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Nach Ausladung : Lisa Eckhart soll doch an Literaturwettbewerb teilnehmen

Lisa Eckhart während eines Fernsehauftritts. Bild: ddp Images

Zuerst hatte das Harbour Front Literaturfestival in Hamburg die Kabarettistin Lisa Eckhart aus dem Wettbewerb ausgeladen. Die Betreiber des Lokals fürchteten, dass ihre Lesung gesprengt werden könnte. Nun wird versucht, die Freiheit der Kunst zu bewahren.

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          Das Harbour Front Literaturfestival in Hamburg will dafür sorgen, dass die Kabarettistin Lisa Eckhart doch an dem Wettbewerb um den Klaus-Michael Kühne-Preis teilnehmen kann. Man habe dem Verlag und Management von Lisa Eckhart einen Vorschlag unterbreitet. In der kommenden Woche werde man Genaueres dazu sagen können, wie sich das Gespräch mit Verlag und Management von Lisa Eckhart entwickelt habe.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Kabarettistin war mit ihrem Roman „Omama“ als eine von acht Autorinnen und Autoren von der Vorjury des Preises für den „Debütantensalon“ des Harbour Front Literaturfestivals ausgewählt worden. Die acht Preiskandidaten sollten, wie es bei diesem Wettbewerb Usus ist, paarweise auftreten und aus ihren Romanen lesen. Die beiden Koautoren, die für einen gemeinsamen Auftritt mit Lisa Eckhart ausgewählt worden waren, hatten dies jedoch abgesagt. Die Absage des ersten Autors erging mit dem Verweis, dass er nicht den Eindruck vermitteln wolle, er sei einverstanden mit dem, was Lisa Eckhart im Septempber 2018 bei einem Auftritt in der ARD-Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ gesagt hatte.

          Dort hatte sie – in der Rolle der Kunstfigur, die sie auf der Bühne verkörpert – einen Text unter der Losung „Die heilige Kuh hat BSE“ vorgetragen, in dem sie Vorurteile gegen verschiedene gesellschaftliche Gruppen aufrief. Was sie über den inzwischen als Sextäter verurteilten Filmproduzenten Harvey Weinstein, den Regisseur Roman Polanski und Woody Allen sagte, wurde ihr im Mai dieses Jahres, als sich ein Proteststurm gegen den schon länger zurückliegenden Auftritt im Netz entwickelt hatte, als Antisemitismus ausgelegt. Gegen diesen Vorwurf hatte sie der Kabarettist Dieter Nuhr vehement verteidigt.

          Von dem Wettbewerb in Hamburg ausgeladen wurde sie jedoch wegen „Sicherheitsbedenken“. Die Betreiber des für Lisa Eckhardts Lesung im September vorgesehenen Veranstaltungslokals „Nochtspeicher“ hatten die Befürchtung, der „Schwarze Block“ der Antifa werde aufmarschieren. Unter Polizeischutz wolle man die Veranstaltung nicht durchführen, weil dies die Geschäftstätigkeit in dem „linken“ Hamburger Viertel, in dem das Lokal angesiedelt ist, verunmögliche. So teilte es das Harbour Front Literaturfestival auf Anfrage mit. Die Betreiber des „Nochtspeichers“ äußerten sich auf Anfrage zunächst nicht,veröffentlichten dann aber eine Erklärung.

          In dieser heißt es, man begrüße, „dass die Ausladung Lisa Eckharts vom Harbour Front Literaturfestival zu einer öffentlichen Debatte führt, diese gesellschaftliche Debatte ist überaus wichtig, um der bedrohlich um sich greifenden ,Cancel Culture' Einhalt zu gebieten.“ Es sei „alarmierend, wenn Künstler unter dem Damoklesschwert der sozialen Ächtung arbeiten oder sogar eine ,Kontaktschuld' durch einen gemeinsamen Auftritt mit einer unliebsamen Person befürchten müssen; wenn Auftritte gesprengt oder gewaltsam verhindert werden.“ Diese Erfahrung habe man schon 2016 machen müssen, bei einer Lesung Harald Martensteins, „bei der ein Grüppchen ,Aktivisten', einheitlich in schwarzen Bomberjacken uniformiert, zunächst versuchte, die Veranstaltung zu sprengen, wegen angeblicher ,Frauenfeindlichkeit' Martensteins“.

          Seit 2016 sei „das ,Deplatforming' bekanntlich fortgeschritten und die Atmosphäre aggressiver geworden. Angesichts der Erfahrung mit der Martenstein-Lesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, ,Drohungen') waren wir uns sicher, dass die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum.“

          Der Mitgründer des Harbour Front Literaturfestivals, der Verleger Nikolaus Hansen, hatte sein Bedauern über die Entwicklung mitgeteilt, aber auch gesagt, dass man sich zurzeit nicht anders zu helfen wisse. Man befinde sich mit dem „Debütantensalon“ in einer besonderen Konstellation.

          „Für uns war der Text von Lisa Eckhart in den ,Mitternachtsspitzen' kein Anlass, sie nicht einzuladen. Ihr Debütroman ,Omama' war der Anlass, sie einzuladen“, sagt Hansen im Gespräch mit der F.A.Z. „Aufgrund der Situation, die sich um Lisa Eckhart gebildet hat, können wir den Wettbewerb, wie wir ihn vorhatten und seit zehn Jahren gestalten, leider nicht mehr machen. Mich erinnert das an Weimarer Verhältnisse. Wir weichen einer Gewalt, aber es gibt auch keinen eleganten Weg, der Gewalt nicht zu weichen.“

          Nun scheint sich, der Ankündigung des Festivals nach, doch eine Lösung abzuzeichnen, die etwas anderes bedeuten würde, als die Lesung einer Autorin aus Furcht vor Gewalt abzusagen.

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