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„Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner : „Die Zuschauer darf man nie für dumm verkaufen“

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Auf der Straße des Erfolgs: Matthew Weiner vor den „Emmys“ in seinem Haus in Los Angeles. Bild: Brad Swonetz/Redux/Redux/laif

„Mad Men“, ein Hohelied auf die Sechziger? Mitnichten. Kurz vor dem Ende der Serie verrät ihr Schöpfer Matthew Weiner, warum er die Gegenwart schätzen gelernt hat.

          5 Min.

          Mr.Weiner, bald ist es vorbei mit Don Draper und den „Mad Men“. In den Vereinigten Staaten ist die erste Hälfte der letzten Staffel schon gelaufen, Sie arbeiten an den finalen Folgen – wie geht es Ihnen dabei?

          Es ist hart, wirklich hart. Aber nichts war so hart wie der Beginn der ganzen Geschichte. Das Skript zum Piloten für „Mad Men“ habe ich vor vierzehn Jahren geschrieben, kein Sender wollte die Serie produzieren, also ging ich als Autor zu „The Sopranos“. Sieben Jahre später schaffte ich es endlich, „Mad Men“ auf Sendung zu bringen, seitdem habe ich jeden Tag mit dem Projekt verbracht. Mein Sohn ist darüber groß geworden, er geht nächstes Jahr aufs College. „Mad Men“ – das ist ein Drittel meines Lebens, und loszulassen fällt mir schwer. Nicht zuletzt, weil das Team, das an der Serie arbeitet, zu einer Art Familie geworden ist. Das ist ein Klischee, aber es ist wahr. Andererseits: Erst jetzt, bei der Nachproduktion für die allerletzten Folgen, stellt sich bei mir das Gefühl ein, in den vergangenen Jahren wirklich etwas geleistet zu haben.

          Ist das Ende von „Mad Men“ unvermeidlich? Man könnte die Geschichte vom Niedergang des Werbers Don Draper auch endlos fortspinnen.

          Ich hatte von Beginn an eine Ahnung davon, wohin alles sich entwickeln würde. Ein wirklich klares Bild von Dons Ende habe ich aber erst seit etwa drei Jahren, das entwickelte sich zwischen der dritten und der vierten Staffel. Wir erzählen die Geschichte einer Gruppe von Menschen über ein Jahrzehnt hinweg. Dafür nach 92 Stunden Sendezeit einen natürlich wirkenden Schluss zu finden, war eine große Herausforderung. Denn in all den Jahren davor war meine größte Sorge, die Zuschauer von Folge zu Folge bei der Stange zu halten. Ein Ende zu schreiben, ist eine völlig andere Übung. Zudem ist die letzte Staffel in zwei Hälften geteilt, die zweite geht erst nächstes Jahr auf Sendung. Auch das hat uns vor Schwierigkeiten gestellt. Ich hoffe, uns ist ein würdiges Finale gelungen, auch wenn wir nicht alle Ideen untergebracht haben, die wir noch auf dem Zettel hatten.

          Vier „Golden Globes“, sieben „Emmy“-Awards, zahlreiche weitere Preise: „Mad Men“ gilt als Fernsehserie, die das Genre neu definiert hat, mit hervorragender Ausstattung und ausgefeilten Dialogen. Aber eigentlich passiert nicht viel in der Madison Avenue, und wenn, ist es ziemlich deprimierend. Überrascht Sie der Erfolg einer so melancholischen Story, in der es immer nur bergab geht?

          Mich schockiert dieser Erfolg regelrecht. Ich dachte, ich schreibe da etwas, das mich interessiert und das ein paar Leute, die ich kenne, doch dass es so viel Anerkennung finden würde, hätte ich nicht gedacht. Aber in der Unterhaltungsbranche wird man offensichtlich belohnt, wenn man etwas anderes anbietet als all die anderen, und sei es melancholisch. Klar bieten wir auch viele typische Unterhaltungselemente, persönliche Geschichten, jede Menge Sex, aber dass den Leuten die Serie gefällt, hängt meinem Empfinden nach vor allem damit zusammen, dass sie so etwas wie Katharsis bietet, keinen Eskapismus. Man geht rein in diese trüben Gefühle und geht verändert wieder raus. Das ist ein sehr altes Konzept von Unterhaltung, und darauf zu setzen war eine mutige Entscheidung des Senders AMC.

          Der Titel der Serie „Mad Men“ kann wahlweise für „verrückte Männer“ oder die „Männer von der Madison Avenue“ stehen.
          Der Titel der Serie „Mad Men“ kann wahlweise für „verrückte Männer“ oder die „Männer von der Madison Avenue“ stehen. : Bild: Doug Hyun/AMC/Lionsgate

          Was macht eine Geschichte für Sie persönlich interessant?

          Wenn sie etwas mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Als ich den Pilotfilm geschrieben habe, war ich 35 Jahre alt, als die Serie startete, war ich 42, also ein bisschen älter als Don. Ich fand es faszinierend, in seiner Geschichte meine eigenen Probleme und Gedanken zu spiegeln – und die meiner Mitautoren. Die Bücher entstehen in Gemeinschaftsarbeit.

          Wie genau läuft der Schreibprozess ab?

          Alles fängt damit an, dass ich eine Idee habe. Ich stelle mir vor, wie das Leben der Charaktere sich entwickeln könnte, grobe Vorstellungen sind das, in der Art: Don lässt sich scheiden und heiratet seine Sekretärin. Die anderen Autoren packen ihre Idee dazu, dann entwickeln sie einzelnen Episoden. Meistens entstehen die Szenen aus einem kleinen Fetzen Dialog. Oft träume ich einzelne Zeilen oder schnappe sie irgendwo auf. Ich diktiere die Skripts, ich muss sie laut sprechen. Wenn ich nicht auf einen Computerschirm schaue, komme ich eher in einen Zustand, den man wohl Flow nennt, ich kann dann eine Geschichte erzählen, ohne über irgendetwas anderes nachzudenken als das, was die Charaktere sagen. Das ist nahezu Arbeiten aus dem Unterbewussten. Die anderen Autoren rupfen anschließend wieder alles auseinander und setzen es neu zusammen, bis der Feinschliff stimmt.

          Sind Sie ein geduldiger Mensch?

          Nein, überhaupt nicht. Mein größtes Glück bei „Mad Men“ war, dass alles schnell ging, als die Serie einmal lief. Da blieb nichts lange liegen und wartete darauf, irgendwann vielleicht mal gesendet zu werden.

          In „Mad Men“ geht es um das Wohl und Wehe von Mitarbeitern einer Werbeagentur in den Sechzigern. Aber wie würden Sie beschreiben, worum es auf einer tieferen Ebene geht?

          Am Anfang wollte ich über Veränderungen erzählen. Darüber, wie sich Amerika damals veränderte, die Kultur, das Leben der Menschen. Aber all das ist ja bestens dokumentiert. Je länger das Projekt dauerte, desto klarer wurde mir, dass ich mich mehr für das interessiere, was sich nicht verändert hat. Wie es ist, morgens aufzuwachen und zur Arbeit zu gehen, eine Beziehung zu haben, Kinder zu bekommen.

          Hat sich auch Ihr Blick auf die sechziger Jahre verändert?

          Sehr. Erst ging ich an die Sache nach dem Motto heran: Was ist nur aus Amerika geworden? Wir waren an der Spitze damals, aber im Kern muss etwas falsch gewesen sein mit dieser Gesellschaft, denn ihre Ideale sind verlorengegangen. Heute denke ich, dass unsere Gegenwart so viel besser ist als diese Vergangenheit und dass auch Amerika sich wirklich weiterentwickelt hat zu einem liberaleren Land.

          Glauben Sie, der historische Kontext formt Menschen stark?

          Nein. Zu den wichtigsten Lehren, die ich aus „Mad Men“ mitnehme, gehört die Überzeugung, dass die Weltgeschichte unser tägliches Leben kaum beeinflusst. Sicher, es gibt Ereignisse, über die alle reden, die Mondlandung etwa. Aber wenn Sie mitten in einer Scheidung stecken, braucht es schon eine Menge Weltgeschichte, um dagegen anzukommen.

          Christina Hendricks als Joan Holloway in „Mad Men“.
          Christina Hendricks als Joan Holloway in „Mad Men“. : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Lernt Don Draper eigentlich etwas?

          Er macht Fortschritte, denken Sie an die Szene in der sechsten Staffel, als er eine Anzeigenkampagne für Hawaii entwirft und feststellen muss, dass er den Tod bewirbt. Er erzählt seiner Tochter von seiner Herkunft. Aber in der siebten Staffel wird ihm klar, dass sich persönlich weiterzuentwickeln nicht bedeutet, dass alles, was man davor falsch gemacht hat, verschwindet. Die Fehler bleiben.

          Es gibt also keine Rettung.

          Ich weiß es nicht, aber die Welt kümmert sich oft wenig darum, dass man selbst ein paar Einsichten gewinnt.

          Die Protagonisten von „Mad Men“ sind keine guten Eltern. In den letzten Staffeln rücken ihre Kinder stärker in den Blick. Haben Sie eigentlich Mitleid mit dieser Babyboomer-Generation?

          Nein, ich bedauere sie kein bisschen. Don Draper wuchs während der großen Depression auf, unter erbärmlichen Bedingungen. Was die Babyboomer angeht, zu denen auch ich gehöre: Noch nie wurde von einer Generation so wenig verlangt wie von dieser. Sie ist im Luxus aufgewachsen und dominiert die Kultur noch immer. Viele Angehörige dieser Generation sind materialistisch und extrem selbstsüchtig

          Haben Sie schon neue Projekte?

          Ich weiß, dass es ein neues Projekt geben wird, ich gehe nicht davon aus, dass es so erfolgreich sein wird, aber erst einmal brauche ich eine Pause. Im letzten Jahr habe ich ja auch noch das Drehbuch für den Kinofilm „Are you Here“ geschrieben und Regie geführt, das war ein bisschen viel.

          Wollen Sie in Zukunft mehr für das Kino arbeiten?

          Das Kino reizt mich schon, aber letztlich kommt es mir auf die Geschichte an und darauf, in welches Format sie am besten passt. Außerdem: Heute läuft jedes dieser Formate, ob Kinofilm, Fernsehfilm oder Serie, auf dem kleinen Bildschirm in der Hosentasche, unabhängig von Sendezeiten. Die Grenzen verschwimmen, und „Mad Men“ ist Teil dieser Entwicklung. Wir hatten großes Glück mit unserem Timing. Es kamen eine Menge Dinge zusammen, die das Ganze zum Erfolg machten, eigentlich ist es ein kleines Wunder.

          Wie wichtig ist es in Ihrem Geschäft, Glück zu haben? Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein zum Beispiel?

          Es ist natürlich eine unangenehme Vorstellung, dass wir vom Zufall abhängig sind, aber es wäre naiv, es zu leugnen. „Mad Men“ hätte ich nie so verwirklichen können, wenn ich vor vierzehn Jahren mit meinem Drehbuch untergekommen wäre. Dass ich stattdessen erst für „The Sopranos“ schrieb und lernte, wie David Chase arbeitet, half mir ungemein. Ich fing an, intuitiv zu schreiben, und ich verinnerlichte vor allem, dass wir niemals, wirklich niemals unser Publikum unterschätzen sollen. Es für dümmer halten als uns selbst. Mach die Dinge bloß nicht einfacher, weil du die Leute für nicht so clever wie dich hältst! Ohne diese Lehren wäre „Mad Men“ nicht geworden, was es ist.

          Matthew Weiner und seine Serie „Mad Men“

          Nirgends zünden Männer so stilvoll Zigaretten an und stöckeln Frauen so lässig durchs Büro wie in „Mad Men“, der vielfach preisgekrönten Fernsehserie um eine New Yorker Werbeagentur in den sechziger Jahren. Seit 2007 läuft das Drama um das Schicksal des Werbers Don Draper (Jon Hamm) und seiner Konkurrentin Peggy Olson (Elisabeth Moss) auf dem amerikanischen Kabelsender AMC. Die Produktion setzte, was Ausstattung, Dialoge und Figurenzeichnung betrifft, neue Maßstäbe für historische Fernsehfiktion im Serienformat.

          Der Kopf hinter der Serie ist Matthew Weiner. Der 49 Jahre alte Autor hat sie nicht nur erfunden, sondern ist zugleich ihr Hauptautor und Chefproduzent. Er ist für seine Detailversessenheit berüchtigt. Die Idee zu der Serie hatte er schon vor vierzehn Jahren. Weil kein Sender sich für das Skript interessierte, arbeitete er aber zunächst als Autor und Produzent für die Mafia-Saga „The Sopranos“. Im Gespräch sagt Matthew Weiner, dass er ohne die Erfahrungen, die er dort sammelte, auch „Mad Men“ niemals zu dem hätte machen können, was sie schließlich wurden. Der Erfolg seiner melancholischen Serie überrascht ihn noch immer.

          Im vergangenen Jahr hatte Weiners erster Kinofilm, „Your Are Here“, Premiere. Derzeit arbeitet er am Feinschliff für die letzten Folgen von „Mad Men“. Die Serie wird dann 92 Folgen und ein Jahrzehnt umspannen. In Amerika ist die erste Hälfte der siebten und letzten Staffel schon gelaufen, in Deutschland startet sie am Montag um 21 Uhr auf dem Sky-Ableger Fox.

          eer.

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