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Was Männer und Frauen wollen : Grillgut hier, Lipgloss dort

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Immer das Gleiche, immer anders: Der Magazinmarkt will wissen, was Damen und Herren wollen. Bild: Fricke, Helmut

Männer und Frauen passen nicht zusammen. Schon gar nicht, wenn es um die Lektüre geht. Die Lebensentwürfe, die uns Lifestyle-Magazine anbieten, sehen uns jedenfalls in Rollen, in denen wir uns noch nie sahen. Zwei Standpunkte.

          5 Min.

          Was braucht der Mann von heute? Ein Sixpack und einen Grill. Ein paar Accessoires, den richtigen Gürtel zu den richtigen Schuhen, einen frischen, herben Duft, einen Sportwagen, gerne ein Cabrio. Dann kommt der Rest fast von allein - der Sexappeal und die Frauen.

          Das zumindest legen die Männermagazine nahe, die zur Fußball-WM alle mit einem besonderen Kick aufwarten. „Men’s Health“ hat „die coolsten WM-Frisuren“, „GQ“ stellt „die schönsten Frauen von Rio de Janeiro“ vor, der „Playboy“ hat eine „Weltauswahl“ aufgestellt („das heißeste Nationen-Team aller Zeiten“) und macht sich auf seine spezielle Weise für den Frauenfußball stark. Die Einstimmung auf die Tage bis zum Endspiel kann José Redondo-Vega, dem Chefredakteur von „GQ“, nicht martialisch genug sein: „Die Deutschen ziehen mit wehenden Fahnen durch die Städte, das Volk brüllt, es besetzt Straßen, es fordert Angriff. Wenn wir diese Beschreibung lesen, steht Geschichtskundigen Angstschweiß auf der Stirn, aber nach kurzem Innehalten wissen wir: Entwarnung. Es ist mal wieder Fußball-WM.“ Ob der Mann vor Redaktionsschluss jemals einen Gegenleser an seine Texte lässt?

          Essen, Sport, Libido

          Im „Playboy“ gibt es nach wie vor diese tollen Interviews, derentwegen die Publikation ja seit Jahrzehnten überhaupt auf dem Markt ist. Man muss die Gespräche allerdings suchen zwischen all den eingeölten Schönheiten. Der Regisseur Sönke Wortmann gibt Auskunft, ebenso Bundestrainer Jogi Löw, der lauter nette Sachen sagt, die man gleich wieder vergessen hat. Lothar Matthäus hingegen vergibt in „GQ“ abermals die Chance zu zeigen, dass er längst nicht so doof ist, wie man in Deutschland von ihm denkt. Und man wundert sich wirklich, warum er sich immer wieder von der Boulevardpresse am Nasenring in jeden Fettnapf westlich des Urals führen lässt. Von ihm stammt übrigens, wie wir hier erfahren, der angebliche „Kultsatz“ der Modebranche: „Der Gürtel muss zu den Schuhen passen.“

          Dass Männermagazine im Augenblick auf Fußball setzen, ist klar, erstaunlicherweise aber wächst auch zusammen, was wir zunächst in unterschiedliche Schubladen gesteckt hätten: Essen, Sport und Libido. In dem sündhaft teuren Heft „Beef“ (9,80 Euro) etwa, das mit einem XXL-Burger aufwartet, nach dem man drei Wochen fasten und mindestens so lange Übungen machen muss, wie sie „Men’s Health“ auf jeder zweiten Seite anbietet, hockt ein Hühnchen in recht frivoler Erwartung des Grills herum. Das Fitnessmagazin wiederum verrät nicht nur, „wie die Wampe jetzt baden geht“, sondern gibt auch Tipps zum „Kochen wie ein Kerl“.

          Man solle sich nicht „von der Food-Industrie gängeln“ lassen und „Zeugs wie matschige Kartoffeln im Glas oder quallige Nudeln aus der Dose“ kaufen, meint Chefredakteur Markus Stenglein. Da gibt es „gesundes Fast-Food“, die Abfütterung der „elf Freunde“ und „schnelle Dating-Menüs“. Die hohe Kunst des Kochens, lernen wir, besteht für den Mann darin, so feinfühlig aufzutischen, dass „Ihre Flamme garantiert bis zum Frühstück bleibt“. Bei „GQ“ gibt es immerhin ein omnikompatibles Käsebrot.

          Der „Playboy“ wiederum kategorisiert Frauen auch anhand ihrer sportlichen Vorlieben. Die Kurzfassung: Golferinnen stehen auf Affären, Mountainbikerinnen sind treu. Wohl dem, dessen Nachbarin ein Golfset in der Garage hat (oder auch nicht). Ohne Sport ist laut „Men’s Health“ ohnehin tote Hose. Der „Playboy“ wartet mit den „Sex-Tipps der Trainer“ auf. Demzufolge macht der brasilianische Coach Luiz Felipe Scolari seinem Team in dieser Hinsicht nur eine Vorgabe: „Keine Akrobatik, das geht nicht.“

          Den Ball flach halten

          Lese ich die Magazine von vorne bis hinten, kommt mir der Satz eines berühmten Zeitschriftenmachers aus der Burda-Stadt Offenburg in den Sinn, der einmal sagte: Zeitschriftenmachen für Männer ist langweilig, denn die haben nur drei Themen: Autos, Sport und Frauen. Um Interieurs geht es in diesem Magazinsegment tatsächlich weniger, gesellschafts-, familien- und bildungspolitische Themen halten sich in Grenzen, die Rolle des Mannes in der Gesellschaft fehlt, dafür wird man(n) wie ein Pfingstochse ausstaffiert (Hemd, Hose, Schuhe, Uhr) und mit Tipps eingedeckt wie im Kindergarten: Tue dies nicht, lass das weg, nimm dies, iss jenes, mache zwanzig Sit-ups oder (sehr apart) Aqua-Kickboxen.

          Der Mann ist ein Mängelwesen, selbstbezogen, kein Zoon politikon. Wobei die Magazine alle paar Seiten mit Anregungen aufwarten, die dem eben Dargestellten vollständig widersprechen. „Men’s Health“ berichtet über vermeintliche Vorzüge eines Gen-Tests (knapp 300 Euro). Dessen Ergebnis kann besagen: Der ganze Firlefanz nutzt nichts, wegen der genetischen Prägung.

          Da lobe ich mir das im Juli 2014 einzig wahre Männermagazin - das „Kicker“- Sonderheft zur WM. Die Jungs halten den Ball flach. Und wie sagt Jogi Löw im „Playboy“ auf die Frage, ob es einen besseren Zeitpunkt gebe, als Nationaltrainer

          zu gehen, als nach einem WM-Titel:

          „Vielleicht nach zwei gewonnenen Titeln?“ Genau.

          Michael Hanfeld

          ***

          Wenn Frauen eins nicht brauchen, so viel steht nach dem Kopfsprung in einen Stapel Frauenzeitschriften schnell fest, dann Männer. Weder zum Schönsein noch zum Erfolgreichsein, Sexysein, Muttersein, Selbstbewusstsein, Ausgeglichensein (dazu schon mal gar nicht), Kreativsein, Erleuchtetsein, fürs perfekte Yoga, das perfekte Detox-Feeling, die perfekt dekorierte Wohnung, überhaupt das ganze perfekte Leben, das in dieser Saison betont lässig im Do-it-yourself-Style daherkommt, total vegan oder polygam, egal, zu dem aber, gemeinste aller Finten, inzwischen unbedingt gehört, die eigenen Makel zu akzeptieren - und dank Botox trotzdem sensationell auszuschauen.

          Kein Wunder also, dass Lisa in „myself“ ganz locker vom Hocker ausplaudern kann: „Als sich mein Mann entschied, eine Frau zu werden, begann ein anderes Leben.“ Ach. Dass der Mann auch in diesem Sommer entschieden kein Must-have-Accessoire ist, liegt natürlich daran, dass er - so suggerieren die papiernen Surrogate von einer als Mädelsabend getarnten Powershoppingtour - niemals Ziel der Bemühungen ist, um die Frauenzeitschriften wohl bis in alle Ewigkeit kreisen: glatte Haut, glatter Hintern, tolles Haar, tolles Outfit, zehn Kilo weniger, innerer Frieden. Denn Frauen sind komplizierter.

          Das gleiche Rad immer neu erfinden

          Was Magazine von „myself“ bis „Madame“ in die Dauerschizophrenie führt, von Selbstbewusstsein und Selbstfindung zu reden (gerne in Interviews, diesmal zum Beispiel mit Susan Sarandon und Bascha Mika) und das Ganze mit zielgerichteten Selbstoptimierungsanweisungen („Lust auf einen neuen Look? Wagen Sie doch mal die ultimative Trendfarbe Platin!“), Illusionen („Schluss mit Winkearmen“) und einem Produktfuror (immer schön mit Herstellername und Preis) zu kombinieren.

          Das passt nicht zusammen, Aber so läuft das Business eben, wissen wir ja alle, trotzdem sind die Modestrecken in der „Vogue“ nett anzschauen und die Vorher-nachher-Fotos „Pimp a Mom“ in „Brigitte Mom“ vielleicht eine Hoffnung für alle mit Milchspei auf der Schulter. Mehr noch aber ein Paradebeispiel dafür, dass neben einem Vorher-Bild in Schwarzweiß das farbige Nachher grundsätzlich der Knaller ist.

          Amüsanter noch ist es da zu sehen, wie Redaktionen das immer gleiche Rad immer neu erfinden müssen. Beispiel Rezepte: Die Rettung sind immer exotischere Zutaten. Blüten im Salat, komische Keime. Tofu war gestern. Und dann gibt es natürlich noch die neuen Magazine, die ihr Glück in den Trendnischen suchen, die sich gerade auftun. Wellness und Esoterik zum Beispiel. Da wäre etwa das „Mindstyle Magazine“ namens „Happinez“, das im extragroßen Format einen achtsamen Konsumtipp nach dem anderen aneinanderreiht: etwa das neue Buch von Coelho oder das Seminar eines „Heilers“. Dazu gibt es Runen-Karten, um das eigene Schicksal zu lesen, und eine Reise zu Lieblingsorten Hermann Hesses, die wir so ähnlich schon in „Madame“ gelesen haben - 4,95 Euro kostet das spirituelle Werbeblatt.

          Irgendwie vorhersehbar

          Gruseliger ist allerdings „Der Vintage Flaneur“, ein kleines Heft auf braunem Papier, das sich ganz der Präsentation von Retro-Mode verschrieben hat. Da posieren „Fräulein“ - so zeichnen hier auch Redakteurinnen - wie schlechte Imitate von Dita von Teese in Petticoats, dazu gibt es journalistische Tiefschläge wie im Beitrag zur Mode der vierziger Jahre: „Die wohl prägendste Phase dieses Jahrzehnts war der Zweite Weltkrieg, der von 1939-1945 den Menschen so einiges abverlangte.“ Ist es da beruhigend, dass vorne im Blatt „Vintage gegen rechts“ steht?

          Danach hilft nur eine Dosis „Fräulein“ der anderen Art. Das gleichnamige Heft hat sich mit seiner Mischung aus Style und Hirn für unkonventionelle Frauen etabliert, für Underground-Kultur und schräge Typen, aber gerade das macht es irgendwie auch vorhersehbar. Das Interview mit einer Pornodarstellerin ist es jedenfalls. Bleibt der Griff zu dem Heft, das ihr männliches Pendant - ebenso vorhersehbar - zu Wort kommen lässt: „Séparée“, das neue Erotik-Magazin für die Frau. Und da taucht er dann auf, der Mann, zwischen einer Geschichte des BHs und einer Fotostrecke mit Nylonstrümpfen. Er ist nackt, steht unter der Überschrift „Hallo, Herr Nachbar“ und hält eine blaue Werkzeugkiste in der Hand. Der Tipp der Modefachfrau aus „myself“ ist ihm wohl entgangen. Der lautete nämlich: Tragt mehr Kleider.

          Ursula Scheer

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