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Jürgen Kaube (kau)

Literarisches Quartett : Fixiert auf die Prominenz

  • -Aktualisiert am

Kritikerin Thea Dorn (v.l.n.r.), Schauspieler Ulrich Matthes, Tennisspielerin und Autorin Andrea Petković und die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart sitzen im Studio beim „Literarischen Quartett“. Bild: dpa

Das „Literarische Quartett“ wurde für die Einladung der Kabarettistin Lisa Eckhart harsch kritisiert. Dabei hat die Sendung ganz andere und viel größere Schwachstellen.

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          Über das „Literarische Quartett“ ist gerade hergezogen worden, als sei es ein Skandal. Vorher, weil die Kabarettistin Lisa Eckhart eingeladen worden war. Das gehe auf die „Hitlerboys“ im ZDF zurück, dokumentiere die Niederlage Marcel Reich-Ranickis gegenüber den „Nazis“ und besiegele das Ende der deutsch-jüdischen Freundschaft. So der Schriftsteller Maxim Biller. Hinterher wurde der Sendung nicht Antisemitismus attestiert. Vielmehr lautete die Kritik, sie handele schon lange nicht mehr von Literatur. Die Moderatorin, Thea Dorn, interessiere sich auch gar nicht für Ästhetik. Es werde vielmehr mit Hilfe von Büchern über menschliche Haltungen von Autoren und Figuren geredet.

          Ob das in den goldenen Zeiten der Sendung so anders war, sei dahingestellt. Außerdem begründeten die Gäste auch am Freitag ihre Geschmacksurteile. Dass Michel Houellebecq so artikuliere, als wolle er testen, ob wir noch wach seien, wenn wir lesen, war von Andrea Petković beispielsweise gut gesagt für die Mischung aus Langeweile und Provokation in seinen Essays. Wir merken uns auch Ulrich Matthes’ Beschwerde über einen Schreibstil, der kein Substantiv ohne Betreuung durch ein Adjektiv lassen kann. Lisa Eckhart wiederum lobte Elif Shafak für ihre Verweigerung, Romanfiguren für ihre unschöne Erscheinung mit höherer Moralität zu kompensieren.

          Und doch stimmt tatsächlich etwas nicht an der Sendung. Als im „Literarischen Quartett“ vor zwanzig Jahren über fünf Bücher diskutiert wurde, dauerte das fünfundsiebzig Minuten, nach 54 Minuten waren damals drei von fünf Titeln besprochen. Vergangenen Freitag nahm man sich für vier Titel nicht einmal fünfzig Minuten Zeit. Acht, zehn oder zwölf Minuten für ein Buch, das ist ein erheblicher Unterschied. Denn die kleinen Abschweifungen – über Lektoren, das Übersetzen, Gattungsfragen, Vorbilder und dergleichen –, machten, neben dem verlässlichen Streit und dem spürbaren Vergnügen Marcel Reich-Ranickis an seiner Rolle, den Reiz des Ganzen aus. Heute schweift niemand ab oder nur mit fadenscheinigen Sätzen wie „hervorragende Übersetzung“, obwohl niemand Türkisch kann, also niemand das Original gelesen hat.

          Zum Abschweifen und Diskutierenkönnen gehört also nicht nur Zeit, sondern auch Erfahrung, reflektierte Kenntnis. Die hat heute weder die Moderatorin, noch haben sie die meisten Gäste. Es wird so gut wie nicht verglichen, die Bücher werden gelesen, als seien es außer der „Blechtrommel“ die einzigen Romane überhaupt. Standards des Erzählens, der Gattung, des Stoffs? Kaum ein Wort davon. Romane erscheinen nicht als Lösungen von Problemen, die sich ihren Autoren gestellt haben, sondern als Erzähleinfälle. Deshalb blieb die Behauptung Petkovićs, es komme in der Literatur selten vor, dass ein physisch makelhafter Mensch auch noch unsympathisch dargestellt werde, ungeprüft stehen.

          Der Tennisspielerin, die gerne liest und schreibt, ist der Satz nicht vorzuhalten. So wenig wie Lisa Eckhart irgendeines ihrer Urteile. Es sind Urteile von Lesern, nicht von Berufslesern. Sie lehren uns vor allem etwas über diejenigen, die sie formulieren, viel weniger über die Sache, die nicht ihre ist: Kritik. Und das scheint beabsichtigt. Nicht die Hitlerboys, sondern die Quotenboys (und -girls) haben Lisa Eckhart eingeladen. Es ist also nicht gar so politisch dramatisch. Dafür ist es umso trauriger: Das Fixiertsein auf Prominenz entzieht der Kommunikation Substanz. Es enthält ein Urteil über Literatur und den Streit über sie, wenn man es dabei belässt, weil einem sonst nichts einfällt.

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