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Die Doku „Liken.Hassen.Töten“ : Zeitbomben im Kinderzimmer

  • -Aktualisiert am

Die Dokumentation „Liken.Hassen.Töten“ beschäftigt sich mit Hassforen und dem Amoklauf von München im Jahr 2016. Bild: © Bilderfest/Jannis Bierschenk

Es brodelt vor Hass und Gewaltphantasien: Die Doku „Liken.Hassen.Töten“ beleuchtet die „Amok-Community“ im Internet.

          3 Min.

          Eine gute journalistische Recherche braucht Zeit, und das gilt erst recht, wenn Verborgenes ans Licht gebracht werden will. So auch bei dem Thema, mit dem sich Luca Zug und Alexander Spöri für ihre Dokumentation „Liken.Hassen.Töten“ beschäftigt ha­ben: der Amok-Szene im Internet.

          Ausgehend von Einblicken in Ermittlungsakten haben die Filmemacher in einer mehrmonatigen Recherche Personen gefunden, mit denen sich der Täter des Amoklaufs von München im Jahr 2016, David „Ali“ Sonboly, über eine Gaming-Plattform austauschte. Sie ha­ben sich in die Chat-Räume voller Hetze begeben, die sich in den Foren des Vi­deospielportals „Steam“ finden lassen, trafen auf Jugendliche und junge Männer, die Amokläufer als Helden verehren und sich gegenseitig aufstacheln. Ein selbst geschriebenes Computerprogramm half ihnen, die internationale Vernetzung dieser Leute zu analysieren.

          Und auch einen Szene-Aussteiger, der 2016 zu den Onlinebekannten des Münchner Täters gehörte und von ei­nem eigenen Amoklauf träumte, interviewten Zug und Spöri. Dass es ihn gibt, ist nicht neu, und überhaupt ist „Liken.Hassen.Töten“ nicht die erste Re­cherche zum Thema Amokgruppen im Netz. Aber nun sitzt „Paul“ im Ge­genlicht der Studiolampe und erzählt voller Reue. Es sind die erschütterndsten Passagen eines Films, der darüber hinaus aus Begegnungen mit Experten, Verfassungsschützern, Juristen und at­mosphärischen Szenen besteht.

          Nicht die gesamte Videospielszene als extrem abtun

          In letzteren sehen wir Großstadtlichter, Wohnblöcke, Kinderzimmer und dunkle Gestalten, die von Schauspielern gespielt werden und die aggressiv schimmernde LED-Masken tragen. Willkommen am Abgrund, er lässt sich von jedem Schülerschreibtisch mit zwei Mausclicks erreichen, und Eltern und Lehrer bekommen davon nichts mit. Die jungen, gerade einmal 21 Jahre al­ten Journalisten, die sich bereits in früheren Filmen mit Depressionen bei Ju­gendlichen und den Hinterbliebenen des Anschlags von 2016 befassten, in­szenieren in dieser knackigen Bildsprache zwar auch sich selbst, aber das ge­hört in ihrer Generation wohl dazu.

          Die Internetwelten, in denen sich der 18-jährige Deutsch-Iraner David Sonboly vor der Ermordung von neun Menschen mit Migrationshintergrund he­rumtrieb, brodeln nur so vor Hass und Gewaltphantasien. Das Entscheidende sind dabei jedoch nicht die sogenannten Ballerspiele, die hier gespielt werden. Die Extremismusforscherin Julia Ebner legt darauf Wert, dass es „enorm kon­traproduktiv“ sei, „die gesamte Videospielszene als extrem abzutun“. Auch die Psychologin Karoline Roshdi warnt vor der billigen Rechnung „Männlich plus Gewaltspiele plus Einzelgänger, das ist der Attentäter“: „Dann hätten wir Millionen Attentäter in Deutschland.“

          Ein Teil der Gamer sei allerdings an­fällig für radikale Gedanken, und so führt die Chatfunktion von Videospielplattformen wie „Steam“ manch Neugierigen bald in Gefilde, die in der Dokumentation von „Paul“, dem interviewten Szene-Aussteiger, als „Amok-Community“ bezeichnet werden und die in einschlägigen Foren ungehemmt rechtes Ge­dankengut pflegt.„Paul“ erzählt, dass er 2016, als depressiver Fünfzehnjähriger, aufgrund dieser Echokammern ständig an das Töten von Menschen, die zugehörigen Waffen und Pläne für die Erstürmung seiner Schule nachgedacht habe. Erst als er nach Sonbolys Anschlag in München in den sozialen Medien damit prahlte, den Täter aus den Foren zu kennen, sei er von einem Nutzer an­gezeigt, vom SEK verhaftet und in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Glücklicherweise.

          Das ist dann auch die gute Nachricht dieser schockierenden Dokumentation: Es gibt Leute, die die Polizei alarmieren, wenn Bemerkungen im Internet auf An­schlagspläne hindeuten. Auch scheint der deutsche Verfassungsschutz die Ga­ming-Plattformen mittlerweile „besser“ im Blick zu haben: „Ja, wir sind nach wie vor suboptimal aufgestellt“, sagt der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan J. Kramer. „Aber ich sage auch ganz deutlich: Wir sind schon we­sentlich besser, als wir es noch vor einigen Jahren waren.“

          Was das nun für Bayern bedeutet, dessen Verfassungsschützer Zug und Spöri kein Interview geben wollten, bleibt offen. Die Filmemacher wiederum bekamen nach ihren Undercover-Recherchen Besuch vom Staatsschutz. Während die „potentiellen Gefährder“, mit denen die Reporter im Kontakt wa­ren, weiter im aktiv sind: „Sie rekrutieren Jugendliche, leiten zum Bombenbau an und helfen bei der Anschlagsplanung. Sie erzählen uns, dass die Behörden bei ihnen noch nicht vor der Tür standen.“

          Liken.Hassen.Töten, um 23.15 Uhr auf Arte.

          Filmtrailer : „Liken. Hassen.Töten“

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