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Kabarett mit Luise Kinseher : Wir drehen die Quote einfach um

Holt sich jetzt Frauen-Power als Unterstützung: Kabarettistin Luise Kinseher spielt „dreizueins“ mit einem männlichen Überraschungsgast Bild: BR

Das Bayerische Fernsehen will weiblicher werden und holt sich die bewährte Luise Kinseher als Zugpferd. In Bayern ist die Kabarettistin eine Weltmacht. Ein Interview.

          3 Min.

          Luise Kinseher, 1969 im niederbayerischen Geiselhöring geboren, ist als Kabarettistin und Schauspielerin in Bayern eine Weltmacht. Bundesweit bekannt wurde sie in der Rolle der Bavaria, in der sie von 2011 an acht Jahre als erste Frau die Salvatorrede beim Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg hielt. An diesem Donnerstag um 21 Uhr läuft die erste Folge ihrer neuen, künftig viermal im Jahr ausgestrahlten Kabarettsendung „dreizueins“ im Bayerischen Fernsehen.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Frau Kinseher, wer hatte die Idee zu dem Format?

          Der Sender kam auf mich zu, mit dem Wunsch, eine neue Kabarettsendung für das BR Fernsehen zu entwickeln, das mehr uns Kabarettistinnen in den Mittelpunkt stellt. Der Donnerstagabend ist ein beliebter Kabarett-Sendeplatz im BR Fernsehen, aber dominiert von männlichen Kollegen. Allerdings wollten wir auch keine reine Frauensendung machen, und so kam es zu der Idee von „dreizueins“: Drei Frauen und ein Mann – wir drehen die Quote einfach um. Ich war in so vielen Kabarettsendungen immer die einzige Frau unter Männern, jetzt machen wir das einfach andersherum. Ansonsten ist „dreizueins“ vom Ablauf her ein bisschen angelehnt an Ottfried Fischers „Ottis Schlachthof“, es gibt Kabarettnummern und Gespräche, aber halt mit mir als Gastgeberin.

          Es sind nicht alle Kabarettisten glücklich geworden mit dem Fernsehen und seinen Formaten: Was ist Ihnen lieber – Bühne mit oder ohne Kamera?

          Wenn ich als Kabarettistin auf Tour bin und mein Programm spiele, habe ich meinen Frieden (lacht). Im Fernsehen entwickelt man im Team, aber das macht auch riesigen Spaß. Etwas gehadert habe ich damit, dass wir keine aktuelle Sendung machen können. Das Zauberwort heißt „repertoirefähig“, das bedeutet, die Sendung muss in der Mediathek haltbar sein. Wir haben das gelöst, indem es in jeder Sendung einen eingespielten Beitrag gibt, der frühestens einen Tag vor der Ausstrahlung gedreht wird. Dafür habe ich eine neue Figur kreiert, die Frau Lallinger aus dem Schreibwaren- und Zeitschriftenladen, die wortreich das aktuelle Zeitgeschehen kommentiert. So ist auch dieser kabarettistische Bereich abgedeckt. Damit kann ich gut leben.

          Die Gäste der ersten Sendung: Gerburg Jahnke (links) und Constanze Lindner (rechts) amüsieren sich prächtig mit Gastgeberin Luise Kinseher
          Die Gäste der ersten Sendung: Gerburg Jahnke (links) und Constanze Lindner (rechts) amüsieren sich prächtig mit Gastgeberin Luise Kinseher : Bild: BR

          Was wissen Sie über Ihr Publikum: mehr Frauen als Männer?

          Keine Ahnung, ich weiß nur, dass das Publikum bei der Aufzeichnung richtig viel Stimmung machte. Insgesamt ist das Kabarettpublikum im Schnitt eher älter, Tendenz über sechzig, wobei in meine Programme auch viele junge Leute kommen und manchmal sogar Kinder, die mich aus der Serie „München 7“ kennen.

          Soll der Titel jenseits des Fußball-Anklangs suggerieren, dass Männer jetzt in der Minderzahl sind, oder braucht man drei Frauen, um einen Mann in Schach zu halten?

          Es gibt auch Leute, die bei „dreizueins“ nicht an Fußball, sondern an das Verhältnis von Gin Tonic denken.

          Was verbindet Sie mit den Gästen der ersten Sendung, Gerburg Jahnke und Constanze Lindner?

          Ich bin ein großer Fan von beiden. Und Gerburg Jahnke habe ich schon geliebt, als sie noch Teil der Missfits war, da habe ich selbst noch kein Kabarett gemacht. Sie ist ein Vorbild für uns Kabarettistinnen, und sie zieht die anderen mit. Wenn vorne keine Frauen stehen, trauen sich die Jüngeren auch nicht.

          Der Drehort „Alm“ an der Münchner Rennbahn – „Powered by von Alm das Beste“ – suggeriert alpenländische Wirtshauskultur, ist aber eine noble Event-Location, die sich Teile Ihres Publikums nicht leisten können. Kein Widerspruch?

          Nein, weil es da einfach schön ist und nicht tümelnd. Eine Traumimmobilie, ich wäre am liebsten gleich eingezogen.

          Soll das Thema der ersten Sendung, Digitalisierung, aufklären? Es gibt tatsächlich viele Abgehängte, die mit der rasanten Digitalisierung aller Lebensbereiche nicht mehr Schritt halten können.

          Kabarett setzt sich mit alltäglichen Geschichten auseinander. Wir scheitern doch regelmäßig an Algorithmen und Updates, das ist für uns alle anstrengend. Der technische Fortschritt ist einerseits wahnsinnig groß, andererseits ist vieles nicht ausgereift. Die Bahn schafft es während Corona nicht, ihre Sitzplatzreservierungen so zu programmieren, dass die Fahrgäste mit Abstand sitzen. Das Thema ist so groß, dass wir noch fünf Sendungen machen könnten.

          Der männliche Gast wird bis zur Sendung geheim gehalten. Ein bekennender Wiener wird es sein, da Sie in der Sendung auch über Shakespeare sprechen – könnte dessen Bewunderer Michael Niavarani infrage kommen?

          Schöne Idee.

          Wie geht es der Kleinkunst im zweiten Corona-Winter?

          Bitter. Wie soll man da spielen? Fünfundzwanzig Prozent Auslastung plus Maske plus 2 G plus getestet – mehr Maßnahmen gibt es ja gar nicht mehr. Außer vielleicht einen Schutzanzug, wie er auf Intensivstationen getragen wird. Die Veranstalter sind komplett überfordert, finanziell lohnt es sich nicht, immerhin kommt Geld vom Staat. Ich persönlich beschwere mich nicht, trotz Umsatzeinbußen von siebzig Prozent. Meine Aufgabe ist es nicht zu jammern, sondern zu helfen, denn es trifft andere noch viel härter als mich. Zuletzt ist einfach bei allen Kollegen ein Drittel weniger Publikum erschienen.

          Und wie steckt Ihr Dackel Gustl das alles weg?

          Der kommt super klar, der lebt in seiner Welt. Er gehört keiner vulnerablen Gruppe an und ist für das Virus uninteressant. Ein wunderbarer Dackel, der mir sehr viel Freude macht.

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