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Was Männer und Frauen wollen : Grillgut hier, Lipgloss dort

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Das gleiche Rad immer neu erfinden

Was Magazine von „myself“ bis „Madame“ in die Dauerschizophrenie führt, von Selbstbewusstsein und Selbstfindung zu reden (gerne in Interviews, diesmal zum Beispiel mit Susan Sarandon und Bascha Mika) und das Ganze mit zielgerichteten Selbstoptimierungsanweisungen („Lust auf einen neuen Look? Wagen Sie doch mal die ultimative Trendfarbe Platin!“), Illusionen („Schluss mit Winkearmen“) und einem Produktfuror (immer schön mit Herstellername und Preis) zu kombinieren.

Das passt nicht zusammen, Aber so läuft das Business eben, wissen wir ja alle, trotzdem sind die Modestrecken in der „Vogue“ nett anzschauen und die Vorher-nachher-Fotos „Pimp a Mom“ in „Brigitte Mom“ vielleicht eine Hoffnung für alle mit Milchspei auf der Schulter. Mehr noch aber ein Paradebeispiel dafür, dass neben einem Vorher-Bild in Schwarzweiß das farbige Nachher grundsätzlich der Knaller ist.

Amüsanter noch ist es da zu sehen, wie Redaktionen das immer gleiche Rad immer neu erfinden müssen. Beispiel Rezepte: Die Rettung sind immer exotischere Zutaten. Blüten im Salat, komische Keime. Tofu war gestern. Und dann gibt es natürlich noch die neuen Magazine, die ihr Glück in den Trendnischen suchen, die sich gerade auftun. Wellness und Esoterik zum Beispiel. Da wäre etwa das „Mindstyle Magazine“ namens „Happinez“, das im extragroßen Format einen achtsamen Konsumtipp nach dem anderen aneinanderreiht: etwa das neue Buch von Coelho oder das Seminar eines „Heilers“. Dazu gibt es Runen-Karten, um das eigene Schicksal zu lesen, und eine Reise zu Lieblingsorten Hermann Hesses, die wir so ähnlich schon in „Madame“ gelesen haben - 4,95 Euro kostet das spirituelle Werbeblatt.

Irgendwie vorhersehbar

Gruseliger ist allerdings „Der Vintage Flaneur“, ein kleines Heft auf braunem Papier, das sich ganz der Präsentation von Retro-Mode verschrieben hat. Da posieren „Fräulein“ - so zeichnen hier auch Redakteurinnen - wie schlechte Imitate von Dita von Teese in Petticoats, dazu gibt es journalistische Tiefschläge wie im Beitrag zur Mode der vierziger Jahre: „Die wohl prägendste Phase dieses Jahrzehnts war der Zweite Weltkrieg, der von 1939-1945 den Menschen so einiges abverlangte.“ Ist es da beruhigend, dass vorne im Blatt „Vintage gegen rechts“ steht?

Danach hilft nur eine Dosis „Fräulein“ der anderen Art. Das gleichnamige Heft hat sich mit seiner Mischung aus Style und Hirn für unkonventionelle Frauen etabliert, für Underground-Kultur und schräge Typen, aber gerade das macht es irgendwie auch vorhersehbar. Das Interview mit einer Pornodarstellerin ist es jedenfalls. Bleibt der Griff zu dem Heft, das ihr männliches Pendant - ebenso vorhersehbar - zu Wort kommen lässt: „Séparée“, das neue Erotik-Magazin für die Frau. Und da taucht er dann auf, der Mann, zwischen einer Geschichte des BHs und einer Fotostrecke mit Nylonstrümpfen. Er ist nackt, steht unter der Überschrift „Hallo, Herr Nachbar“ und hält eine blaue Werkzeugkiste in der Hand. Der Tipp der Modefachfrau aus „myself“ ist ihm wohl entgangen. Der lautete nämlich: Tragt mehr Kleider.

Ursula Scheer

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