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Nachrichtenmagazin „L’Express“ : Drittes Leben, letzte Chance

„Industrie: Hört auf, Frankreich zu verkaufen!“, lautet die kämpferische Schlagzeile der jüngsten Ausgabe von „L `Express“. Bild: L `Express

Frankreichs berühmtestes Nachrichtenmagazin „L’ Express“ wagt einen Neuanfang: In sachlicher Aufmachung ahmt es den erfolgreichen „Economist“ nach. Der Start ist dank wachsender Umsatzzahlen vielversprechend.

          3 Min.

          Den Journalismus wollen sie nicht neu erfinden. Es geht eigentlich nur noch darum, das berühmteste französische Nachrichtenmagazin vor dem Bankrott zu retten. Zehntausende von Lesern und Dutzende von Millionen Euro hat „L’Express“ in den vergangenen Jahren verloren. Der Inhalt wurde seichter, die Aufmachung greller – und der Niedergang beschleunigte sich. Jetzt wurde die Redaktion von einem neuen Besitzer nochmals um dreißig auf hundert Stellen dezimiert. Seit Ende Januar erscheint „L’Express“ mit einem neuen Konzept: Das Magazin will zum französischen „Economist“ werden. Die Anfänge sind vielversprechend.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gegründet wurde das Magazin 1953 von Jean-Jacques Servan-Schreiber, der für „Le Monde“ gearbeitet hatte, und Françoise Giroud, die Chefredakteurin von „Elle“ war. Es erschien zunächst als Beilage der von Servan-Schreibers Vater geleiteten Wirtschaftszeitung „Les Echos“. „L’Express“ kämpfte für das Ende der französischen Kolonialkriege und die Modernisierung Frankreichs. Er war die Stimme seiner Epoche. Zu den Mitarbeitern gehörten François Mauriac, Albert Camus und Jean-Paul Sartre.

          Die Umstellung zu einem Nachrichtenmagazin nach dem Beispiel von „Time“ und „Newsweek“ erfolgte 1963. Kollektiv verfasste Recherchen und mit den Kürzeln ihrer Autoren gezeichnete Artikel waren neu für die französische Presse – „JJSS“ wurde zum Markenzeichen für den Publizisten Jean-Jacques Servan-Schreiber, dessen Essay „Die amerikanische Herausforderung“ ein Weltbestseller war. Präsident Giscard d’Estaing holte sowohl Giroud wie JJSS in die Regierung. An ihrer Stelle prägten die konservativen Publizisten Raymond Aron als Kolumnist und der Herausgeber Jean-François Revel den Kurs des Magazins. Revel wurde vom neuen Eigentümer Jimmy Goldsmith entlassen, weil er sich geweigert hatte, seinen Chefredakteur Max Gallo zu feuern: Gallo rief 1981 zur Wahl Mitterrands (gegen Giscard d’Estaing) auf und wurde dessen Regierungssprecher.

          Cover einer „L’Express“-Ausgabe aus dem Januar

          Im neuen, schlanken Gewand

          Vor ein paar Jahren geriet „L’Express“ in den Besitz des Kabelunternehmers Patrick Drahi, der auch die Zeitung „Libération“ und andere krisengebeutelte Medien aufkaufte. Er benutzt sie als Content-Lieferanten für seinen Telekommunikationskonzern SFR, der einen Online-Kiosk betreibt, in dem angesehene Zeitungen und Zeitschriften zum Pauschalpreis von zehn Euro pro Monat verscherbelt werden. „L’Express“ ist diese Strategie nicht gut bekommen. Jetzt hat Drahi die Mehrheit – 51 Prozent – an seinen SFR-Generaldirektor Alain Weill, der ihm einst den führenden Newssender BFM verkaufte, abgegeben. Damit ist „L’Express“ das einzige Leitmedium im Lande, das – zumindest auf dem Papier – nicht Eigentum der zehn reichsten Milliardäre ist. Weill hat sein Privatvermögen investiert. Ginge es ihm nur um finanziellen Gewinn, hätte er es besser anlegen können. Der publizistischen Kreditwürdigkeit des Magazins sind die veränderten Besitzverhältnisse durchaus nützlich. Und auf die „Synergieeffekte“ muss auch nicht verzichtet werden.

          Die Titelseiten sind ziemlich dreist dem „Economist“ nachempfunden. Die Aufmachung ist nüchtern, schlank, bewusst textlastig – es werden nur wenig Fotos verwendet. Der Umfang wurde um einen Drittel auf weniger als hundert Seiten reduziert, die Textmasse zugleich um fünfzig Prozent erhöht. Gedruckt wird das Heft auf dünnem Papier. „Auf alles Pittoreske verzichten, auf Genauigkeit setzen“ will – das Rezept stammt von George Orwell – der neue Chefredakteur Eric Chol, der vom „Courrier international“ abgeworben wurde. Abonnenten der gedruckten Ausgabe bekommen das Magazin als Podcast – fünf Stunden dauert die Vorlesung. Mit Qualitätsjournalismus für Autofahrer hat man in Amerika erfreuliche Erfahrungen gemacht. Die Zahl der Online-Abonnenten soll auf 200.000 verzehnfacht werden. Diese Zahl hat in Frankreich bisher nur „Le Monde“ erreicht. In den Vereinigten Staaten, begründet Weill seinen Optimismus, sei das digitale Wachstum zehnmal größer. Weil das Budget schon ziemlich ausgeglichen ist, könne die Redaktion ohne Existenzängste arbeiten – er hat ihr viel Zeit versprochen.

          Das dritte Leben beginnt

          Noch handelt es sich bei den Auslandskorrespondenten um freie Mitarbeiter. Sobald sich die Zahlen verbessern, werde man weitere Stellen schaffen, sagt Alain Weill. Die bescheidenen Kioskverkäufe und Anzeigenerlöse haben umgehend um fünfzig Prozent zugelegt. Ob dieser Neugierde-Effekt schon von besseren Zeiten kündet, wird sich weisen. Aber in der schwierigen Gegenwart ist schon viel erreicht, wenn ein Printmedium auf positives Interesse stößt.

          „Über die Zukunft werden die Inhalte entscheiden“, sagt Jean-Louis Servan-Schreiber und gibt sich optimistisch. Der jüngere Bruder von JJSS war bei der Umgestaltung zum Newsmagazin dabei und hat ebenfalls zahlreiche Zeitschriften begründet. Dank der Neupositionierung, schreibt er in einem Gastbeitrag, erscheine „L’Express“ endlich wieder im Gleichschritt mit seiner Epoche: „Sein drittes Leben beginnt.“ Es ist auch seine letzte Chance.

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