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Comedian Florentin Will : Lustiger wär’s, wenn’s lustiger wäre

  • -Aktualisiert am

Gesicht einer neuen Komiker-Generation: Florentin Will, 23 Bild: WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

Deutschland steckt in einer Comedy-Krise, und der junge Komiker Florentin Will möchte das ändern. Im Internet funktioniert das schon ganz gut, nun probiert er es auch im Fernsehen.

          Die Geschichte, wie Florentin Will ins Fernsehen kam, beginnt mit einem unerwarteten Telefonanruf morgens um neun: „Hallo, hier spricht Frank Elstner.“

          In Wahrheit beginnt die Geschichte natürlich viele Wochen vorher, mit seiner Anmeldung bei der „Frank-Elstner-Masterclass“, einer, Achtung: „journalistischen Moderatorenschule für Web-TV der Axel Springer Akademie“, aber die Bewerbung hatte er zu diesem Zeitpunkt längst wieder vergessen. Die Videos, die Will dafür einreichen musste, hatte er am letzten Abend vor dem Abgabetermin noch schnell zusammengeschnitten. Moderator, das stand eigentlich auch nicht auf seinem Lebensplan, aber dann hatte er zufällig gesehen, wie Frank Elstner in der Sendung „Neo Paradise“ für diese neue Schule warb, und dachte sich: „Das ist doch was Handfestes, gute Ausbildung, freut sich die Mama.“

          Das war, wie wir sehen werden, eine überraschend gute Idee, die schließlich dazu führte, dass er im WDR-Fernsehen als einer von neun Nachwuchskomikern die Tradition der Ensemble-Sketch-Comedy im Stil von „Saturday Night Live“ (oder, wenn man will, „Klimbim“) wieder aufleben lässt - in der Show „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von . . .“.

          Man ließ ihn einfach machen

          Zunächst aber schaffte Florentin Will es - wie ihm Frank Elstner an jenem Morgen zu seiner Überraschung mitteilte - in die nächste Stufe des Auswahlverfahrens. Und gehörte schließlich zu den fünfzehn jungen Frauen und Männern, die ein halbes Jahr lang ausgebildet wurden. Das Beste aber war, dass Elstner ihn später mitnahm, als er zu Jan Böhmermann ins „Neo Magazin“ eingeladen wurde, weil er wusste, dass Will ein großer Fan der Show war. Da saß er dann im Publikum. Hihi: Frank Elstner hat seinen Moderationsschüler mitgebracht. Guter Witz. Kann er mal was zeigen? Soll doch mal eine einminütige Zuschauer-Umfrage im Publikum machen.

          „Es war eine Katastrophe“, sagt Will, „der schlimmste Moment meines Lebens.“ Die „Neo Magazin“-Leute schnitten Florentin Will aus der Show, „angeblich, weil meine Umfrage zu lang war“. Als sie ihm vorschlugen, dennoch nächste Woche wiederzukommen, hielt er das für ein reines Alibi-Angebot aus schlechtem Gewissen. Doch dann drehten sie mit ihm einen Film über den Marder, anmoderiert als fundiert recherchiertes journalistisches Stück, das sich als Splatter-Musik-Video im Rammstein-Stil entpuppte („Der Marder raubt dir deine Frau / und schleppt sie in sein’ Marderbau / Kinderfresser, Besserwisser / Marder sind Im-Stehen-Pisser“). Das war verwegen und lustig.

          „Ich dachte: Cool, das kann ich mir einrahmen und über die Wand hängen, das war’s dann“, erzählt Florentin Will. Und wurde dann wieder eingeladen. Diesmal führte er als schlecht gelaunter und noch schlechter informierter Journalist ein Interview mit Jón Gnarr, den Bürgermeister von Reykjavík, schrieb dafür sogar selbst den Text und spielte das Ganze mit erstaunlichem Gespür für Timing. Trotzdem konnte er es nicht glauben, dass man ihn, den 23-Jährigen ohne Fernseherfahrung, der gerade noch Philosophie studiert hatte, das einfach machen ließ.

          Florentin Will (hinten links) im Gruppenbild zur neuen Show „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...“, die erst einmal Frank Elstner zu Grabe trägt

          Und nicht nur das. Die Leute von der Bildundtonfabrik, die das „Neo Magazin“ produzieren, luden ihn auch ins Casting für „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von . . .“ ein, wo er es als Einziger ohne Schauspielausbildung ins Ensemble schaffte. Wenn man Florentin Will fragt, wovon er träumt, was er mal machen will, ist das gerade ein bisschen schwierig. „Vor einem Jahr hätte ich gesagt, ich würde gern mal so etwas machen wie ,Saturday Night Live‘. Nun bin ich da. Die Träume erfüllen sich fast schon zu schnell.“ So kann es gehen.

          Und Florentin Will macht sich nun Sorgen, dass ihm womöglich der Leidensweg fehlt, der vielleicht nötig ist, um ein wirklich interessanter Moderator zu werden; das Abrackern und Kämpfen um Aufmerksamkeit. Dass alles bis hierher zu einfach, zu mühelos war. Aber darum kann er sich dann kümmern, wenn sich die neue WDR-Show als Sackgasse entpuppen sollte. „Wenn das mit dem Fernsehen nicht klappt und ich mein Publikum da nicht kriege“, sagt er, „hole ich’s mir im Internet.“

          Sieg der Nische

          Florentin Will steht für eine neue Generation von Unterhaltern, für die Fernsehen selbstverständlich nicht mehr nur das ist, was im Fernsehen läuft. Sie haben das Internet als Inspiration, als Spielwiese und Probierfeld, als Chance, ein Publikum zu erreichen, vielleicht ein kleines, mit Glück ein treues. Es kann aber auch sehr frustrierend sein, wenn man sich Mühe gibt, etwas halbwegs Hochwertiges zu machen, und sehen muss, dass einen Klick weiter Leute mit scheinbar anspruchslosestem Kram Millionen Fans finden. Doch das Internet ist mehr als nur ein Ort, an dem man sich präsentieren kann, um vom Fernsehen entdeckt zu werden. Es ist ein Ort, an dem mit etwas Glück großes Fernsehen für ein glückliches Nischenpublikum möglich ist - in den Vereinigten Staaten gibt es schon Vorbilder dafür. „The Nerdist“ zum Beispiel, angefangen als Podcast für Nerds, inzwischen ein ganzes Netzwerk mit Youtube-Kanal, Fernsehshow, Newsletter - ein Sieg der Nische.

          Will ist in einer beneidenswerten Situation. Springer hat ihn und die meisten seiner Kollegen aus der Frank-Elstner-Schule nach der Ausbildung angestellt und lässt sie machen - ohne Druck, wie er sagt, ohne Einmischung, mit allen Freiheiten, sogar der, nebenbei für den WDR zu arbeiten.

          Luft nach oben: Szenenbild aus der ersten Ausgabe von „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“

          Eine neue Masterclass soll es nicht geben, aber dafür wurde eine Plattform geschaffen, auf der sich der Nachwuchs austoben und präsentieren kann: zuio.tv. Den merkwürdigen Namen soll man sich leicht merken können, weil die vier Buchstaben nebeneinander auf der Computertastatur liegen. (Oder wie Will grinsend sagt: „Wenn Elstner in Trunkenheit mit dem Kopf auf die Tastatur fällt, kriegen wir trotzdem noch einen Klick.“) Der Gedanke, dass dies ein Ort ist, der den Nachwuchskräften mehr Aufmerksamkeit verschafft, wirkt noch eher abwegig. Aber die Videos liegen auch bei Youtube, und die Hauptsache ist, dass Springer zahlt. Die Frage, wie man damit einmal Geld verdienen kann, soll zugunsten eines möglichst freien Experimentierens bei diesem Moderatoren-Start-up erst einmal in die unbestimmte Zukunft vertagt worden sein.

          Zuio.tv ist nicht an jeder Stelle ein überzeugendes Plädoyer für völlige Freiheit: Hier gibt es einen üblen Sketch, der zeigt, wie Sebastian Edathy einen Jungen auspeitscht, die, nun ja, Pointe: Es ist eine Filmparodie, Titel: „12 Years Old And A Slave“. Aber hier dürfen die Masterclass-Absolventen auch verschiedene Formate entwickeln und pflegen und zum Beispiel testen, ob es da draußen noch andere Menschen gibt, die sich so sehr für Sneakers interessieren wie sie selbst, so dass ihr „Turnschuh-TV“ ein Publikum findet.

          Comedy als Handwerk

          Florentin Will hat hier ein wöchentliches Wissensmagazin mit dem sinnlosen, aber irgendwie spanisch auszusprechenden Namen „Plonquez“ gemacht. Ohne große Effekte redete er in die Kamera, erklärt mal kurz die Evolution und mal, warum es ungefähr gleich viele Frauen wie Männer gibt, nimmt Verschwörungstheorien zum 11. September oder die Homöopathie auseinander.

          Will lässt sein „Plonquez“ aber jetzt erst mal pausieren und versucht sich stattdessen an dem Comedy-Format „Feedpunch“, das im Oktober starten soll - benannt ist es nach den Bestandteilen eines Witzes: der „Feedline“, die einen Witz vorbereitet, und der „Punchline“. „Ich finde, dass Deutschland in einer Comedy-Krise steckt“, sagt er mit der Selbstverständlichkeit eines 23-Jährigen, der sich wirklich gründlich mit dem Thema beschäftigt hat. Was fehle im Vergleich zu den Vereinigten Staaten: „Der offene Austausch, weil Comedy hier nicht ernst genommen wird, als ein Handwerk.“

          Er will die deutsche Comedy-Welt revolutionieren, indem er mit Comedians über Comedy spricht. „Ich will sie fragen: Warum seid ihr so lustig? Und ernste Antworten kriegen; mich über das Handwerk und die Kunst austauschen.“ Völlig offen, wer da mitmachen wird und wie viele das interessiert, aber die, die dann gucken, wie wenig auch immer, wären jedenfalls ein ganz anderes Publikum, eines, das sich mehr interessiert, das mehr versteht, und „wo man Meta-Witze machen kann“. Florentin Will sagt: „Ich möchte die Arroganz haben zu sagen: ,Ich bin Künstler, kein Dienstleister; das ist mein Handwerk, ob es dir gefällt oder nicht.‘ Ich hoffe, dass es genügend Leute da draußen gibt, die das so gut finden wie ich.“

          Das ist eine Haltung, die seiner Meinung nach auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen haben kann und haben müsste: an Qualität zu glauben, egal ob man damit ein Massenpublikum findet oder nicht. Die Show „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von . . .“ ist für ihn so etwas: „Da kann man stolz darauf sein, so etwas im Fernsehprogramm zu haben, auch wenn es niemand guckt.“

          Die erste Folge, die am Sonntag im WDR lief und als Gaststar zufällig Frank Elstner hat, der in der ersten Szene sofort beerdigt wird, hatte da durchaus noch Luft nach oben. Erstaunlich langatmig und erwartbar kam sie an manchen Stellen daher. Die Show zeichnet aber, auch dank Florentin Will und dem jungen Ensemble, etwas aus: Sie hat Potential.

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