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Propaganda-Bruderhilfe : Kreml schickt Journalismus-Söldner nach Belarus

Es wird Licht: Demonstration gegen Lukaschenka und sein Regime auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk an diesem Dienstag. Bild: Reuters

In der Propaganda arbeiten Lukaschenka und Putin Hand in Hand: Ihre Staatssender lügen – zumal, wenn es um Gewalt gegen die Bürger geht.

          3 Min.

          Der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenka und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin trauen einander nicht über den Weg, aber sie nutzen die gegenwärtige Krise, um die Pressefreiheit in ihren Ländern weiter einzuschränken. Nach den friedlichen Protesten gegen die mutmaßlich manipulierte Präsidentenwahl wurden in Belarus auch zahlreiche russische Journalisten verhaftet. Nach Unterstützung durch das russische Außenministerium wurden die Reporter, die unter anderem für die oppositionellen Portale „Meduza“ und „Znak“, den Fernsehkanal „Doschd“, aber auch für den Staatssender RT arbeiten, freigelassen, dann aber des Landes verwiesen. Belarussische Beamte versahen die Pässe des Nachbarstaates mit dem Vermerk, den Trägern sei die Einreise nach Belarus für die nächsten fünf Jahre verwehrt. Eine solche Kennzeichnung der Dokumente sei nicht vorgesehen, gab das russische Innenministerium bekannt, die Pässe seien in Russland ungültig.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Unterdessen wurden die Journalisten belarussischer Staatsmedien, die die offiziellen Verlautbarungen über Lukaschenkas Wahlsieg und die brutalen Einsätze gegen friedliche Demonstranten nicht mittragen wollten, durch Kollegen aus Russland ersetzt. Lukaschenka hatte erklärt, er habe eine Gruppe von besonders fortschrittlichen russischen Reportern angefordert, die der belarussischen Jugend ein Beispiel geben sollten. Die belarussischen Journalisten, die plötzlich auf die Straße gerannt seien, um zu demonstrieren, wie Lukaschenka sich ausdrückte, sollten nicht glauben, sie würden irgendwo erwartet. Es gebe einen Ozean arbeitsloser Leute.

          Bei den russischen Kadern handle es sich überwiegend um Techniker, sie blieben praktisch unsichtbar, erklärte Xenia Luzkina, die frühere Korrespondentin des Staatssenders Belteleradiokompania. Luzkina hatte während der Proteste gekündigt. Doch die altneue großrussische Ideologie habe schon merklich in den Sendungen Einzug gehalten, so die Journalistin. Beispielsweise werde Belarus, dessen Staatsname in der Verfassung verankert ist, plötzlich wieder russisch „Belorussia“ genannt, berichtet Luzkina. Außerdem behaupteten die Staatsmedien nun, die Opposition drohe damit, dass der Schulunterricht bald nur noch auf Belarussisch stattfinden dürfe. Diese Leute verstünden die belarussische Mentalität nicht, sagt Luzkina, die Menschen in ihrem Land seien durchweg zweisprachig, niemand habe Angst vor belarussischem Schulunterricht. Beliebte belarussische Programme sind nun weggefallen. Beobachter befürchten daher, dass sich das Publikum vermehrt den russischen Medien zuwenden wird.

          Schon verraten die klassischen Tricks der Medienmanipulation die Handschrift russischer Experten. Jüngst zeigte der Staatssender „Belarus 1“ Filmbilder eines Auftritts der Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa, der letzten Angehörigen des Frauentriumvirats, die noch im Land bleiben konnte, vor ihren Anhängern. Doch unterlegt wurden die Bilder durch einen Sprechchor, der „Hau ab!“ (Uchodi!) skandierte, was eigentlich an Lukaschenka gerichtet war. Die Fernsehmoderatorin log den Zuschauern vor, Kolesnikowa sei von der Menge so empfangen worden.

          Derselbe Fernsehkanal brachte auch einen Bericht über ein Ehepaar, das während der Proteste in Grodno mit seiner fünf Jahre alten Tochter im Auto unterwegs war, sich an den Demonstrationen nicht beteiligte und dennoch von Omon-Spezialtruppen überfallen wurde, die das Auto demolierten und insbesondere das Kind schwer verletzten. Bei „Belarus 1“ hieß es aber, die Familie sei „zufällig“ in einen Unfall geraten, und die Berichte über die Bestialitäten der Spezialkräfte seien ein Fake. Der russische Propagandasender RT versuchte seinerseits, Lukaschenkas Ordnungshüter vom Vorwurf der Brutalität reinzuwaschen. RT verbreitete die Videoerklärung eines maskierten und namentlich nicht genannten Omon-Polizisten, wonach ein von Einsatzkräften bis zur Bewusstlosigkeit geprügelter junger Mann, dessen Foto besonders viele schockierte, betrunken gewesen sei und unter Drogen gestanden habe. Der Polizist behauptete, er habe ihm helfen wollen. Das unabhängige Portal „Tut“ veröffentlichte einen Arztbefund, demzufolge im Blut des Gewaltopfers weder Alkohol noch Drogen gefunden wurden.

          Manche der russischen „Assistenten“ in Belarus scheinen ihre staatliche Mission jedoch sabotieren zu wollen. Der Minsker Schriftsteller Viktor Martinowitsch berichtet, das belarussische Staatsradio habe unlängst das Pro-Lukaschenka-Lied „Sanja bleibt bei uns“ (Sanja ostanetsja s nami) über eine Stunde lang nonstop laufen lassen. Mit einem derart aggressiven Hörbild des impertinent Immergleichen bringt man nicht nur Oppositionelle, sondern sogar treue Lukaschenka-Anhänger zur Weißglut.

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