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Letterman-Show auf Netflix : Die neuen, alten Retter

Tiffany Haddish tanzt mit Letterman in seiner Show „My Next Guest Needs No Introduction“ Bild: Adam Rose/Netflix

Wer wissen will, wie gut das alte Fernsehen war, muss das neue schauen: Formate wie Lettermans Netflix-Talkshow „My Next Guest Needs No Introduction“ beschwören die Geschichte des Entertainments. Das brauchten wir auf Deutsch.

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          Zwei sehr unterschiedliche Stars und ein gemeinsamer Fixstern: Da sitzt der Rap-Unternehmer Kanye West im Gespräch mit dem Moderator David Letterman in der neuen Staffel des Netflix-Talkformats „My Next Guest Needs No Introduction“ und erzählt davon, wie sehr ihn der verstorbene amerikanische Entertainer Andy Kaufman beeinflusst hat. In der Folge darauf sagt die Moderatorin Ellen DeGeneres das Gleiche. Das Publikum – Letterman geht für seine Gesprächsreihe auf die Bühne – klatscht jedes Mal begeistert. Es sind ja auch Amerikaner, die mit Kaufman oder dessen Nachruhm aufgewachsen sind.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wer Kaufman dagegen nicht kennt, muss auf Netflix nicht lange suchen. Die Dokumentation „Jim & Andy“ erklärt es in beklemmenden Bildern. Sie erzählt, in Rückblenden und Interviews, wie der Hollywood-Schauspieler Jim Carrey Anfang der neunziger Jahre Kaufman in einem Kinofilm von Miloš Forman nicht nur spielte, sondern sich für die Dreharbeiten in Kaufman verwandelte, vierundzwanzig Stunden am Tag. Ein schmerzhafter Prozess, offenbar, um ganz von innen zu verstehen, woher die radikale Poesie dieses Komödianten kam: der mit Frauen wrestelte und sein Publikum zu Tränen rührte, weil er ihm Milch und Kekse servierte. Auch in Lettermans „Late Show“ randalierte Kaufmann 1982 herum, nachdem er sich mit dem Wrestler Jerry Lawler angelegt hatte. Ob im Spiel, ob in echt, klärte sich nie ganz.

          Jim Carrey als Andy Kaufman

          Fernsehlegenden. Im vergangenen Sommer erzählte auch Regina Schilling ein paar davon, in ihrer Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“. Inzwischen ist dieser SWR-Film so oft gerühmt und wiederholt worden, dass er selbst auf dem Weg ist, zur Legende zu werden. „Kulenkampffs Schuhe“ ist (für alle, die ihn trotzdem verpasst haben) ein autobiographischer Essay über die großen Moderatoren der alten Bundesrepublik. Darüber, wie sie, jeder auf seine Weise, in ihren Shows das Trauma der Nazizeit zur Sprache oder zum Verschwinden brachten, nur um davon wieder eingeholt zu werden: Der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal, der sich in einem Berliner Schrebergarten verstecken musste und nur in Bombennächten hinaustraute, aber vom ZDF genötigt wurde, am 9. November 1978 „Dalli Dalli“ zu moderieren. Oder der Wehrmachtssoldat Hans-Joachim Kulenkampff, der sich an der Ostfront die abgefrorenen Zehen selbst amputierte und auf den Krieg in „Einer wird gewinnen“ – bis heute der Goldstandard einer deutschen Fernsehshow – immer wieder witzelnd anspielte.

          Fernsehen prägt, immer schon

          Schilling rekonstruierte, in einer im deutschen Fernsehen so gut wie unbekannten Eigensinnigkeit und Poesie, zugleich aber auch die Wirtschaftswundergeschichte einer Herzinfarktgeneration: Männer wie ihr eigener Vater, die zu Kulenkampff aufschauten und sich in ihm wiedererkannten. Man wollte nicht wissen, was sie gesehen und getan hatten, im Krieg, weil man am Ende das Gleiche gesehen und getan hatte. Davon- und angekommen gleichzeitig, schwankend.

          Der Spezialfall einer komplexen Identifikation in einem Medium, welches wie kaum ein zweites auf Identifikation setzt: „Kulenkampffs Schuhe“ erzählt deswegen nicht nur deutsche Mentalitätsgeschichte, sondern auch von einer Macht, die dem Fernsehen eigen ist: Diese Identifikationsmacht hat auch den Wechsel vom alten zum neuen Fernsehen überlebt, vom Verabredungsfernsehen überschaubarer Programme hin zur Multikultur des Bingings und Streamings. Was man kürzlich am Protest gegen die letzte Staffel von „Game of Thrones“ wieder erleben konnte, die manchen nicht ins Bild passte, das sie von der Serie haben. Fernsehen prägt, immer schon. Umso intensiver, je näher es einem rückt. Und näher als jetzt, da man Fernsehen in der Hosentasche mit sich herumtragen und jederzeit anschauen kann, kam es einem ja noch nie.

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