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Loriots Fernsehwerk auf DVD : Können Sie mir sagen, warum Sie in meiner Badewanne sitzen?

Vicco von Bülow öffnet seine Archive: Loriots komplettes Fernsehschaffen ist auf DVD erschienen. Seine Sketche erzählen von den Schrecken der Gemütlichkeit und zielen ins Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft.

          4 Min.

          Und wenn das deutsche Volk dereinst ausgestorben ist, dann wird es an die Pforte treten zum Völkerhimmel, wo die untergegangenen Nationen fröhliche Feste feiern, und dem Petrus wird erst einmal die Kinnlade herunterklappen: die Deutschen! Schwermütige Grübler und steife Beamte allesamt - das kann ja heiter werden. Doch das kann es wirklich. Denn während Petrus noch über Strategien sinnt, den Neuzugang an den Kollegen ganz unten zu delegieren, zieht das deutsche Volk sechs Silberscheiben aus der Tasche: die „vollständige Fernseh-Edition“ des Loriot. Es darf eintreten.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          12 Stunden und 40 Minuten umfasst das komplette Fernsehschaffen Vicco von Bülows. Für ein bald fünfundachtzig Jahre umfassendes Leben ist das ein durchaus mageres OEuvre; an einem ganz normalen Fernsehtag könnte man eine entsprechende, über die großen Privatsender verteilte Menge an Comedy-Formaten konsumieren und würde anschließend von jedem gewissenhaften Hausarzt krankgeschrieben. Ein halber Tag Loriot hingegen reinigt Geist und Seele, macht uns klüger, glücklicher und gelassener. Doch die Deutschen von der heilsamen Wirkung Loriots zu überzeugen hieße, Eulen nach Athen oder auch Pirole nach Brandenburg zu tragen.

          Fernsehpremiere mit dreiundvierzig

          Gewiss gibt es dennoch Gründe, sich diese DVD-Sammlung nicht zuzulegen. Darunter ist der beste, dass man sie bereits zu Weihnachten bekommen hat. Ein nicht ganz so guter ist der Besitz des vor gar nicht langer Zeit auf DVD erschienenen Loriotschen „Sketch-Archivs“. Denn wo jenes ausschließlich, aber auch nicht ungekürzt die fraglos populärsten Stücke Loriots aus seinen Tagen bei Radio Bremen (1976-1978) präsentiert, hat für die neue Edition der Meister in monatelanger Mühe sein häusliches Archiv durchforstet und bis dato weder auf Video noch auf DVD veröffentlichte Zeichentrickfilme ans Licht geholt. Außerdem finden sich hier Loriots Trickfilme und seine Moderationen aus jener Sendung, mit der er im reifen Alter von dreiundvierzig Jahren erstmals vor das Fernsehpublikum trat („Cartoon“, 1967-1972), seine Geburtstagssendungen, die Auftritte mit den Berliner Philharmonikern und vieles mehr. Wer sich also die neue Fernseh-Edition zulegt sowie die beiden Kinofilme, der verfügt über sämtliche Bewegtbilder, die Vicco von Bülow persönlich zu verantworten hat.

          So stoßen wir nicht nur auf unverwüstliche Bekannte wie die Steinlaus oder Erwin Lotte-, Pardon, Lindemann, sondern auch auf eine knapp vierzig Jahre alte Variante der „Love Story“, in der ein älterer Herr, Typ pensionierter Beamter, mit seinem späten Mädchen Hand in Hand über einen Acker hüpft. Die so lachhafte wie rührende Idylle endet abrupt, als die Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ ertönt, zwei finstere Revolverhelden - einer von ihnen Loriot - ins Bild stapfen und das schutzlose Paar kaltblütig abknallen: eine drastische Widerlegung des hartnäckigen Vorurteils, dass Loriots Humor harmlos sei. Nicht gemildert, wohl aber ins Bizarre weitergedreht wird die Sache durch die Schlussszene, in der wiederum ein Liebespaar Hand in Hand über den Acker tollt: die beiden Todesschützen. Ebenso böse ist die „Wünsch dir was“-Parodie, in der Loriot als jovialer Showmaster „die ganze liebe Familie Schackelgruber“ in einem Sack im Wasserbassin versenkt, aus dem sie ungeschickterweise nicht mehr lebend auftaucht und somit verloren hat.

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