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Beethoven-Film im Ersten : Lebenslang ein fanatisches Kind

Von dem, was ihm heilig ist, hält ihn keine Widrigkeit der Welt ab, auch nicht das Geschwätz der guten Gesellschaft: Colin Pütz (Mitte) als ganz junger Ludwig van Beethoven Bild: ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media/D

Der Fernsehfilm „Louis van Beethoven“ von Niki Stein zeigt den Komponisten als verletzliche Gewaltnatur. Künstlerische Gipfelleistung und menschliches Versagen fügt der Regisseur zu seiner eigenen Komposition.

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          Hier traut das Fernsehen sich und uns etwas zu: In einer kurzen filmischen Fuge setzt der Regisseur Niki Stein Räume und Zeiten, Leben und Kunst, Musik und Bilder zueinander in vielfachen Kontrapunkt. Wir sehen den achtjährigen Ludwig van Beethoven im Sommer 1779 auf einem Bonner Dachboden komponieren, dann wieder den zwanzigjährigen Karl van Beethoven, den Neffen des Komponisten, im September 1826 einen Abschiedsbrief schreiben, bevor er sich eine geladene Pistole an den Kopf setzt und abdrückt. Wenige Sequenzen zuvor hatten wir sehen müssen, wie der fünfundfünfzigjährige Ludwig van Beethoven seinen Neffen, dessen Vormund er war, mit einem Spazierstock zu Boden drosch. Unter all diesen Bildern, die im biographischen Zeitraum eines halben Jahrhunderts hin und her springen, liegt die gleiche Musik: die Große Fuge B-Dur op. 133 für Streichquartett, neben der Schlussfuge der „Hammerklaviersonate“ die größte Zumutung, die Beethoven seinen Hörern und Spielern hinterlassen hat.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist ein Kontrapunkt aus künstlerischer Gipfelleistung und menschlichem Versagen, den Stein hier filmisch komponiert. Wir sehen die lebenslange Kontinuität eines unerbittlichen Fanatismus, der sich selbst und die Mitwelt nicht schonte. Wir hören den Ausbruch des Ungeheuren in der Kunst und sehen der Gewaltnatur des Künstlers dabei zu, wie sie ein soziales Desaster anrichtet. Wir dürfen dankbar sein, dass die Große Fuge uns noch ästhetische Distanz zu dieser Gewaltnatur lässt, der man im richtigen Leben nicht ausgesetzt gewesen sein möchte.

          „Warum tust du das? Die Menschen verletzen, die dich lieben?“, wird Karl, nachdem er seinen Selbstmordversuch überlebt hat, den berühmten Onkel fragen, der gerade wieder den eigenen Bruder und dessen Frau in Gneixendorf bei Krems, wo sie zu Gast sind, gekränkt hat. „Ich verletzte sie nicht. Ich sage die Wahrheit. Wie in meiner Musik“, lautet die Antwort einer Fleisch gewordenen Selbstgerechtigkeit. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, hat Ingeborg Bachmann einmal mit beethovenschem Rigorismus behauptet. Karl van Beethoven, den Peter Lewys Preston als eine zitternd-zarte Kreatur spielt, deren Empathie immerfort missbraucht wurde und die am Ende ein geschundenes Häufchen Elend ist, hält diesem Rigorismus nur die Frage entgegen: „Warum lasst ihr mich nicht einfach in Ruhe ein Mensch sein?“

          Niki Stein hat auf seinen Film „Louis van Beethoven“ zwanzig Jahre lang hingearbeitet, mit eigenen Recherchen, mit Drehbuchentwürfen, mit privaten Vorleistungen aller Art. Sein Ziel war es, vor allem jungen Zuschauern mit diesem Film zu zeigen, „wie man sein Leben mit einer Idee füllt und für diese Idee brennt“ (F.A.Z. vom 17. Dezember 2019). Diesen Fanatismus als menschliches Faszinosum hat Stein hervorragend eingefangen. Colin Pütz, der den acht- bis zwölfjährigen Beethoven darstellt und zugleich ausgezeichnet Klavier spielt, so dass die Musiziersequenzen mit Originalton und in ungeschnittenen Kamerafahrten von den Händen zum Gesicht gedreht werden konnten, strahlt diese unzerstörbare Konzentration aus, die Kinder entwickeln können, wenn ihnen eine Sache heilig ist. Dem kleinen Beethoven war die Musik heilig, so sehr, dass er ausblenden konnte, was ihn von ihr abzuhalten drohte.

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