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Magazin „Flow“ : Lasst uns einen Baum umhäkeln!

Ein Magazin wie ein Biosmoothie-Startup im Szeneviertel: „Flow“ sieht überall Blumen. Bild: Gruner + Jahr

Nicht ohne mein selbstgebasteltes Motivationsposter: Über die Welt, die das Frauenmagazin „Flow“ beschwört, kann man sich nur wundern.

          3 Min.

          Als ich an dem knatschbunten Heftstapel im Supermarkt vorbeilief, dachte ich zuerst „Höh?“ und dann bei näherem Hinsehen: „Ach, du meine Güte.“ Ich musste gleich diese „Flow“ kaufen und anschauen, denn so etwas war mir bis dato noch nicht begegnet: eine Frauenzeitschrift, der die Extras „Liebesheftchen“ und „Geschenkanhänger“ beiliegen und die nicht die „Bravo Girl“ ist, sondern sich an Erwachsene zu richten vorgibt. Auf Seite drei der annoncenarmen Angelegenheit (gut, irgendwo inseriert die Anthroposophenkosmetikmarke Weleda) kann man seinen Namen unter den schreibschriftschnörkeligen Satz „Diese Flow gehört:“ eintragen.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          „Flow“ gibt es in den Niederlanden seit 2008, in Deutschland erschien die erste Ausgabe im November 2013. Anscheinend hat man ziemlich viele Hefte des Magazins „für Achtsamkeit, Inspiration, Zeitgeist und Paperlovers“ verkauft, denn inzwischen erscheint „Flow“ nicht sechsmal, sondern achtmal im Jahr, die Auflage beträgt 210.000 Exemplare. Damit ist sie kein Nischenprodukt: Die „Vogue“ liegt bei 140.000, „Schöner Wohnen“ bei 220.000 Exemplaren. Na gut, „Landlust“ hat fünfmal so viel. Die Zielgruppe sind „gebildete, kreative und neugierige Frauen“. Es gibt vier Themenbereiche: „Feel connected“ (das Sozialleben), „Live mindfully“ (leg das Smartphone weg), „Spoil yourself“ (kaufen und essen) und „Simplify your life“ (Psychozeugs und praktische Anleitungen). Alle auf unterschiedlichen Papiersorten – für die Paperlovers.

          Angeflauschte Gegenwartsdiagnosen an Wohlfühlschäumchen

          Die Aufmachergeschichte „Mit einem frischen Blick auf die Welt“ setzt Ton und Thema für das Heft. „Unser Kopf gleicht einer randvollen Regentonne, gefüllt mit Wissen, Fakten und Alltagsgedanken. Deshalb haben wir es verlernt, die Welt mit den unbefangenen Augen eines Kindes zu betrachten“, heißt es da. Ich für meinen Teil habe vierzig Jahre lang hart daran gearbeitet, das nicht mehr zu tun und gebe meinen befangenen, erwachsenen Blick nur ungern auf. Das ist vielleicht ein Fehler, weil man derartige angeflauschte Gegenwartsdiagnosen an Wohlfühlschäumchen sonst nicht erträgt. Die Prämisse lautet: Alles ist so schnell und so anstrengend, wir sind so eingefahren und machen nichts mehr mit den Händen. Das ist eventuell nicht ganz falsch, lässt sich aber durch die gutgeölte Entschleunigungsvokabel-Routine auch nicht lösen, die einem hier um die Ohren gepfeffert wird.

          Ein guter Teil des Heftes wird darauf verwandt, uns kreative Existenzen vorzustellen. Eine Künstlerin hat gerade eine Küchentuchlinie herausgebracht. Eine Schmuckdesignerin sagt: „Mein Zuhause ist mein Moodboard.“ Sie lebt allein. Eine Foodstylistin steht Bequemlichkeit „sehr kritisch gegenüber“. Eine Autorin sammelt schöne Wörter in einer Kladde. Gleich auch mal anfangen: Dividendenaktien, Nierenzapfen, Hochton-Kalotte. Toll. Nimm doch mal Klavierstunden, lern doch mal Spanisch, schreib doch mal einen Liebesbrief, verputz mal eine Wand, ernsthaft jetzt, hör mal wieder ein bisschen Klassik. Nicht, um sich mit Musikgeschichte auseinanderzusetzen, sondern weil es guttut. Kultur, ja, aber bloß nicht zu heftig. So etwa auf dem Level eines Geschenkbändchens „Schopenhauer für Verliebte“.

          Texte, mit Glitzergarn auf Ökoleinen gobelingestickt

          Dieses Magazin ist das zeitschriftgewordene Äquivalent zum Biosmoothie-Start-up im Szeneviertel, es ist der Instagram-Account eines Modemädchens mit Bastelfetischismus und motivierenden Fensterbildern, das Layout wurde bei Etsy zusammengekauft und die Texte mit Glitzergarn auf Ökoleinen gobelingestickt. Es streichelt jeden, tätschelt Köpfe, deckt ein Tischchen, stellt ein Zuckerdöschen von Oma daneben und flüstert: Los, fühl dich wohl, mach schon!

          „Die Erzählgeschwindigkeit ist fast literarisch“, sagte die Chefredakteurin Sinja Schütte zur ersten Ausgabe. Ich widerspreche: Nein, ist sie nicht. Die Texte zu lesen ist ungefähr, wie Bob Ross beim Malen zuzuschauen, und es lobotomiert einen in ähnlich willenlose Bewusstseinszustände. Das ist wahrscheinlich dieses Achtsamkeitsding. Man atmet so lange in sich hinein, bis man mit Freunden einen Baum umhäkeln möchte.

          Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht gelobt werden, weil ich das Abenteuer unternehme, einen Knopf anzunähen. Ich möchte bitte nicht behandelt werden wie meine eigene lernschwache kleine Schwester. Mein feministischer Antrieb besteht hauptsächlich aus dem Bedürfnis, nicht verarscht werden zu wollen, und dieses Magazin gehört leider in genau diese Kategorie: Es nimmt mich und meine Probleme nicht ernst, sondern will sie wegstreicheln. Da kann man sich schon mal aufregen. Und wissen Sie, was einer der besten Antriebe für kreative Produktivität ist, noch vor Blümchenporzellan und einem Moodboard? Genau: Wut.

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