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Serie über Literaturverlag : Wie viel Friedrich steckt in mir?

  • -Aktualisiert am

Sofie (Ida Engvoll) fängt bei Lund & Lagerstedt an, dem Verlagshaus, das seit Jahrzehnten für große Literatur steht. Bild: Photo by Ulrika Malm

In der schwedischen Serie „Liebe und Anarchie“ soll eine Unternehmensberaterin einen Literaturverlag in die digitale Zukunft führen – und stößt auf Widerstand. Warum fühle ich mich als Verlegerin ertappt?

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          Als letztens einer dieser raren Tage war, an denen ich mich überhaupt noch ordentlich anzog und das Haus verließ, mich aufs Fahrrad setzte und ins Büro fuhr, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Podcast. Podcasts hatte ich bis dahin nicht gehört, da ich als Leiterin eines kleinen literarischen Verlags viel zu sehr damit beschäftigt war, das gute alte Buch zu protegieren. Bei dem Podcast jedenfalls wurde von einer bekannten britischen Autorin eine Short Story eines weltberühmten amerikanischen Autors vorgelesen und interpretiert. Es handelte sich um die Erzählung „New York Girl“ von John Updike, in der ein verheirateter Mann, der mit seiner Familie in den Suburbs lebt, eine Affäre mit einer alleinstehenden Frau anfängt, die in einem kleinen New Yorker Apartment lebt. Nachdem die Erzählung vorgelesen worden war, ging es um die Frage, ob sie sexistisch sei, schließlich wisse man inzwischen ja, dass Updike seine Frauenfiguren immer nur als Hausmütterchen oder als Sexualobjekte darstelle. Die Frage wurde von der großen britischen Autorin klar verneint, wobei sie auf Updikes einfühlsame Beschreibungen der New Yorkerin verwies.

          Ich dachte, dass ich Updike immer noch für einen meisterhaften Erzähler hielt, und dann dachte ich, wie merkwürdig es war, dass er mich dazu brachte, Mitleid mit einem Mann zu haben, der mit seinem Eigenheim am Rande der Großstadt und seiner perfekten Kleinfamilie ein Leben führte, das gemeinhin als erstrebenswert galt und ihn trotzdem anödete. Es war merkwürdig, dass er als Opfer genau der Familienidylle dargestellt wurde, nach der sich seine New Yorker Geliebte sehnte.

          Ist das die Serie, auf die wir gewartet haben?

          Kurz darauf rief mich ein Freund an, der immer genau die Serien liebt, die ich ganz furchtbar finde, und erzählte mir von der neuen schwedischen Netflix-Serie „Kärlek & Anarki“ (dt. „Liebe und Anarchie“), durch die er nicht nur Schweden, sondern auch Greta, das Nobelpreiskomitee und noch vieles mehr verstanden hätte. Sofort legte ich meine Bücher beiseite und machte den Fernseher an. Als irgendwann mitten in der Nacht die letzte Folge abgespielt war, hatte ich zwar weder Schweden noch Greta besser verstanden, fühlte mich aber in meiner Funktion als Verlagsleiterin seltsam ertappt und wurde das Gefühl nicht los, dass die Serie womöglich genau das Produkt unserer Zeit war, auf das wir alle gewartet haben.

          Es fängt damit an, dass wir bereits in Minute zwei der ersten Folge die Hauptdarstellerin beim Masturbieren beobachten. Sofie hat zuvor während des Frühstücks mit ihrem Ehemann Johan (der sich schon bald als ein großes Arschloch entpuppen wird) den Familienkalender synchronisiert (er hat eine Padel-Tennis-Verabredung), hat ihre Handtasche gepackt für den ersten Tag im neuen Job (sie ist Unternehmensberaterin), ist dann ins Badezimmer gegangen, hat ein Pornovideo auf ihrem Handy angemacht, sich Kopfhörer ins Ohr gesteckt und die Hose runtergezogen. Obwohl sie es nicht sein sollte, ist diese Szene schockierend. Sie ist schockierend in ihrer Alltäglichkeit, und sie ist schockierend, weil es niemals die Frauen sind, sondern nur die Männer, die sich mal eben schnell im Bad einschließen, und weil die Frauen, falls sie es trotz aller Unwahrscheinlichkeit doch tun, dabei ganz sicher nicht so unelegant aussehen.

          Nun ist es so, dass die Familie Rydman in einem ziemlich spektakulären Stockholmer Stadthaus lebt, das genau mit den Gegenständen ausgestattet ist, die ein finanziell gut aufgestelltes Großstadtpaar mit zwei Kindern besitzen sollte. Es gibt einen holzvertäfelten Treppenaufgang mit floral tapezierten Wänden, eine offene, taubenblau gestrichene Küche mit einer Barista-Espressomaschine, Wegner-Stühlen am Esstisch und Frama-Hockern an der Bar. Kurzum: Es ist ein Haus, in dem man gefälligst glücklich sein sollte.

          Der Programmleiter ist seit 30 Jahren dabei

          Es gibt die weitverbreitete Vorstellung, man müsse ein besseres Leben als alle anderen führen. Dieser Vorstellung erliegen sowohl Sofie als auch Updikes Held. Sofie beginnt eine Affäre mit Max, dem deutlich jüngeren IT-Mitarbeiter des alteingesessenen Literaturverlags, den sie als Consulterin neu strukturieren soll. Beide suchen ineinander genau die Art von Selbstvergessenheit, die nur dadurch entstehen kann, dass man Dinge tut, die gemeinhin als verrückt gelten: Sie spielen Spielchen miteinander, zwingen sich gegenseitig zu kleinen anarchischen Handlungen, weswegen Sofie zum Beispiel einen ganzen Tag lang rückwärts läuft und Max bei der Buchmesse den zentralen Stromschalter umlegt. Die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen ihnen entwickelt, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eigentlich auf der Flucht sind: sie vor dem gleichgeschalteten Leben der karrieristischen und konsumistischen oberen Mittelschicht, er vor der erdrückenden ländlichen Kleinstadtmentalität seiner Herkunft.

          Lina Muzur, 40, ist seit diesem Jahr Verlegerin von Hanser Berlin.
          Lina Muzur, 40, ist seit diesem Jahr Verlegerin von Hanser Berlin. : Bild: Christian Werner

          Womit wir endlich beim Arbeitsplatz der beiden wären, dem altehrwürdigen Traditionshaus Lund & Lagerstedt, das seit Jahrzehnten für große Literatur steht, inzwischen aber mehr schlecht als recht über die Runden kommt, weswegen es dringend modernisiert werden muss. Sofie ist gekommen, um dem Verlag in die digitale Zukunft zu verhelfen, hat aber nicht erwartet, auf so viel Widerstand zu stoßen.

          Vor allem von Friedrich, dem Programmleiter des Verlags, der seit 30 Jahren dabei ist und statt eines Debütromans mit viel lesbischem Sex, Drogen und einer Reise in ein Ayahuasca-Retreat lieber eine Gedichtsammlung über Tannen herausgeben möchte. Friedrich, der bei seinen Programmentscheidungen nicht etwa auf Strategien oder gar Apps zurückgreift, sondern einzig und allein auf sein gutes Gespür für Texte. Friedrich, der viele vorlaute junge Frauen hat kommen und gehen sehen. Friedrich, der keineswegs entsetzt ist, als herauskommt, dass einer seiner Autoren Dick-Pics verschickt. Und schließlich Friedrich, der die Dick-Pics mit der Aussage verteidigt, die Pyramiden seien auch nicht ohne Opfer entstanden, der also die Kunst über alles stellt, über jede Moral und alle Ideologien.

          Ich kenne auch einige Friedrichs aus der Literaturbranche, die sich weigern, ein Handy zu benutzen und es Handtelefon nennen. Die sofort den Raum verlassen, sobald von gendergerechter Sprache, Political Correctness oder digitalen Strategien die Rede ist, die aber alle Romane sowohl von Flaubert als auch von Sibylle Berg mehr oder weniger auswendig kennen. Ich frage mich, ob ich auch ein bisschen Friedrich bin. Ich erinnere mich daran, wie ich mir letztens von einer jungen Kollegin erklären lassen musste, was eine Instagram-Story ist und es partout nicht verstehen konnte. Wie ich meinen Tischkalender entschuldigend anschaute, als ich gezwungen wurde, meine Termine in Outlook einzutragen. Wie ich ungläubig lachte, als ich hörte, dass es so etwas wie Shitstorm-Schulungen gibt. Ich erinnere mich an meinen ersten Podcast. Und dann erinnere ich mich an diese eine Szene in „Liebe und Anarchie“, wo eine Mitarbeiterin des Verlags sagt, ihre Zukunftsstrategie bestehe daraus, auf Frauen und Identitätspolitik zu setzen, und spüre, wie sich in mir Widerstand regt. Am liebsten würde ich sofort Sofie anrufen und sie anschreien: „Es stimmt nicht, was hier über uns gesagt wird! In Wahrheit ist es ganz anders! Natürlich benutzen wir inzwischen Docusign! Natürlich wissen wir, wie wichtig Twitter ist! Natürlich werde ich eine Shitstorm-Schulung machen!“

          Gibt es eine Mitte?

          An dieser Stelle muss gesagt werden, dass „Liebe und Anarchie“ eine Comedy-Serie ist, weswegen es nicht an flachen Witzen und absurden Wendungen mangelt. Alles ist nicht ganz ernst gemeint, und alles ist überzeichnet, die Feministin zu fanatisch, Friedrich zu sehr in seinem Elfenbeinturm, das Stadthaus zu vollgestellt mit skandinavischen Designklassikern, die WG von Max zu studentisch-improvisiert, der Verlag viel zu rückständig. Als wäre das nicht genug, ist das Ganze auch noch in Gegensätze aufgeteilt: neuer Kapitalismus (Sofies Hipster-Ehemann) versus alter Sozialismus (Sofies Vater, der in der Psychiatrie landet), Pornosex mit dem Ehemann versus Teenage Romance mit Max, alteingesessene Strukturen im Kulturleben versus frei florierende digitale Medien, angepasstes Rollenklischee-Leben (wenn auch modern designt) versus unangepasstes wildes Leben.

          Doch bei all diesem Zuviel kommt etwas Erstaunliches heraus: Keiner hat recht! In „Liebe und Anarchie“ wirkt der Hipster genauso lächerlich wie der alte Sozialist, die Hardcore-Feministin genauso verbohrt wie der kulturkonservative Intellektuelle. Und die wichtigste Frage, die im Raum steht, ist die Frage, ob alles immer so Extrem und so klar einer Seite zuordenbar sein muss – ob es nicht vielleicht einen Weg dazwischen geben kann, so etwas wie eine Mitte.

          Als ich mich das nächste Mal wieder aufs Fahrrad setze und meinen Podcast anmache (inzwischen habe ich ihn sogar abonniert), fällt mir endlich ein Grund ein, warum ich die Serie doch ganz furchtbar finden könnte. Denn ja, sie ist das Produkt unserer Zeit, und noch mal ja, es ist mal nicht der Mann, der aus seinem langweiligen Idyll ausbricht, sondern die Frau. Aber im Gegensatz zu Updikes Helden, der wieder zu seiner Familie zurückkehrt, verlässt Sofie das Glashaus für immer. Am Ende entscheidet sie sich, wie alle vernünftigen Frauen, für die Liebe.

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