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Legida-Berichterstattung : Presse auf dem Rückzug

Auf Legida-Demonstrationen kam es im vergangenen Jahr immer wieder zu gewalttätigen Angriffen gegen Journalisten. Die Täter bleiben meist unbehelligt. Bild: Reuters

Lange haben sie ausgehalten, jetzt geht es nicht mehr: Nach zunehmenden Angriffen auf eigene Reporter stellt die Leipziger Online-Zeitung direkte Berichte von Legida-Demonstrationen ein.

          Weil sie immer massiver bedroht wird, berichtet die Leipziger Internet-Zeitung (LIZ) nicht mehr direkt von den Demonstrationen des Pegida-Ablegers Legida in Leipzig. In einem offenen Brief schreiben die Journalisten, sie bedauerten die Maßnahme, sähen aber keine andere Möglichkeit. „Wir, lokale Journalisten in Leipzig, werden zunehmend im Stich gelassen, unsere Kollegen vor Ort werden bedroht und attackiert.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Jüngstes Beispiel sei ein „massiver Angriff“ auf einen Kollegen am 1. Februar gewesen. Ein junger Legida-Teilnehmer habe zunächst mehrfach den Kameramann der LIZ bedroht und ihm den Mittelfinger gezeigt, schildert Robert Dobschütz, Mitinhaber der 2004 gegründeten Zeitung, das Geschehen. Nur wenige Minuten später sei derselbe Mann mit weitem Anlauf auf den Kameramann zugerannt und habe ihn von seinem Podest gestoßen. Bis auf eine Schürfwunde habe der Kollege keine Verletzungen davongetragen, sagte Dobschütz. „Doch jede Legida-Demo richtet sich explizit auch gegen die Presse. Wir wollen uns das nicht länger bieten lassen.“

          Angepöbelt und mit Bier besprüht

          Seit einem Jahr berichtet die LIZ umfangreich über Legida – mit Artikeln, Analysen, Fotos, Videos sowie kommentierten Livestreams. Gerade an Demonstrationstagen riefen bis zu 100.000 Menschen diese Liveberichte ab. Seit einem Jahr aber werde das Klima zunehmend rauher, sagt Dobschütz. Immer wieder würden seine Kollegen angepöbelt, bespuckt, mit Bier oder Cola besprüht und fotografiert; die Fotos würden anschließend, verbunden mit Drohungen gegen die Reporter, ins Internet gestellt. Rund sechzig Strafanzeigen habe seine Redaktion im vergangenen Jahr gestellt, bisher ohne Ergebnis. Das alles binde Zeit und Kräfte. „Ganz ehrlich: Wir können nicht mehr“, sagt Dobschütz.

          Die LIZ kritisiert, dass ihre Reporter von der Polizei nur unzureichend geschützt würden. Zwar habe es mehrere Gespräche mit dem Leipziger Polizeipräsidenten gegeben, doch habe all das zu keiner Veränderung der Bedrohungslage geführt. Immer wieder tauchten gewalttätige Demonstranten unbehelligt in der Menge unter. „Wenn ihnen Polizei und andere Demonstranten den Raum lassen und keine Konsequenzen drohen, fühlen sich solche Leute bestärkt“, fürchtet Dobschütz. Die Polizei äußerte sich auf Anfrage dieser Zeitung nicht zur Kritik der LIZ, die Organisatoren von Legida waren ebenfalls zu keinem Gespräch bereit, auch nicht mit der LIZ, die nach eigenen Angaben schon mehrfach vergebens das Gespräch gesucht habe.

          Seit Aufkommen der Pegida- und Legida-Demonstrationen sind Journalisten immer wieder Ziel von Attacken einzelner Demonstranten geworden. Ende Januar wurde eine MDR-Reporterin von einem Legida-Teilnehmer ins Gesicht geschlagen. Der MDR schickt seine Reporter seitdem nur noch mit einem privaten Sicherheitsdienst auf die Kundgebungen.

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