hat, zieht er gut gelaunt und elegant gekleidet los, in die Straßen von Istanbul, und begeht den nächsten Mord. Seine Mission: dort Rache zu nehmen, wo die Justiz versagt hat und die Gesellschaft durch Schweigen zum Mittäter wurde. Die Krankheit ist für den ehemaligen Gerichtsbeamten Segen und Fluch. Da sich alles Vergangene in Nichts auflösen wird, droht ihm kein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig muss Agah sich beeilen, da die Demenz seine Erinnerungen an die ungesühnten Verbrechen löschen wird.

          Planung mit Hingabe

          Agah verwandelt ein geheim gehaltenes Zimmer in seine Erinnerungs- und Planungszentrale, und jeder, der die Serie „Homeland“ gesehen hat, wird über die offensichtliche Parallele zu Carrie Mathisons „Working wall“ schmunzeln. Sie half der Agentin, bei Krankheitsschüben nicht den Überblick zu verlieren.

          Dieses Ziel verfolgt auch Agah und macht sich mit betulichem Eifer ans Werk, was Haluk Bilginer, einer der Großen der türkischen Kino- und Theaterszene, hinreißend als Agah in Szene setzt. Wie er in Strickweste umständlich an seinen Pfeildiagrammen und Post-its herumhantiert, die Fotos der Ermordeten erst mit Kuli und dann, weil’s schöner aussieht, doch mit rotem Edding-Stift durchstreicht; wie sein Gesichtsausdruck bei Erinnerungslücken zwischen Staunen, Bestürzung und Hinnahme changiert; aber auch, wie er morgens vor dem Spiegel Rasierwasser ins Gesicht klopft und der Frisur durch Haarspray Form verleiht; all das mitanzusehen ist eine große Freude. Im vergangenen Jahr hat Bilginer für diese Rolle sehr verdient den Emmy Award als bester Darsteller erhalten. Auch das Drehbuch von Hakan Günday hat es in sich.

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