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Leipziger „Tatort“ : Vom Preis der Zivilcourage

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Denn sie wissen, was sie tun: Antonio Wannek, Jonas Nay und Vincent Krüger (von links) spielen drei jugendliche Schläger Bild: MDR/Junghans

Eine Frau stellt couragiert drei Straßenbahnrandalierer zur Rede, woraufhin die Jugendlichen auf sie einprügeln. Ein erbarmungsloser „Tatort“, der bisher beste aus Leipzig.

          Schlecht geht er aus, dieser Leipziger „Tatort“, und er kann auch nur schlecht ausgehen, so übel, wie die ganze Geschichte anfängt. Sinnlos gestorben wird in „Todesschütze“, wobei natürlich das Gegenteil Unfug wäre: Sinnvoll stirbt niemand. Sinn- und hirnlos ist der nächtliche brutale Überfall dreier jugendlicher Straßenbahnrandalierer auf eine Frau, die sich in derselben Bahn befand, in der Tobias (Jonas Nay), Marcel (Antonio Wannek) und Robin (Vincent Krüger) einem schlafenden Obdachlosen Bier über den Kopf geschüttet hatten. Andere Mitfahrer schauten weg oder stiegen aus. Nur Anne Winkler (Natascha Paulick), vergebens zurückgehalten von ihrem Mann René (Stefan Kurt, „das bringt doch nichts“), hatte die drei zur Rede gestellt („Ihr vergreift euch nur an Schwächeren“).

          Beim Aussteigen folgt ihnen das Trio, „um die Schlampe aufzumischen“. Im gut beleuchteten Park treten die drei das Paar zusammen, in den Bauch, ins Gesicht, einer springt auf den Kopf der Frau, immer wieder. Die schlimmsten Bilder erspart uns der „Tatort“, aber die Vorstellungskraft ergänzt sie spielend. Zwei Ordnungshüter befinden sich zufällig in der Nähe des Geschehens, einer kümmert sich um die Schwerverletzten, der andere setzt den Flüchtenden nach und kommt zum Erstaunen von Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke), die bald hinzugezogen werden, unverrichteter Dinge zurück.

          Von unbändiger Wut getrieben

          Von bedrückender Aktualität ist dieser „Tatort“, geradlinig und mit einer gewissen Härte erzählt, ein Gegenstück zu den gerade in Mode gekommenen Witzkrimis. „Todesschütze“ ist, obwohl zunächst kein Whodunit, echter Krimi. Mit einem deprimierenden Stoff, der dem Zuschauer, unaufdringlich, aber nachdrücklich, Haltung abverlangt. Selten wird die Frage nach der Zivilcourage im fiktionalen Fernsehen abgehandelt (der mit Publikumspreisen bedachte Film „Zivilcourage“ mit Götz George ist eine Ausnahme), hier ist es der Fall. Auch Pressehetze, anschwellender Volkszorn und Selbstjustiz spielen ihre Rolle.

          Denn Saalfeld und Keppler kommen in dem Fall, bei dem sich die Überführung der Täter hinausschiebt, nur schwer weiter. Der Polizist Rahn (Wotan Wilke Möhring), der die Täter identifizieren können müsste, behauptet, nichts gesehen zu haben. Auch Kollege Maurer (Rainer Piwek) war es zu dunkel. Nachdem Frau Winkler, die bei dem Überfall ihr ungeborenes Kind verloren hat, stirbt, wirft der Boulevard den Polizisten Untätigkeit vor. Der Witwer, den Stefan Kurt überaus nachvollziehbar erst verzweifelt, dann von unbändiger Wut getrieben, an der staatlichen Ordnungsgewalt irrewerden lässt, wird zur tickenden Bombe.

          Eine schnörkellose Darstellung der jugendlichen Gewalttäter

          Dabei weiß der Zuschauer von Beginn an, wer die Täter sind: Rahns Sohn Tobias und seine Freunde. Versucht hier ein Vater, seinen Sohn zu schützen? Und woher kommt Tobias’ Gewaltbereitschaft? Angetippt werden die Biographien der drei Jugendlichen nur, erklärt wird einiges, entschuldigt nichts. Als Maurer doch aussagen will, wird er erschossen, und „Todesschütze“ nimmt noch einmal eine Wendung zur klassischen Ermittlungsgeschichte.

          Unter den Leipziger „Tatorten“, die sonst eher mittelprächtig aussahen, ist dieser der bisher beste. Neben Buch (Mario Giordano, Andreas Schlüter) und Regie (stringent: Johannes Grieser) liegt das an Wotan Wilke Möhring und Stefan Kurt. Und besonders an der schnörkellosen Darstellung der jugendlichen Gewalttäter durch Jonas Nay, Antonio Wannek und Vincent Krüger. Keppler hat, nachdem ein weiterer Toter zu beklagen ist, das vorletzte Wort: „Ich habe es versucht. Es war sinnlos.“ Das letzte Wort gehört seiner Kollegin Saalfeld: „Lass uns nach Herrn Winkler sehen.“

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