https://www.faz.net/-gqz-8nzg6

Letzter Bodensee-„Tatort“ : Sind wir immer noch beim „Sie“?

Sie bleibt ihm ein Rätsel: Die Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) schenkt Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) keinen reinen Wein ein. Bild: SWR/Patrick Pfeiffer

Es hätte eine würdige Abschiedsvorstellung werden können: Ein letztes Mal suchen Eva Mattes und Sebastian Bezzel im Bodensee- „Tatort“ den Mörder. Entscheidende Fragen klären sie nicht.

          3 Min.

          Sie müsse sich von jetzt an ein wenig schonen, sagt der Arzt. „Auf den Satz habe ich mich mein Leben lang gefreut“, antwortet Klara Blum, die „Tatort“-Kommissarin vom Bodensee. Die Ironie ist nicht zu überhören, und es könnte auch die Schauspielerin Eva Mattes sein, die da für sich selbst spricht. Vierzehn Jahre ist sie als Klara Blum mit ihrem Kollegen Sebastian Bezzel als Kommissar Kai Perlmann am Bodensee für den „Tatort“ angetreten, an diesem Sonntag sehen wir die beiden zum letzten Mal. Vor zwei Jahren hatte der Südwestrundfunk das Aus für die Ermittler in Konstanz verkündet, und man kann nicht sagen, dass die Betroffenen dies erwartet, geschweige denn für angebracht gehalten hätten. Im Interview mit dieser Zeitung hatte Eva Mattes erzählt, welch große Stücke sie auf ihre Klara Blum, auf das Zusammenspiel mit Sebastian Bezzel und zuletzt wieder stärkere Drehbücher hielt. Der SWR aber hatte andere Pläne.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nun also das große Finale für Blum und Perlmann. Man sieht, dass es als Würdigung gedacht ist, als Hommage an die beiden, die diesen „Tatort“ geprägt haben, bei der alle zu ihrem Recht kommen sollen, so auch Roland Koch, der den Schweizer Kommissar Matteo Lüthi spielt. Große Fernsehoper mit großen Namen soll es sein, mit der Regisseurin Aelrun Goette, die gemeinsam mit Sathyan Ramesh auch das Drehbuch schrieb, und mit einem Stelldichein großer Schauspielerinnen und Schauspieler aus Fassbinder-Tagen. Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen und Matthias Habich treten vor und sagen Texte auf, die dem Titel dieses „Tatorts“ entsprechen: „Wofür es sich zu leben lohnt“.

          Führen was im Schilde: Irm Hermann, Hanna Schygulla und Margit Carstensen (von links) spielen im „Tatort“ drei durchaus zwielichtige alte Damen.

          Der Krimi am Rande ist schnell erzählt: Ein rechtskonservativer „Vordenker“ und ein Anlagebetrüger sind ermordet worden, zu Tode gefoltert der eine, vergiftet der andere. Die Ehefrauen kommen als Verdächtige sehr in Betracht, und das nächste Opfer, erkennen wir schnell, könnte der Textilunternehmer Maximilian Heinrich (Habich) sein. Er ist, wie die beiden anderen, mitverantwortlich für das Schlechte in der Welt, von dem immer wieder akustisch eingespielte Nachrichtenbeiträge künden, während die Kamera (Conny Janssen) über den dunkel-vernebelten Bodensee streift: Fremdenhass, Angriff auf Flüchtlinge, Ausbeutung der Armen, mehr als tausend Tote beim Brand einer Kleiderfabrik in Bangladesch. Doch wer schwingt sich hier zum Richter auf? Recht schnell landet Klara Blum bei drei alten Schulfreundinnen (Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen), die gemeinsam ein einsames Haus am See bewohnen, das auf den ersten Blick an „Bates Motel“ aus Hitchcocks „Psycho“ erinnert. Wunderlich erscheinen die drei Damen der Kommissarin schon, wie sie da über Leben und Tod philosophieren und nachts um eine brennende Strohpuppe tanzend das „Fest des Königs“ feiern. Der ermordete Rechtsvordenker Josef Krist (Thomas Loibl) trieb in einem Boot über den See, das hergerichtet war wie für das Begräbnis eines Königs, stellt Kommissar Perlmann fest.

          Und dann kommt die Sinnfrage

          Sind die alten Damen vom See nun „Heilige“ oder „Hexen“, fragt sich Klara Blum, lässt sich aber gleich von den dreien die Sinnfrage stellen. „Hör auf zu suchen, und fang an zu leben“, sagt die kräuterkundige Catharina (Hanna Schygulla). Klara Blum weiß, dass sie sich damit nach zwei unentdeckten Herzinfarkten ein wenig beeilen muss. Ihrem Kollegen Perlmann, dem sie erzählt hat, sie sei gerade auf Urlaub in Portugal gewesen, bleibt sie derweil ein Rätsel. Er weiß, dass mit ihr etwas nicht stimmt, aber was, das sagt sie ihm nicht. Bei der distanzierten Nähe zwischen diesen beiden – sie duzt ihn, er siezt sie – bleibt es bis zum Schluss.

          Hätte sich dieser letzte „Tatort“ mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel darauf konzentriert, wäre dies ein wirklich würdiger Abgang. So aber werden sie von einer Regisseurin in ein größeres Szenario eingespannt, in dem zwar jede und jeder zur Geltung kommt und es eine beeindruckende Szene nach der anderen gibt. Diese aber wirken wie Dioramen, wie Bilder einer Ausstellung, haben viel zu lange Dialoge und sind geprägt von einem geradezu karikaturhaften Bedeutungsballast. Nur selten gibt es Anflüge trotzigen oder bitteren Humors wie in der Szene, in der Klara Blum djangomäßig zu Perlmann sagt: „Vielleicht ist dieses Revier zu klein für uns beide.“ Woraufhin er entgegnet: „Vielleicht haben wir Glück, und einer von uns zweien wird beim nächsten Einsatz erschossen.“ Können wir uns so etwas im Bodensee-„Tatort“ vorstellen? Wohl eher nicht. Die Elegie, das Requiem indes, das hier für Blum und Perlmann angestimmt wird, passt erst wieder zum Schluss, wenn es um die beiden geht. Der Rest ist viel Theater.

          Weitere Themen

          Willkommen in der Unterwelt

          Neuer ZDF-Kommissar : Willkommen in der Unterwelt

          Das ZDF stellt einen Kommissar vor, von dem wir gern mehr sähen: In „Danowski – Blutapfel“ lernen die Zuschauer einen Ermittler kennen, dessen „Columbo“-hafter Ermittlungsstil Wiederholungsbedarf hat.

          Weltloses Melodrama Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Kindness of Strangers“ : Weltloses Melodrama

          Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit ihrem neusten Film ein unrealistisches Melodrama entworfen, findet F.A.Z.-Redakteur Andreas Kilb. Warum sich ein Besuch im Kino trotzdem lohnt, verrät die Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Zwei große Mächte im Welthandel: US-Präsident Donald Trump (links) fasst sich an die Jacke, während er für ein Foto mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G-20-Gipfels in Osaka posiert.

          Trumps Blockade : Schwerer Schlag für den Welthandel

          Donald Trump legt das Instrument zur Streitschlichtung der Welthandelsorganisation lahm. Die EU-Kommission sucht noch nach einer Lösung, um die Blockade zu umgehen.
          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Trauer um Roxette-Star Fredriksson : „Danke Marie“

          An ihrer Stimme kam in den 90er Jahren niemand vorbei, sie war das Gesicht von Roxette: Marie Fredriksson ist früh gestorben – die Trauer bei den Fans ist groß. Und auch ihr Band-Partner nimmt Abschied von einer ganz besonderen Freundin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.