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Macht das Internet dumm? : Selbst schuld, wer im Netz verblödet

  • -Aktualisiert am

Dann konzentriert euch mal schön! Bild: Christian Thiel

Der Netzkritiker Nicholas Carr hat in einem vielbeachteten Essay beklagt, dass die Konzentrationsfähigkeit durch das Internet sinke. Kein Grund zum Pessimismus, meint Oliver Jungen. Wer das mentale Großkunstwerk Internet nicht zu nutzen wisse, trage dafür selbst die Verantwortung.

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          Abstraktion als Vermögen: Vor neun Jahren gründeten drei Studienfreunde in der Schweiz das Unternehmen „getAbstract“. Sie wussten offenbar, worauf es Entscheidern ankommt, die Bücher nur noch in Form von Sparbüchern kennen: „Unsere fünfseitigen Zusammenfassungen kommen in einem kurzen, knackigen Magazin-Format daher. Sie können sie in weniger als zehn Minuten lesen - die perfekte Länge, um die Schlüsselinformationen eines Buches zu erfassen. Die logisch strukturierten Zusammenfassungen verzichten auf alles Überflüssige, um Ihre Lektüre so effizient wie möglich zu machen.“ Mehr als vier Millionen Datenbanklizenzen wurden schon teuer verkauft. Ein Fanal?

          Verwerflich ist Komplexitätsreduktion sicher nicht, die Metalektüre eine der wichtigsten Kulturtechniken. Dass im Internet vielfach der Umstieg von Wissen (dem Anspruch nach exakt) auf Information (dem Anspruch nach sozial verwertbar) stattfindet, widerlegt keineswegs den Sinn eines rigiden Aufmerksamkeitsmanagements in Zeiten instantaner Allverfügbarkeit des Weltwissens.

          Krawumm, das sitzt!

          Nun aber hat Nicholas Carr, seit langem im Web 2.0 beheimateter Web-2.0-Kritiker, eine Diskussion über die Veränderung des Leseverhaltens durch das neue Universalmedium angestoßen: Durch das Internet sinke die Konzentrationsfähigkeit, so Carr in einem Essay, der jüngst unter dem Titel „Is Google Making Us Stupid?“ im Magazin „Atlantic Monthly“ erschien. Der heutige Surfer sei auf kurze Texte geeicht, könne längere gar nicht mehr verstehen. Krawumm, das sitzt! Weil es von innen kommt und der Netzeuphorie etwa des Technoliberalisten John Perry Barlow widerspricht. Und wer kennt nicht die Benommenheit nach Stunden im Cybertop? Carr stützt seine Analyse auf eine unumstößliche Autorität: die eigene Erfahrung. Eine Confessio also, populärpsychologisch bebildert, das macht den Reiz des Manifests aus. Darf man es sich aber so einfach machen?

          Weil Carr keine Bücher mehr liest, mag ihm entgangen sein, dass seine Thesen in vielen dieser Langtexte schon vor Jahren und bedeutend vielschichtiger vertreten worden sind. Zahlreiche Blogger reagierten dennoch auf Carr, als wäre über postmoderne Wissensformen noch nie nachgedacht worden. John Battelle etwa bricht eine Lanze für die Bricolage. In „The Reality Club“ liest man, Google habe die Informationsflut nicht erfunden. Clay Shirky bemerkt im Britannica Forum, dass ohnehin längst niemand mehr Tolstoi gelesen habe, weil das einfach die Zeit nicht wert sei. Die Chance des Überflusses sei es, Ballast loszuwerden. Darauf hat Carr geantwortet, hier steche Glaube den Verstand aus. Am hintersinnigsten hat auf die kursierenden Empfehlungen von Carrs Essay ein gewisser „kris“ im „sofa“-Blog reagiert: „zu lang. keinen nerv, das zu lesen“.

          Relative Einsichten in einer relativen Welt

          Weshalb überhaupt die Aufregung? Carrs Essay wärmt schließlich nur die gut abgehangene mediengeschichtliche These vom Ende der Gutenberg-Galaxis auf. Nietzsches Telegrammstil führt er mit Friedrich Kittler auf die Schreibmaschine zurück: Was tut uns da erst der Computer an? Hinzu kommen Platitüden sonder Zahl etwa über den Google-Taylorismus. Ein Verdacht stellt sich ein: Nicht der wenig instruktive Inhalt ist für die Resonanz verantwortlich, sondern der Umstand, dass sich hier ein sehr alter, reflexhafter Kulturpessimismus Bahn bricht. In diesem Fall ist das gleich doppelt bedenklich, historisch und systematisch.

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