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Lenos letzte „Tonight Show“ : Jay Leno geht von Bord

Eine ratlose Vaterfigur und sein Nachfolger: Jimmy Fallon und Jay Leno bei der Amtsübergabe Bild: AP

Jay Lenos letzter Auftritt? Den wollten weder Oprah Winfrey noch sein Nachfolger verpassen: Bei der letzten Show des TV-Talkers zog der Meister noch einmal alle Register.

          Unter Tränen hat Jay Leno am Donnerstagabend Abschied von seinem Publikum genommen. Nach 22 Jahren gibt der Komiker die Moderation der „Tonight Show“ auf, der am längsten kontinuierlich ausgestrahlten Unterhaltungssendung des Weltfernsehens, die wochentags bei NBC das Tagesprogramm beschließt. Am 25. Mai 1992 trat Leno die Nachfolge von Johnny Carson an, der dreißig Jahre lang als Gastgeber amtierte, länger als jeder seiner Vorgänger und Nachfolger. In den Jahren 2009 und 2010 war Leno neun Monate lang zum Zuschauen verdammt, als der Sender NBC ihn schon einmal abgelöst hatte. Unter seinem Nachfolger Conan O’Brien brachen die Einschaltquoten ein, woraufhin die Sendergewaltigen Lenos Herrschaft über die Stunde um Mitternacht restaurierten.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          An dieses Kapitel der Geschichte der „Late-Night-Kriege“, die in der amerikanischen Medienberichterstattung so breit nacherzählt werden wie sonst nur die Kriege unter den Moderatoren der Frühstücksshows, knüpft sich die Hoffnung der Leno-Getreuen, ihr silberhaariges Idol könnte auch diesmal wieder als Retter zurückgerufen werden. Vorsichtshalber versicherte Leno, er wolle weder bei Fox noch bei CBS oder ABC anheuern, da er bei diesen Sendern niemanden kenne. Dass Leno nicht freiwillig geht, war der einzige Gegenstand der Witze seines letzten Abends.

          Meister der nächtlichen Unterhaltung: Jay Leno und Billy Crystal

          Höflicherweise reihte sich sein Nachfolger Jimmy Fallon dennoch bei den Prominenten ein, die launige Kurzreden auf den beiseitegeschobenen Giganten hielten, der in einem Umfeld stetig fallender Zuschauerzahlen lange seinen Vorsprung vor den Mitbewerbern behaupten konnte, wenn auch zuletzt nicht mehr in dem für Werbekunden wichtigsten Segment der Achtzehn- bis Neunundvierzigjährigen. Mit 63 Jahren ist Leno nach amerikanischen Maßstäben noch nicht im Ruhestandsalter der Anzugsträgerberufe. Bill de Blasio, der neue Bürgermeister von New York, berief zur Erfüllung seiner revolutionären Wahlkampfversprechen einen sechsundsechzigjährigen Polizeipräsidenten und eine einundsiebzigjährige Schuldezernentin.

          Musikantenstadl unter professioneller Leitung:  Oprah Winfreys Auftritt bei der letzten „The Tonight Show with Jay Leno“

          Als angeborenes Kapital brachte Leno seine markante Gestalt mit ins Studio: Sein viereckiger Schädel dürfte schon 1992 den Gedanken an eine ausgemusterte Generation von Fernsehgeräten geweckt haben. Er musste sich nie verrenken, um Eindruck zu machen. Seine charakteristische Pose: Er hat die Hände in den Hosentaschen gestopft, zuckt gleichzeitig mit den Schultern und dreht außerdem den Kopf weg. Damit drückte er die Pointe nach der Pointe aus, den unausgesprochenen Kommentar, auf den eigentlich alle seine Witze hinausliefen: Was soll man dazu sagen (wie lächerlich sich die Prominenten anstellen)? Was soll man da machen (wenn Politiker sich wie Kinder benehmen)? Den Objekten seines Spotts kam Leno als ratlose Vaterfigur entgegen. Es gehörte deshalb kein Masochismus dazu, wenn seine Opfer auf dem Sessel des Studiogasts Platz nahmen.

          Diesmal ging, in der ultimativen Demonstration seiner Fairness, der Witz des Körpersprachspiels auf seine Kosten. Mit Stopfhänden, Zuckschultern und Drehkopf bot er eine Simulation von Gleichgültigkeit gegenüber seinem Schicksal, die niemanden täuschen sollte. Man konnte den vertrauten Tick auch auf das Material beziehen, das seine Autoren ihm auf den Leib geschrieben hatten. Die Qualität der Gags durfte ihm egal sein. Denn warum sollte er ausgerechnet in der letzten Sendung brillieren wollen, wenn sein langanhaltender Erfolg in der Zuschauerstatistik einen Grund darin haben dürfte, dass er seine Pointen nicht zu sehr zuspitzte? Sollte er tatsächlich noch einmal wiedereingesetzt werden, dann würde der Sender schließlich auf das Bewährte zurückgreifen wollen, an dem, der Altersstruktur nach zu urteilen, auch das Herz des Saalpublikums in Los Angeles hängt. Eine altgediente Arbeitskraft, die ihre Aufgaben in berechenbarer Selbständigkeit erledigt, nennt man im Englischen ein sicheres Händepaar, und am sichersten mögen Hände sein, die in den Hosentaschen stecken.

          Applaus für  Oprah Winfrey:  Carol Burnett, Sheryl Crow, Jack Black, Chris Paul, Jay Leno, Jim Parsons und Kim Kardashian freuen sich sichtlich über Winfreys Darbietung

          Leno kam im Eröffnungsmonolog auf einige seiner Lieblingsfiguren aus der großen Schießbude des amerikanischen öffentlichen Lebens zu sprechen. Neue Einfälle zu den alten Namen hätten nur den nostalgischen Reiz verwischt. 22 Jahre sind eine lange Strecke: Kinder, wie die Zeit vergeht – und O. J. Simpson hat den wahren Mörder immer noch nicht gefunden! Die Kurzmonologe der verkleideten Kollegen aus dem Schaugewerbe durften natürlich erst recht nicht originell sein, um dem Mann der Show die Show nicht zu stehlen. Präsident Obama (nicht verkleidet) verkündete, dass er Leno zum Botschafter in der Antarktis ernenne. (Antarctica? Oh, please!) Der Schauspieler Billy Crystal, Gast in Lenos erster Sendung, kam in der letzten wieder und gab eine Auswahl von Lenos Spitzenwitzen zum Besten, von denen ein paar recht gut waren: Wäre der Golf von Mexiko in Persischer Golf umbenannt worden, hätte Präsident Bush nach dem Hurrikan Katrina schneller Truppen geschickt.

          In den Werbepausen wurde selbstverständlich auch für die neue „Tonight Show“ geworben, die am 17. Februar Premiere feiert. Man sieht Jimmy Fallon an, dass die Aufgabe ihn juckt: Er zappelt, hüpft und verknotet seine Gliedmaßen, als wollte er mit einem gestischen Monolog ein lebendes Bild der Laokoon-Gruppe abgeben. Für Jay Leno dagegen heißt Professionalität, bis zuletzt die Ruhe zu bewahren. Er ist stolz darauf, sagte er im Schlussmonolog am Schreibtisch, dass er „eine Gewerkschaftsshow“ gemacht hat, deren Mitarbeiter organisiert sind.

          Hier wurde die auch die letzte Show mit Leno aufgezeichnet: Fans warten vor den NBC-Studios

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