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Medienkritik aus dem Rathaus : Wie sich Madrids Bürgermeisterin gegen die Presse wehrt

Manuela Carmena wehrt sich gegen schlampige und verzerrende Berichterstattung. Bild: Reuters

Die neue Bürgermeisterin Madrids korrigiert auf einer eigenen Website missliebige Berichterstattung. Die spanischen Medien sind empört. Dabei kann sie selbst „El País“ schlampige Recherche nachweisen.

          Die neue Bürgermeisterin der Stadt Madrid hat eine Website einrichten lassen, auf der Medienberichte über die Stadtverwaltung korrigiert, als unvollständig oder unwahr hingestellt werden. Die ersten fünf Fälle schlampiger Pressearbeit sind darauf schon zu besichtigen. „Versión Original“ nennt sich die Seite. Im Kino steht V.O. für die nicht synchronisierte Fassung. Den unverfälschten Originalsound aus dem Rathaus zu hören ist wohl ein schöner, dummer Traum, aber dafür wurde diese Bürgermeisterin im Mai gewählt: Manuela Carmena, 71 Jahre alt, eine ehemalige Richterin, hat Madrid nach Jahrzehnten konservativer Herrschaft für die linke Formation „Ahora Madrid“ (Jetzt Madrid) erobert und tut gerade ihre ersten Schritte auf der politischen Bühne, unterstützt von der jungen Protestpartei Podemos.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die beiden größten spanischen Tageszeitungen, „El País“ und „El Mundo“, haben die ersten Wochen Carmenas ungnädig begleitet. Die Formation „Ahora Madrid“ erweckt einen ziemlich chaotischen Eindruck. Noch bevor der Madrider Kulturreferent sein Büro einrichten konnte, musste er schon zurücktreten, weil sein vor vier Jahren geschriebener antisemitischer Tweet die Runde machte.

          Keine „Aura von Zensur“

          Auch die Pressesprecherin der Bürgermeisterin geriet in die Schlagzeilen, weil sie vor Jahren einen Gottesdienst auf dem Universitätscampus gestürmt und vor den Gläubigen ihre Brüste entblößt hatte. Man darf die neue Medienkorrektur aus dem Rathaus also rechthaberisch nennen. Aber ist sie auch „ein inakzeptables Propaganda-Instrument, das die Presse unter Druck setzen soll“, wie „El Mundo“ schreibt?

          Wohl kaum. Auch das Konkurrenzblatt „El País“ blies sich mächtig auf und forderte die Abschaffung der Internetseite. Die spanische Journalistenvereinigung meinte gar, darin „eine Aura von Zensur“ zu erkennen, und die Regierungspartei PP sprach vollmundig von einem „Angriff auf die Pressefreiheit“.

          Mehr Selbstkritik der spanischen Medien

          Doch verblüffenderweise machte sich niemand die Mühe, die veröffentlichten Fälle auf ihre sachliche Richtigkeit zu prüfen. „Versión Original“ korrigiert fünf Medienberichte, erschienen zwischen dem 23. Juni und dem 13. Juli. Bei einem bleibt das Rathaus die angekündigte Quelle schuldig, bei einem zweiten stehen die Gegenargumente auf schwachen Füßen. Doch in den drei anderen Fällen handelt es sich um eindeutige Falschinformation oder bewusst verzerrende Überschriften durch spanische Medien, und es ist ausgesprochen nützlich, sich damit zu beschäftigen. Bürgermeisterin Manuela Carmena weiß als Juristin genau, dass es uferlos wäre, sich durch den Gang vor Gericht gegen tendenziöse Berichterstattung zu wehren. Aber man kann eine Behauptung der Medien mit der Originalquelle kontrastieren und einen Sinn für jenes „close reading“ wecken, das im rechthaberischen Geschnatter der Gesellschaftskanäle verlorengegangen ist.

          In mehr als einem Fall bemäntelt die Empörung der Medien auch eigenes Versagen. Wenn „El País“ eine lange Reportage veröffentlicht und darin Informationen auslässt, die seit Tagen auf der Website des Madrider Rathauses zu lesen waren, ist das schlechte Recherche. Auch die Rede von „Zensur“ ist demagogisch. Zensur hieße, die Bürgermeisterin wolle unliebsame Berichte verhindern. Doch das ist nicht der Fall. Sie bittet nur um mehr Sorgfalt bei der Berichterstattung. Übrigens hat „Versión Original“ ein berühmtes Vorbild, nämlich die Website des Europäischen Rates (http://blogs.ec.europa.eu/ECintheUK/), die in ziemlich scharfem Ton die verzerrenden Medienberichte über die EU-Politik kommentiert und auch vor Wendungen wie „völliger Blödsinn“ nicht zurückschreckt. Die Aufregung der spanischen Medien ist also unbegründet. Sie sollten gründlicher arbeiten und Selbstkritik lernen, dann wäre die Korrekturwebsite bald überflüssig.

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