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Doku zu Loveparade-Katastrophe : Liebe hört niemals auf

Die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg führt das Loveparade-Strafverfahren unter dem Vorsitz von Richter Mario Plein. Bild: DOCDAYS Productions

Beklemmende Reise durch Seelenlandschaften: Der Kultursender Arte zeigt eine herausragende Dokumentation über den Mammutprozess zur Loveparade.

          3 Min.

          Paco Zapater und Nuria Caminal sind wieder zurück in Spanien. Sie sitzen auf einer Bank, schauen in der Dämmerung hinaus aufs friedliche Meer und erzählen sich von ihren Sorgen. Diesmal war die Reise nach Düsseldorf zum Loveparade-Prozess besonders anstrengend. „Die Kraft, die ich aufbringen musste, dafür muss ich zahlen. Ich litt unter Stress und Angstzuständen, weißt du, was ich meine?“, fragt Paco Zapater. Seine Frau antwortet: „Wir müssen das einfach tun, es kam für mich nie in Frage, es nicht zu tun. Aber es ist sehr belastend, man zahlt seinen Preis dafür.“

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Paco Zapater und Nuria Caminal haben am 24. Juli 2010 ihre Tochter Clara verloren, die damals in Deutschland studierte. Clara war eine der 21 jungen Leute, die im Gedränge auf der viel zu engen Zugangsrampe zum Gelände der Loveparade in Duisburg ums Leben kamen, mehr als 600 weitere Personen wurden damals verletzt. Paco Zapater ist selbst Rechtsanwalt. Er hatte lange darauf vertraut, dass die deutsche Justiz die Katastrophe angemessen aufarbeiten und die Verantwortlichen benennen würde. Er und seine Frau waren erleichtert, als der Mammutprozess nach sieben langen Jahren im Dezember 2017 endlich begann. Doch nun, nur wenige Monate später, weht die beiden die Ahnung an, dass auch das Verfahren ihnen keinen Frieden bringen kann, weil niemand Verantwortung übernehmen wird.

          Eine spannende Dokumentation über ein Strafverfahren zu produzieren, ist in Deutschland eigentlich eine „mission impossible“. Denn Dreharbeiten in Gerichtssälen sind jeweils nur in den allerersten Minuten vor Wiederaufnahme der Hauptverhandlung möglich. Während Zeitungsjournalisten Prozessgeschehen ausführlich aus eigener Anschauung schildern können, müssen sich Filmemacher manches einfallen lassen, um einen Verfahrensverlauf ansprechend zu rekonstruieren. Im Fall der Loveparade kommt hinzu: Bei dem erst am 4. Mai ohne Urteil zu Ende gegangenen Prozess handelte es sich um eine der komplexesten Hauptverhandlungen der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte. Wo also anfangen, wo aufhören, was weglassen, was nachstellen?

          Mit akribischer Ausdauer und emphatischer Unparteilichkeit

          Dominik Wessely behilft sich nicht nur mit Videomaterial vom Unglückstag und mit Interviews – das wichtigste ist jenes mit dem vom Gericht bestellten Gutachter Jürgen Gerlach, den Wessely unaufgeregt, aber aus raffiniert wechselnden Kamerapositionen in Szene setzt. Derweil versteht es Gerlach mit einfachen Filzstiften anhand von Zeichnungen allgemeinverständlich zu erklären, wie es am Nachmittag des 24. Juli 2010 auf der Zugangsrampe zu der fatalen Personenballung kommen konnte. Die Sequenz ist eine Gemeinschaftsglanzleistung von Gutachter und Regisseur.

          Tiefe und Qualität gewinnt der Film „Loveparade – Die Verhandlung“ aber vor allem durch den vorbildlichen Fleiß Wesselys. Für seine Komposition aus Fakten und Stimmungen hat Wessely den Prozess und einige klug ausgewählte Beteiligte an mehr als 80 Drehtagen mit akribischer Ausdauer und emphatischer Unparteilichkeit begleitet. So ist er immer wieder auch an Wendepunkten dabei. Wie Anfang 2019, als Opferanwalt Julius Reiter seinen tief enttäuschten Mandanten Zapater und Caminal die neueste Entwicklung zu erklären versucht. Eben hat die Kammer entschieden, dass der Prozess gegen sieben der zehn Angeklagten eingestellt wird. Aber auch einer dieser sieben ehemaligen Angeklagten hat Vertrauen zu Wessely und seinem Team gefasst: Der zwischenzeitlich pensionierte Duisburger Baudezernent Jürgen Dressler, dessen Bauamt die Loveparade trotz erheblicher Bedenken und nach massivem Druck eines anderen Dezernenten in buchstäblich letzter Minute genehmigte, obwohl wesentliche Unterlagen fehlten.

          Nachdenklich berichtet Dressler, dass er das Unglück „in seiner Dezidiertheit“ erst mit Beginn des Prozesses am 8. Dezember 2017 durch die Vorträge und auf die Leinwände projizierte Videoaufnahmen wahrgenommen habe. „Da saß ich da und hab geweint.“ Momente wie diese machen die Dokumentation zu einer Reise durch die Seelenlandschaften der Protagonisten. Dressler erzählt auch von der Erleichterung, als der Prozess gegen ihn eingestellt wurde. „Mit der ganzen vierzigjährigen Zuneigung“ habe ihn seine Frau in den Arm genommen, sagt Dressler, der sodann auf der Heimfahrt vom Gericht zu sehen ist. Neben ihm im Auto sitzt seine Frau. Hart schneidet Wessely Aufnahmen von Paco Zapater und Nuria Caminal dagegen. Sie betrachten schweigend das Loveparade-Mahnmal am Fuß der Rampe des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs – dort, wo ihre Tochter im Gedränge starb. „Liebe hört niemals auf“, steht auf dem Mahnmal. Wessely lässt die ganze widersprüchliche Wucht des Lebens wirken. Das ist authentisch, dokumentarisch. Und großes Kino.

          Ist die Einstellung des Verfahrens eine Niederlage des Rechtsstaats? Auch um diese Frage drückt sich Wessely in seinem Film nicht. Ein Gesprächspartner weist darauf hin, es wäre Irrsinn zu glauben, dass der Rechtsstaat nur funktioniert, wenn am Ende eines Prozesses jemand verurteilt wird. Die Enttäuschung von Nebenklägern wie Paco Zapater und Nuria Caminal vermag das freilich nicht zu dämpfen. Und tatsächlich bleibt es ein Skandal, dass nie jemand die politische Verantwortung für diese Katastrophe übernommen hat, dass bis heute kein Untersuchungsausschuss, kein Sonderermittler mit der Aufklärung beauftragt wurde. Denn auch wenn die – wie in dem Film ein Staatsanwalt treffend formuliert – „organisierte Verantwortungslosigkeit“ bei der Vorbereitung der Loveparade nicht strafrechtlich relevant ist, bleibt der Staat doch in der Pflicht, einen so krassen Fall von Behördenversagen minutiös aufzuarbeiten. Diesen Aspekt hätte Wessely in seinem Film ein wenig deutlicher herausarbeiten können. Die unbedingte Sehempfehlung schmälert das nicht.

          Loveparade. Die Verhandlung, um 22 Uhr bei Arte.

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