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Kabarettistin Lisa Eckhart : Bedrohung von innen

Irgendwann war es für sie des Schlechten zu viel: Lisa Eckhart. Bild: Imago

Die Kabarettistin Lisa Eckhart wurde vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival aus Furcht vor gewalttätiger Störung ausgeladen. Dann sollte sie doch teilnehmen. Dafür ist es nun zu spät.

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          Das Harbour Front Literaturfestival in Hamburg hat über das Wochenende den Versuch unternommen, die Kabarettistin Lisa Eckhart doch wieder in den Wettbewerb um den Klaus-Michael-Kühne-Preis einzuladen. Doch ist der Versuch gescheitert. Der Zsolnay-Verlag teilte im Namen von Lisa Eckhart mit, dass sie das Angebot nicht annehmen werde: „Gemeinsam mit Lisa Eckhart haben wir uns entschlossen, am Wettbewerb um den Klaus-Michael-Kühne-Preis 2020 nicht teilzunehmen. Das Angebot der Veranstalter von heute, einen anderen als den ursprünglichen Ort für die Lesungen zu suchen, ist aller Ehren wert, kommt jedoch nach dem Hin und Her der vergangenen Wochen und Tage zu spät“, sagte der Leiter des Zsolnay-Verlags, Herbert Ohrlinger. Zu den Aufgaben eines Verlages zähle es seiner Ansicht nach auch, „seine Autorinnen und Autoren zu schützen. Das trifft umso mehr auf jene zu, die ein erstes Buch herausbringen“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Manager von Lisa Eckhart, René Berto, teilte mit, man habe sich „gemeinsam mit unserer Künstlerin Lisa Eckhart und in enger Abstimmung mit unserem Verlag“ entschlossen, aus gegebenen Gründen „auf eine Teilnahme am Harbour Front Literaturfestival 2020 zu verzichten“. Weiter heißt es: „Vor allem die falschen Behauptungen seitens des Veranstalters in Hinblick auf die anderen Debütanten sowie die konkrete Ausladung aufgrund von möglicher Gewaltandrohung, die es so nie gegeben haben dürfte, haben uns zu diesem Schritt veranlasst.“ Das am Montag ergangene „Angebot seitens des Veranstalters, einen anderen als den ursprünglichen Ort für die Lesungen zu suchen, kommt nach den speziellen Vorkommnissen der vergangenen Wochen und letzten Tage für uns zu spät. Auch denken wir nicht, dass unter der bereits stattgefundenen Berichterstattung der letzten Tage und Wochen ein fairer Wettbewerb unter den Autoren möglich ist.“

          Das Harbour Front Literaturfestival teilte sein Bedauern über die Absage mit. Man wolle „noch einmal betonen, dass bei all unseren Überlegungen und Entscheidungen in der Causa Eckhart allein Sicherheitsfragen und die Durchführung eines fairen Debütanten-Wettbewerbs im Mittelpunkt standen und dass uns weder politische Motive noch irgendwelche Kritik an der Arbeit der Künstlerin beeinflusst oder gar geleitet haben. Wir bedauern ausdrücklich, dass es nun zu keinem Auftritt von Lisa Eckhart im Rahmen des ,Debütantensalons‘ kommen wird.“

          Das Festival hatte zuerst vorgeschlagen, dass Lisa Eckhart am „Debütantensalon“, an dem acht Autorinnen und Autoren beteiligt sind und aus ihren Werken lesen, per Videoübertragung teilnehmen könne. Dies lehnte der Leiter des Zsolnay-Verlags, Herbert Ohrlinger, mit dem Hinweis ab, sieben Autorinnen und Autoren hätten „die Möglichkeit, ihre Romane unter den gleichen Bedingungen öffentlich vorzustellen“, Lisa Eckhart aber würden diese Bedingungen „jetzt zum wiederholten Mal nicht zugestanden. Von einer Chancengleichheit kann also keine Rede sein“.

          Auch seien die Einlassungen des Festivals in den Tagen zuvor schwer zu deuten. Zuerst die „erwiesenermaßen falsche Behauptung, kein anderer der nominierten Kandidaten würde mit Frau Eckhart gemeinsam auftreten wollen, dann das Ansinnen, sie solle von sich aus auf eine Teilnahme verzichten, gefolgt von der dezidierten Ausladung wegen angeblicher Drohungen eines Schwarzen Blocks gegen den Veranstalter, plötzlich waren es nur mehr zwei von sieben, die nicht mit Lisa auftreten wollen, dann keine Drohungen, sondern Warnungen aus der Nachbarschaft und die Wiedereinladung via Videoschaltung.“ Das sei „ein bissel viel“.

          Es folgte von Seiten des Festivals das Angebot, den „Debütantensalon“ mit allen acht Autorinnen und Autoren an einem anderen Ort in Hamburg zu veranstalten. Doch auch das erschien dem Zsolnay Verlag nach der Vorgeschichte nicht mehr angemessen.

          Die für den „Debütantensalon“ vorgesehene Lokalität, der „Nochtspeicher“, hatte der Leitung des Harbour Front Literaturfestivals nach dessen Darstellung von Drohungen berichtet, die es gegen die ursprünglich für den 14. September vorgesehene Lesung von Lisa Eckhart, bei der sie aus ihrem Roman „Omama“ vortragen sollte, gebe. Es wurde befürchtet, dass die Veranstaltung, wie etwa bei einer Lesung des Journalisten Harald Martenstein geschehen, von linken Störern gesprengt werden könnte. Daraufhin hatte das Festival Lisa Eckhart zunächst gebeten, sich von sich aus zurückzuziehen, und ihr dann, als sie dies ablehnte, die Ausladung ausgesprochen. „Wir weichen der Gewalt, aber es gibt auch keinen eleganten Weg, der Gewalt nicht zu weichen“, hatte der Festivalleiter, der Verleger Nikolaus Hansen, dieser Zeitung gesagt.

          Die Betreiber des „Nochtspeichers“, die für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen waren, veröffentlichten dann eine Erklärung, in der es hieß, man begrüße, „dass die Ausladung Lisa Eckharts vom Harbour Front Literaturfestival zu einer öffentlichen Debatte führt, diese gesellschaftliche Debatte ist überaus wichtig, um der bedrohlich um sich greifenden ,Cancel Culture‘ Einhalt zu gebieten“. Es sei „alarmierend, wenn Künstler unter dem Damoklesschwert der sozialen Ächtung arbeiten oder sogar eine ,Kontaktschuld‘ durch einen gemeinsamen Auftritt mit einer unliebsamen Person befürchten müssen; wenn Auftritte gesprengt oder gewaltsam verhindert werden“. Diese Erfahrung habe man schon 2016 bei der Lesung mit Harald Martenstein machen müssen. Seither sei „das ,Deplatforming‘ bekanntlich fortgeschritten und die Atmosphäre aggressiver geworden. Angesichts der Erfahrung mit der Martenstein-Lesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, ,Drohungen‘) waren wir uns sicher, dass die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum.“

          Das Harbor Front Literaturfestival verweist in seiner abschließenden Stellungnahme zu den Vorgängen der vergangenen Tage darauf, dass der „Nochtspeicher“ seine Begründung der Absage der Lesung von Lisa Eckhart „dahingehend präzisiert“ habe, „dass es sich nicht um Drohungen von, sondern um Warnungen vor Gewaltanwendungen gegen den Nochtspeicher im Falle eines Auftritts von Lisa Eckhart gehandelt habe“. Auf abermalige Nachfrage habe der „Nochtspeicher“ mitgeteilt, „dass man hinsichtlich der Einschätzung zu erwartender Gewalttätigkeiten nicht zwischen Warnungen und Drohungen unterscheide und bei der Absage einer Veranstaltung mit Lisa Eckhart bleibe“. Das Festival hingegen unterscheide, „was die Gründe für die Ausladung einer Autorin angeht, sehr wohl zwischen Drohungen und Warnungen“. Daher habe man entschieden, alle vier Veranstaltungen mit den acht Autorinnen und Autoren des „Debütantensalons“ räumlich zu verlegen. Dazu führe man gerade Gespräche.

          Dies sind die Wendungen, die Herbert Ohrlinger in seinen Absageschreiben aufruft. Für den Zsolnay Verlag geht es nicht zuletzt darum, seine Autorin zu schützen, der seit einem Proteststurm in diesem Frühjahr ein zwei Jahre alter Auftritt in der WDR-Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ vorgehalten wird, in dem sie unter dem Rubrum „Die heilige Kuh hat BSE“ dekliniert, in welche Schwierigkeiten die „political correctness“ kommt, wenn vorgegebene Deutungsmuster mit der Realität in Konflikt geraten: „Was ist denn das für ein sittlicher Inzest, wenn ein Opfer sich an einem Opfer vergreift?“ Zu den „Opfern“ zählte Lisa Eckhart in der Rolle der Kunstfigur, die sie auf der Bühne verkörpert, auch den inzwischen verurteilten Sextäter Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen, anspielend auf den Umstand, dass sie Juden sind.

          Verwehren muss sich Lisa Eckhart inzwischen auch gegen eine politische Vereinnahmung. Am vergangenen Samstag, schreibt der Zsolnay Verlag, habe der Landesverband Hessen der AfD ein Fotoporträt von Lisa Eckhart auf Facebook für ein politisches Statement verwendet. „Sowohl Lisa Eckhart als auch der Paul Zsolnay Verlag weisen diesen plumpen Versuch der Instrumentalisierung zurück und betonen, die Inhalte und Ziele dieser Partei entschieden abzulehnen. Darüber hinaus verletzt diese Aktion sowohl das Persönlichkeitsrecht als auch das Urheberrecht. Rechtliche Schritte gegen die AfD Hessen wurden bereits eingeleitet.“

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