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Serie über Literaturverlag : Wie viel Friedrich steckt in mir?

  • -Aktualisiert am

Ich kenne auch einige Friedrichs aus der Literaturbranche, die sich weigern, ein Handy zu benutzen und es Handtelefon nennen. Die sofort den Raum verlassen, sobald von gendergerechter Sprache, Political Correctness oder digitalen Strategien die Rede ist, die aber alle Romane sowohl von Flaubert als auch von Sibylle Berg mehr oder weniger auswendig kennen. Ich frage mich, ob ich auch ein bisschen Friedrich bin. Ich erinnere mich daran, wie ich mir letztens von einer jungen Kollegin erklären lassen musste, was eine Instagram-Story ist und es partout nicht verstehen konnte. Wie ich meinen Tischkalender entschuldigend anschaute, als ich gezwungen wurde, meine Termine in Outlook einzutragen. Wie ich ungläubig lachte, als ich hörte, dass es so etwas wie Shitstorm-Schulungen gibt. Ich erinnere mich an meinen ersten Podcast. Und dann erinnere ich mich an diese eine Szene in „Liebe und Anarchie“, wo eine Mitarbeiterin des Verlags sagt, ihre Zukunftsstrategie bestehe daraus, auf Frauen und Identitätspolitik zu setzen, und spüre, wie sich in mir Widerstand regt. Am liebsten würde ich sofort Sofie anrufen und sie anschreien: „Es stimmt nicht, was hier über uns gesagt wird! In Wahrheit ist es ganz anders! Natürlich benutzen wir inzwischen Docusign! Natürlich wissen wir, wie wichtig Twitter ist! Natürlich werde ich eine Shitstorm-Schulung machen!“

Gibt es eine Mitte?

An dieser Stelle muss gesagt werden, dass „Liebe und Anarchie“ eine Comedy-Serie ist, weswegen es nicht an flachen Witzen und absurden Wendungen mangelt. Alles ist nicht ganz ernst gemeint, und alles ist überzeichnet, die Feministin zu fanatisch, Friedrich zu sehr in seinem Elfenbeinturm, das Stadthaus zu vollgestellt mit skandinavischen Designklassikern, die WG von Max zu studentisch-improvisiert, der Verlag viel zu rückständig. Als wäre das nicht genug, ist das Ganze auch noch in Gegensätze aufgeteilt: neuer Kapitalismus (Sofies Hipster-Ehemann) versus alter Sozialismus (Sofies Vater, der in der Psychiatrie landet), Pornosex mit dem Ehemann versus Teenage Romance mit Max, alteingesessene Strukturen im Kulturleben versus frei florierende digitale Medien, angepasstes Rollenklischee-Leben (wenn auch modern designt) versus unangepasstes wildes Leben.

Doch bei all diesem Zuviel kommt etwas Erstaunliches heraus: Keiner hat recht! In „Liebe und Anarchie“ wirkt der Hipster genauso lächerlich wie der alte Sozialist, die Hardcore-Feministin genauso verbohrt wie der kulturkonservative Intellektuelle. Und die wichtigste Frage, die im Raum steht, ist die Frage, ob alles immer so Extrem und so klar einer Seite zuordenbar sein muss – ob es nicht vielleicht einen Weg dazwischen geben kann, so etwas wie eine Mitte.

Als ich mich das nächste Mal wieder aufs Fahrrad setze und meinen Podcast anmache (inzwischen habe ich ihn sogar abonniert), fällt mir endlich ein Grund ein, warum ich die Serie doch ganz furchtbar finden könnte. Denn ja, sie ist das Produkt unserer Zeit, und noch mal ja, es ist mal nicht der Mann, der aus seinem langweiligen Idyll ausbricht, sondern die Frau. Aber im Gegensatz zu Updikes Helden, der wieder zu seiner Familie zurückkehrt, verlässt Sofie das Glashaus für immer. Am Ende entscheidet sie sich, wie alle vernünftigen Frauen, für die Liebe.

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