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„Tatort“ aus Leipzig : Ist das ein Scherz, oder kommt da noch was?

Du bist schwer wie ein Schrank: Martin Wuttke schultert Simone Thomalla. Bild: Steffen Junghans

Jahrelang war das mit den „Tatort“-Kommissaren aus Leipzig eine Qual. Jetzt verabschieden sich Simone Thomalla und Martin Wuttke mit einer traurig-schönen Kriminalrevue. Warum gibt es den großen Knalleffekt erst jetzt?

          3 Min.

          Kommissar Keppler ist fertig mit der Welt. Und mit seiner Rolle darin. Er blickt in seinen Kühlschrank und fischt irgendetwas heraus, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum deutlich überschritten ist. „Was ist der Sinn des Lebens?“, fragt er und schaut direkt in die Kamera. „Die Frage ist doch mehr: Soll das ein Scherz sein, oder ist es mehr?“ Ihm steht das Wasser bis zu den Knien, im Hintergrund sucht der Installateur nach dem Leck in Kepplers Wohnung, es folgen Kurzschluss, Schall und Rauch: „Der Kühlschrank ist von meiner Mutter“, sagt der Kommissar im Feinripp-Unterhemd. „Das ist ihre Rache aus dem Grab.“

          Das Beste kommt zum Schluss

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hereinspaziert, meine Damen und Herren, zum letzten Auftritt der „Tatort“-Kommissare aus Leipzig, die sich mit einer Rede auf dem Theater von der Bühne verabschieden, wie wir sie zuletzt beim „Tatort“ aus Wiesbaden mit Ulrich Tukur gesehen haben. Und erstaunlicherweise ist der letzte Akt, den Simone Thomalla und Martin Wuttke absolvieren, so ziemlich der beste, der ihnen in den 21 Episoden, die seit 2008 gelaufen sind, vergönnt war.

          Hinter den Masken: Das Ehepaar Monika (Susanne Wolff) und Wolfgang Prickel (Jens Albinus) verbirgt eine grausame Wahrheit.
          Hinter den Masken: Das Ehepaar Monika (Susanne Wolff) und Wolfgang Prickel (Jens Albinus) verbirgt eine grausame Wahrheit. : Bild: Steffen Junghans

          Sie bringen ihre Geschichte zum Abschluss, welche die ganze Zeit über eine von Anziehung und Abstoßung und leider auch die eines mitunter mühselig erzählten Abstiegs war. Der Kommissar Andreas Keppler hatte nichts mehr im Griff außer dem Alkohol, seine Kollegin Eva Saalfeld versteinerte innerlich. Als geschiedenes Ehepaar, das den größten Teil seiner Zeit dann doch zwangsläufig miteinander verbringt, beharkten sie sich, überboten sich in schlechter Laune, waren auch mal fürsorglich, vermittelten aber doch den Eindruck eines gemeinsamen Pflegefalls.

          Das wollte der Drehbuchautor Sascha Arango, der sich sonst um „Borowski“-Tatorte kümmert, nicht bis zum bitteren Ende mitansehen. Sein Skript gibt vor allem Martin Wuttke Texte mit Hintersinn, wie er sie vorher nie hatte. Dafür dürfen Schauspieler und Zuschauer Arango dankbar sein. Allerdings zeigt sich auch seine Vorliebe für düstere Introspektion, religiöse Verzückung und mystischen Bewusstseinsnebel.

          Wir sehen in seelische Abgründe. Wie lassen die sich im Krimi am besten in Szene setzen? Mit Verbrechen an Kindern und perversen Beziehungen zwischen Erwachsenen. Davon handelt der „Tatort. Niedere Instinkte“. Die achtjährige Magdalena (Martha Keils) wird entführt. Von wem, das wissen wir von Beginn an: Monika (Susanne Wolff) und Wolfgang Prickel (Jens Albinus) haben keine eigenen Kinder, also fangen sie sich eine Tochter und sperren sie ins Kellerloch, auf dass sie dort für immer bleibe.

          „Ich bringe dir deine Tochter zurück“

          Dass Magdalena verschwunden ist, bemerken ihre Eltern erst nach anderthalb Tagen. Sie gehören einer christlichen Sekte an und setzen – scheinbar unberührt – seelenruhig auf die Kraft des gemeinsamen Gebets. Bald sind sie dann doch so verzweifelt und durchgedreht, wie sie Kommissar Keppler von Beginn an erscheinen. Den gehörlosen Vater (Alexander Scheer), der sich schwer verständlich machen kann, vermag Keppler nur dadurch davon abzuhalten, sich als lebende Fackel vom Dach zu stürzen, dass er mit heiliger Inbrunst verspricht: „Matthias, ich bringe dir deine Tochter zurück!“ Wenig später ist dem Kommissar klar, dass er etwas dick aufträgt: „Ich hätte wissen müssen, dass ich nicht den lieben Gott spielen darf. Aber was sollte ich denn machen?“

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          Er macht seine Arbeit, doch ihm läuft die Zeit davon. Zeit für einen Rosenkrieg haben Saalfeld und Keppler allerdings. Vor versammelter Mannschaft in der Polizei-Kantine hält sie ihm vor, dass er mit ihrer Nachbarin (in deren Wohnung sie sich schleicht) ins Bett hüpft. Er retourniert mit ihrer angeblichen Gefühlskälte, bis die beiden sich und alle anderen an den Tod ihres gemeinsamen Kindes erinnern. Doch auch das ist nicht das letzte Wort, meint Keppler in seiner Ex doch die mythische Familienmörderin Medea zu erkennen.

          Für die Regisseurin Claudia Garde ist diese Exposition ein Fest, die Schauspieler sorgen für Knalleffekte, die Action-Abteilung kommt auf ihre Kosten, und in einigen Szenen spielt die Regie realiter durch, was den Protagonisten gerade in den Sinn kommt – die Zeugin würgen oder dem Chef eins auf die Zwölf geben. Das wär’s doch. Die Kommissare haben ja anscheinend nichts mehr zu verlieren, ebenso wie das Entführer-Ehepaar, das Susanne Wolff und Jens Albinus bestechend spielen.

          Wie soll das bloß enden, fragt man sich bis kurz vor Schluss. Zu dem dürfen Simone Thomalla und Martin Wuttke mit einem großen Sprung ansetzen. Ihr Abgang hat was. Wäre das beim Leipziger „Tatort“, den der MDR jahrelang vergurkt hat, doch bloß früher schon mal so gewesen.

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