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Lenz-Verfilmung im ZDF : Ein Toter liegt am Strand, seine Uhr tickt

Der Mann und das Meer: Was Alexander Halbach (August Zirner) hier tut, scheint klar. Aber warum geht er ins Wasser? Bild: ZDF / Stefan Erhard

So macht man aus einer gediegenen Kurzgeschichte von Siegfried Lenz einen Fernsehfilm, der richtig spannend ist. In „Die Flut ist pünktlich“ glänzen überdies die Schauspieler.

          3 Min.

          Ein Mann geht ins Wasser, und wie er die Augen auf den Horizont heftet, sieht es so aus, als sei er ganz einverstanden damit, wie seine Stiefel im Watt schmatzen und die Streichmusik, die im Hintergrund pulsiert, ihn vorantreibt. Wolken rauschen über die Nordsee, die Sonne gleitet über den Schlick, in dem die Flut sich ihren Weg bahnt. Sie wird sich nehmen, was jetzt noch Land ist. Und das Leben dieses Mannes.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am nächsten Tag liegt er tot im Sand, und die junge Inselpolizistin Maike Harm (Bernadette Heerwagen) beugt sich über seine Leiche. Als sie den Ertrunkenen auf den Rücken dreht, verrät ihr Blick, dass sie diesen Alexander Halbach (August Zirner) kennt - und es beginnt die Geschichte von sieben Menschen, für die alles ins Rutschen gerät, unmerklich erst, wie die Gezeiten wechseln, und unaufhaltsam. Weil, wie die Polizistin einmal halb zu sich selbst sagt, man auf viele verschiedene Arten umkommen kann und immer rätselhafter wird, wie Alexander Halbach starb.

          Wahrheitssuche ohne Krimi

          „Die Flut ist pünktlich“ ist kein Krimi, auch wenn die Wahrheitssuche als Polizeiermittlung inszeniert ist. Der Film von Thomas Berger setzt eine gleichnamige Kurzgeschichte von Siegried Lenz in Szene, die aus den fünfziger Jahren stammt. Eine literarische Vorlage aus Nachkriegsdeutschland, von dem Autor, dessen „Deutschstunde“ für Generationen früherer Schüler mit Erinnerungen an quälende Mittelstufen-Aufsätze verbunden ist, dazu noch ein Sender, der stolz verkündet, hier mal wieder seinem „Bildungsauftrag“ gerecht zu werden - das könnte manchen Zuschauer abschrecken. Sollte es aber nicht. Denn dieser Fernsehfilm ist um Längen besser als alles, was uns das ZDF in letzter Zeit - zuletzt mit großem Wagner-Tamtam am Sonntagabend - als „Event“-Fernsehen verkaufen wollte. Er ist sogar richtig gut und - trotz einiger Längen: spannend.

          Und das, obwohl vordergründig nicht viel geschieht. Wir steigen mit Maike Harm, die vor allem einzige Tochter eines verwitweten Bauern von der Insel ist und dann erst Ermittlerin, in ihre alte Karre und fahren zur Ehefrau des Toten, während Vater Harm (Jan Peter Heyne als bis zur Tumbheit träger Norddeutscher) mit dem Trecker die Leiche an Land schafft. Wir sehen, wie Bettina Halbach (Ina Weisse) vor ihrem Reetdachhaus ihren Geliebten Tom (Jürgen Vogel) zum Abschied küsst, dann beginnen die Gespräche. Denn die Suche nach dem Warum und Wie ist keine Jagd an der Oberfläche. Sie führt in die Figuren hinein, obwohl die kaum mehr tun als reden und einander anschauen. Oder nicht. Die Landschaft ist mal Seelenspiegel, mal eigener Charakter (großartig inszeniert von Kameramann Frank Küpper), die Musik von Wolfram de Marco gibt dem Schweigen Stimme (manchmal allerdings eine ziemlich durchdringende).

          Ein Motiv für eine dunkle Tat hätten beide: Halbachs Ehefrau Bettina (Ina Weisse) und ihr Geliebter (Jürgen Vogel)

          Das Psychogramm, das so entsteht und sich immer weiter zuspitzt - bis zum Showdown auf See - könnte nicht gelingen, würden die Schauspieler nicht zeigen, was in ihnen steckt. Jürgen Vogel stapft durch den Film, ein schwacher Mann, der am Ende vielleicht die Kurve kriegt. Zirner zeigt in zahlreichen Rückblenden das Mienenspiel eines Kraftlosen, der undurchsichtig bleibt bis zum Schluss. Wir erfahren nur: Halbach war schwer krank. Bernadette Heerwagen nimmt man die vermeintlichen 26 Jahre der Jungpolizistin nicht ab, doch das tut nichts zur Sache, alles andere glaubt man ihr sofort: den Konflikt mit dem Vater, das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt mit diesem Toten.

          Das Zentrum des Films, dem man Zeit geben muss, damit er sich entwickelt, ist ohne Zweifel Ina Weisse als Bettina Halbach. Schmerzhaft schmal und gespannt wie eine Bogensaite schwankt sie zwischen stählerner Härte und Zerbrechlichkeit, und wie Ina Weisse das mit einem Zucken im Gesicht ausdrückt oder einem Blick, ist großartig. Das ist auch eine Szene mit Vogel, in der es die Protagonistin regelrecht zerlegt.

          In die Gegenwart übersetzt

          Lenz lieferte mit seiner Erzählung nur den Kern der Geschichte, welche die Filmemacher in die Gegenwart übersetzen und entfalten konnten. Fast alles, was der Film ausbreitet, hat der Drehbuchautor André Georgi entwickelt. Es ist ihm kongenial gelungen. Die Figuren sind echte Lenz-Charaktere; die Worte, die Georgi ihnen in den Mund legt, haben eine Selbstverständlichkeit, wie man sie lange nicht gehört hat im Abendprogramm. Und das, obwohl alle Gespräche um die Weigerung zu reden herum gebaut sind und ein Dialog nach dem anderen ins Leere läuft. Oder gerade deshalb.

          Das Handy des Toten funktioniert erst nach Tagen wieder, als es endlich getrocknet ist. Sein letzter Anruf führt die Polizistin schließlich auf die richtige Fährte. Und das Ticken seiner Armbanduhr, die unbeeindruckt von dem, was geschehen ist, die richtige Zeit anzeigt. Was es so unwahrscheinlich macht, dass Halbach das Kommen der Flut überrascht haben soll. Der Typ für einen Selbstmord war er auch nicht. Aber Uhren können irren, auch wenn sie nicht falsch gehen. Vor allem aber, das ist die Lehre dieses Films: Sie lassen sich nicht zurückdrehen. Aber wegwerfen.

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