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Zeitschrift „Das Wetter“ : Die Luftgitarre wird als Instrument unterschätzt

  • -Aktualisiert am

Spiegelverkehrt: Maurice Ernst, Sänger der Band Bilderbuch, auf dem Cover der neuen Ausgabe des Magazins „Das Wetter“. Bild: Das Wetter

Hier wird auf Sonnenbänken gelegen: Die Zeitschrift „Das Wetter“ aus Berlin sucht nach neuen Lichtgestalten der Musik und Literatur. Von ihren Vorbildern können sich die Macher aber nicht ganz befreien.

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          Grauschleieriges, dickes Papier, matte Farbfotografien und ein Umschlag mit feinem Profil. Hält man die Ausgabe in der Hand, könnte man meinen, sie hätte schon viel miterlebt. Wäre in einer Raucherwohnung von einer Hand in die andere gewandert oder in der Manteltasche eines Musikers durch die Welt gereist. Ist sie aber nicht. Erst Ende Februar erschien die mittlerweile elfte Ausgabe der Zeitschrift „Das Wetter – Magazin für Text und Musik“.

          Kehrt das Analoge zurück? An neuen Zeitschriften auf Papier herrscht jedenfalls kein Mangel. Dreimal im Jahr kommen rund dreitausend Exemplare der Zeitschrift „Das Wetter“ hinzu. Nicht nur deren Optik erweckt den Eindruck, die Macher hätten einen Hang zu einer vergangenen Welt – mitsamt ihrer Langsamkeit und vermeintlichen Direktheit. Im Mittelpunkt stehen häufig Interviews, teilweise sehr lange und ausführliche Gespräche mit Künstlern. Sie lesen sich, als wäre man tatsächlich dabei. Die Intimität macht den Leser zum stummen Zeugen einer Begegnung, was schön ist, manchmal aber auch ein wenig zum Fremdschämen, etwa wenn Max Kersting im Gespräch mit dem Schriftsteller Christian Kracht aus der Lobhudelei gar nicht mehr herauskommt.

          Die Kehrseite der Bewunderung

          Die Magazin-Macher Katharina Holzmann, Caroline Elsen und Sascha Ehlert, alle in ihren Zwanzigern, sitzen um eine Käseplatte im Mirika, einer Bar in Kreuzberg, und sprechen über die Volksbühne. Seit 2013 leitet Ehlert die Redaktion, Holzmann, Elsen und Jan Wehn stießen später dazu. Das Berliner Theater-„Schlachtschiff“, dessen Kapitän Frank Castorf in diesem Sommer nach fünfundzwanzig Jahren von Bord geht, liegt ihnen am Herzen und bestimmt die aktuelle Ausgabe, in der sie sich offen mit dem Ensemble solidarisieren. Das wollen sie aber nicht als Widerstand gegen die Verpflichtung des designierten Nachfolgers Chris Dercon verstanden wissen. Die Qualität von Castorfs Volksbühne mache den Abschied so schmerzhaft, sagt Katharina Holzmann. Deshalb hätten sie bewusst darauf verzichtet, Castorf und René Pollesch, den zweiten wichtigen Regisseurs des Hauses, in den Interviews auf die Politik des Konflikts anzusprechen und den Fokus auf die künstlerische Eigenart des Theaters gerichtet. Für die drei ist die Volksbühne unter Castorf ein Vorbild. Das Eingeschworene und Familiäre des Ensembles wollen sie in ihrem eigenen Projekt verwirklichen.

          „Die Luftgitarren-Bewegung ist wichtig geworden“, sagt Castorf an einer Stelle im „Wetter“-Interview. Ist sie das? Die Luftgitarren-Bewegung? Der Leser wird durch derlei frische und im positiven Sinne naive Einfälle immer wieder aus seiner Denkhöhle gelockt. Doch leider - und das ist die Kehrseite einer von Bewunderung geleiteten Unterhaltung - geraten die Gespräche ohne Einspruch oder Gegenargument des Fragenden auch zur Plauderei.

          Ein Auge für das Besondere

          Die drei „Wetter“-Macher schreiben über Bands, Bücher, Künstler oder Autorinnen, mit denen sie etwas anfangen können, von denen sie Fans sind. Die Kritik überlassen sie dem Feuilleton. Der Austro-Pop gefällt ihnen. Voodoo Jürgens und Bilderbuch sind Wiener Bands, bei denen es im Moment brennt. Sie kreieren Klangbilder, die alte Pop-Ideale kopieren, zugleich aber die bekannten und konsumierten Muster karikieren. Das Großväterliche im Stil von Voodoo Jürgens, das ebenso als ironische Selbstbeschreibung zu verstehen ist, kommentiert bissig, wie satt und imprägniert junge Menschen durch ihren digitalen Alltag laufen. Solche Besonderheiten der Kultur ausfindig zu machen zählt zu den Qualitäten von „Das Wetter“.

          Am vergangenen Freitagabend fand im Mirika eine Veranstaltung mit dem Titel „Ist das noch Literatur?“ statt, die von „Das Wetter“ mitorganisiert wurde. Es war der verkörperte Beweis für das Netzwerkartige der Berliner Theater- und Kultur-Szene – in seiner Schönheit und Selbstzufriedenheit. Ein bisschen heile Welt, für einen Abend. Auf der Bühne saß neben dem Dramatiker Bonn Park, der an der Volksbühne inszenierte, unter Castorf arbeitete und für das Magazin schreibt, Julia Zange, die im Moment mit ihrem Roman „Realitätsgewitter“ auffällt. Die Bar war voll, viele mussten stehen, alle waren bester Laune. Der Untertitel der Veranstaltung lautete „Hass“. Darum sollte es in den Texten von Zange und Park und im Gespräch mit Sascha Ehlert gehen. Charlotte Krafft von der Gruppe „Rich Kids of Literature“, die ebenso als Veranstalter des Abends auftraten, zitierte Thomas Bernhard. Für einen kurzen Moment tauchte da der „Hass“ auf, allerdings nur als ein Zitat. Die österreichische Gewitterwolke verzog sich. Der Rest des Abends war so friedvoll wie ein sonniger Tag am See.

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