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Letzter „Tatort“ mit Nina Kunzendorf : In aller Stille bricht eine Welt zusammen

  • -Aktualisiert am

Mit ihnen haben wir einige der intensivsten „Tatort“-Stunden erlebt: die Kommissare Frank Steier (Joachim Król) und Conny Mey (Nina Kunzendorf) Bild: HR/Bettina Mueller

Sie waren ein großartiges Ermittlerpaar, aber jetzt ist Schluss. „Wer das Schweigen bricht“ ist der letzte gemeinsame Frankfurt-„Tatort“ mit Nina Kunzendorf und Joachim Król.

          Jeder, sofern er nicht selbst betroffen ist, kennt eines dieser Paare, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne den anderen auskommen. In den „Tatort“-Paarungen vertraten bisher die Kommissare Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Frank Steier (Joachim Król) diesen Typus. Sie extrem burschikos, provokant feminin und komplett emanzipiert, beinhart und zerbrechlich in einem. Steier dagegen war von Anfang an, was Conny Mey ihm in dieser Folge ins Gesicht sagt: „Ein komischer Mensch.“

          Komisch im Sinne von rätselhaft - denn Steier trinkt in unbeobachteten Momenten, verbreitet Traurigkeit und Mürrischsein, wo er geht und steht, verbirgt die Neugier und Menschenliebe, die ihn mit Mey verbindet, hinter vordergründiger Abgeklärtheit, die aber nicht selten von Zorn und Ungeduld durchbrochen wird.

          Das warnende Beispiel Andrea Sawatzki

          Extreme Offenheit hier, mühsame Selbstbeherrschung da - dass dabei immer wieder die Fetzen fliegen, war Leitmotiv der erfolgreichen vier „Tatorte“ mit Kunzendorf und Król. Am heutigen Sonntag wird mit dem fünften auch der letzte gesendet: Nina Kunzendorf ist ausgestiegen.

          Warnende Beispiele gibt es: Das ihrer Frankfurter Vorgängerin Andrea Sawatzki, die als Kommissarin Charlotte Sänger fast ein Idol wurde und seit ihrem Ausstieg 2009 häufiger in Werbespots als in Filmen zu sehen ist, oder Maren Eggert, die bis 2010 als Kriminalpsychologin Frieda Jung und Beinahegeliebte von Axel Milbergs Kommissar Borowski in den Kieler „Tatorten“ glänzte, während sie nun aus dem Blick des großen Publikums geraten ist. Doch das hielt Kunzendorf nicht ab. Immerhin: Sie hatte vor den „Tatorten“ viele preisgekrönte Leistungen vorzuweisen; vielleicht kann sie daran anschließen.

          „Ich dachte, wir beide . . .“

          Wird der Frankfurter „Tatort“ durch den Abgang aus dem Gleichgewicht geraten? „Wer das Schweigen bricht“ jedenfalls lebt gänzlich vom Zusammenspiel beider Kommissare. Natürlich geht es um den Abschied, von dem Steier spät erfährt. Als es so weit ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Nicht mit Getöse, sondern in aller Stille.

          Wie Król seinen Kommissar erst freundlich (beglückt, dass die Kollegin ihn um ein Gespräch bittet) lächelnd zuhören und dann ratlos lächeln lässt, wie seine Züge verfallen, während sie von ihrer Zukunft als Ausbilderin schwärmt, wie Trauer und Angst vor Einsamkeit in ihm hochkriechen und sich in hilflose Wut wandeln - das sind zwei Minuten große Darstellungskunst.

          Im Jugendgefängnis herrschen Gewalt und Rassismus: Szene mit (von links) dem jungen Sergey (Damir Cosic), Kommissar Steier (Joachim Król) und dem Häftling Jurij (Adrian Saidi).

          „Sie haben mir schon einiges gesagt“, wirft er ihr im Weggehen zu, „aber ’ne größere Scheiße haben Sie noch nie von sich gegeben!“ Conny Mey zerbeißt in stummer Wut ihre Unterlippe. Zwei Tage später entschuldigt sich Steier. „Ich dachte, wir beide ...“ sagt er und lässt dem unvollendeten Satz einen verschämt bittenden Verzweiflungswitz folgen: „Ich geh mit dir durch dick und doof.“ Vergeblich selbstverständlich, was ihn wieder zu neuen leisen Grobheiten reizt.

          Ein Nagelknipser und blutige Zehennägel

          Das sacht quälende Sich-voneinander- Losreißen des seltsamen Paars überstrahlt den Kriminalfall, nimmt ihm aber nicht die beklemmende Wirkung: Es geht um ein Jugendgefängnis, wo trotz sanfter Vollzugsexperimente und idealistischer Programme, psychologischer, pädagogischer und sozialer Betreuung seitens eines reformfreudigen Direktors und einer umsichtigen Sozialarbeiterin Drogenhandel, Rassismus und Gewalt blühen.

          Beweis ist der in seiner Zelle ermordete Mustafa Zeydan. Vor seinem Tod muss er gefoltert worden sein - ihm sind acht Zehennägel gewaltsam gezogen worden. Das Gleiche ist Erhan Karabey widerfahren. Er hat überlebt, schweigt aber hartnäckig. Ebenso die beiden Russlanddeutschen, in deren Zelle Drogen, ein Nagelknipser und blutige Zehennägel entdeckt werden, oder Jürgen Schuch, der am Mordabend randalierte und als Neonazi kaum zögern dürfte, Türken zu töten.

          Kaum fünf Minuten hat der junge Schauspieler Andreas Helgi Schmid, um diesen Jürgen Schuch zu charakterisieren. Und das tut er packend bis zur Ekelgrenze; ein hoffnungsloser Fall, ein Betonkopf, der grienend mit Spuckefäden ebenso wie mit zynischer Intelligenz jongliert.

          Wie Schmid bieten viele Nebendarsteller kleine Kostbarkeiten - als junge Straftäter, denen nicht mehr zu helfen ist, als überfordertes Personal, das teils zu Lethargie, teils zu Brutalität degeneriert ist. An solchen Verhältnissen zerschellt jede Reform. Das bezeugen nicht nur die klugen Texte (Buch Lars Kraume) und das realistische Spiel (Regie Edward Berger), sondern auch die bleierne, in bestechenden Bildern (Kamera Armin Alker) eingefangene Atmosphäre. Dass am Ende Täter entlarvt werden, wird in diesem illusionslosen Film zur Nebensache.

          Um eine letzte Illusion ärmer ist zuletzt auch Kommissar Steier, der aus stiller Angst vor der Situation den Abschied seiner Kollegin versäumt. Eine stumme, fesselnde Szene. Sie beweist einmal mehr, dass Joachim Król mühelos ein Kommissar-Solo bewältigt. Und dies ganz unabhängig davon, dass er in Zukunft Margarita Broich ermitteln wird

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