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Macht und Massenmedien : Der britische Umsturz

  • -Aktualisiert am

„Labour's lost it”: Das Boulevardblatt „Sun” kündigt die Unterstützung der Regierung auf Bild: AFP

England wirkt in diesen Tagen wie befreit von einer Besatzungsmacht. Es ist, als hätten in den letzten Jahren nicht Blair, Brown und Cameron regiert, sondern Murdoch, Murdoch und Murdoch. Wie mächtig sind Massenmedien wirklich?

          Kein revolutionärer Vergleich ist zu groß in diesen Tagen. Ein Kommentar im „Guardian“ verglich den Mut britischer Politiker, sich plötzlich gegen Rupert Murdoch zu Wort zu melden, mit den vorher unerhörten, unvorstellbaren Buh-Rufen, die dem rumänischen Diktator Nicolae Ceauescu aus einer Menschenmenge entgegenschallten und den Anfang seines Endes bedeuteten. Eine Art „britischer Frühling“ sei unterwegs, kommentierte David Carr, der Medienkolumnist der „New York Times“, „Demokratie ist ausgebrochen in Großbritannien“.

          Am Donnerstagvormittag ließen Rupert Murdoch und sein Sohn dem Vorsitzenden des Medienausschusses des Parlaments noch ausrichten, dass sie sich leider aus terminlichen Gründen nicht in der Lage sähen, kommende Woche vor seinem Komitee zu sprechen. Wenige Stunden später ließ sich das plötzlich doch einrichten. Dazwischen hatte sich tatsächlich ein Bote mit einem offiziellen Schreiben auf den Weg gemacht vom Parlament zum Sitz von Murdochs „News International“. Die „Times“, die man altehrwürdig genannt hatte, bevor Murdoch sie kaufte, schrieb hinterher, dass man einstmals für Missachtung des Parlaments hingerichtet werden konnte und dass der Abgesandte auf dem Weg ausgerechnet am Tower Hill aus der U-Bahn stieg, wo Gefangene öffentlich exekutiert worden waren. Immerhin ließ sich der Ausschussvorsitzende mit den Worten zitieren: „Hinrichtung ist vermutlich keine Option mehr.“

          Rechtzeitig auf die Seite der späteren Sieger

          Es scheint, als sei Großbritannien von einer Besatzungsmacht befreit worden. Ein Bann ist gebrochen, und die Reaktionen sind so heftig, dass man fragen muss, ob es sein kann, dass das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht von Thatcher, Major, Blair, Brown und Cameron regiert wurde, sondern von Murdoch, Murdoch, Murdoch, Murdoch und Murdoch.

          Rupert Murdoch

          Legendär ist der Unterhaus-Wahlkampf 1992, als der konservative Premierminister John Major wiedergewählt werden wollte und alles darauf hindeutete, dass ihm das schwerfallen würde. Am Tag der Wahl erschien Murdochs Massenblatt „Sun“ mit der Schlagzeile: „Wenn (Labour-Führer) Kinnock heute gewinnt, kann die letzte Person, die Großbritannien verlässt, bitte das Licht hinter sich ausmachen“. Major gewann überraschend deutlich die Wahl, und zwei Tage später prahlte die „Sun“: „It’s The Sun Wot Won It“ – Wir haben die Wahl entschieden. Es war nicht nur ein Triumphschrei; es ließ sich auch als öffentliche Aufforderung an die Regierung zu Demut und Gehorsam lesen.

          Tony Blair vernahm die Botschaft. Bevor er fünf Jahre später für Labour antrat, versicherte er sich der Unterstützung Murdochs und der „Sun“. Die nächste Wahl gewann er, so wie jede Wahl seit drei Jahrzehnten von der Partei gewonnen wurde, die die „Sun“ hinter sich hatte.

          Oder war es vielmehr so, dass sich die „Sun“ jedes Mal rechtzeitig auf die Seite der späteren Sieger stellte? Auch bei Kinnock ist keineswegs sicher, dass er den Verlust der Wahl der „Sun“ zuschreiben kann. Viele Briten zweifelten tatsächlich, ob er wirklich der geeignete Premierminister wäre. Wenn die „Sun“ ihn erfolgreich als unwählbar darstellen konnte, dann deshalb, weil sie damit die ohnehin vorhandenen Sorgen der Wähler aufgriff und zuspitzte.

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          1998 war Daniel Finkelstein politischer Berater und Redenschreiber für William Hague. Hague war zu diesem Zeitpunkt erst seit einem Jahr konservativer Oppositionsführer, die nächste Unterhauswahl lag noch drei Jahre entfernt, aber bei einem Parteitag der Tories teilte ihm ein leitender Redakteur der „Sun“ mit, dass die Sache schon gelaufen sei. Er zeigte ihm die Titelseite vom nächsten Tag. Sie zeigte einen toten Papagei, wie im berühmten Sketch von Monty Python. Der Papagei trug das Gesicht von William Hague.

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