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Leichte Sprache : Nachrichten im Kinderbuch-Stil

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Ein Prüfsiegel für die sogenannte Leichte Sprache. Sie soll behinderten Menschen den Zugang zu Informationen erleichtern. Bild: dpa

Klare Satzstrukturen und ein einfaches Vokabular sollen die Teilhabe an Information erleichtern. Warum Leichte Sprache den Leser dennoch nicht ausreichend informiert.

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          Seit dem 1. Mai 2002 gilt in Deutschland das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Es legt neben der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung im öffentlichen Raum unter anderem einen barrierefreien Zugang zu Informationstechnik fest. In Paragraph 11 des BGG heißt es, dass Träger öffentlicher Gewalt „Informationen vermehrt in Leichter Sprache bereitstellen (sollen)“. Seitdem stellen Behörden Informationen in Leichter Sprache zur Verfügung. Leichte Sprache heißt: keine Schachtelsätze, kein Konjunktiv, kein Genitiv, keine sprachlichen Bilder oder Fremdwörter, stattdessen einfache und klare Sätze.

          Nicht nur der behördensprachliche Verwaltungsjargon soll entrümpelt werden, auch Medien haben sich der neuen Einfachheit verschrieben. So veröffentlichen seit einiger Zeit die „Augsburger Allgemeine“, die österreichische Nachrichtenagentur APA, der Teletext des ORF sowie die „taz“ Artikel in Leichter Sprache. Auch ndr.de und mdr.de bieten sieben Meldungen in der Woche in Leichter Sprache an.

          Umsetzung der Leichten Sprache in der Kritik

          Im leichtverständlichen Duktus der APA klingt das dann so: „In der deutschen Stadt Hamburg findet ein Treffen der G20 statt. Da wird über Themen wie Wirtschaft und Geld geredet. Nicht jeder ist damit einverstanden. Darum gibt es auch viele Menschen, die dieses Treffen stören wollen. Viele Tausende Polizisten beschützen das Treffen. Trotzdem demonstrieren viele Menschen dagegen. Manche Demonstranten zünden Autos an. Die Polizei kämpft mit den Demonstranten.“

          Das Versprechen Leichter Sprache ist, sprachliche Barrieren für diejenigen abzubauen, die Fachsprachen (Amtsdeutsch, Wissenschaftsjargon) nicht oder nur schwer verstehen. Doch das hehre Ziel, Nachrichten verständlich zu machen, hat auch immer mit dem Verdacht zu kämpfen, diese zu infantilisieren und Leser für dumm zu verkaufen. Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Alfred Dorfer nannte den „Leicht-Lesen-Service“ des ORF-Teletexts in seiner „Zeit“-Kolumne eine „Dienstleistung für intellektuell Behinderte“. Die Formulierung sorgte für heftige Reaktionen. Klaus Candussi, Geschäftsführer der Atempo Betriebsgesellschaft, die an dem Angebot beteiligt war, schrieb in einem Brief an den „lieben Alfred Dorfer“, dieser würde „für ein paar billige Lacher“ Witze auf Kosten von Behinderten machen.

          Barrierefreiheit auf Kosten des Informationsgehalts?

          Die Frage ist, ob man Rezipienten mit Leseschwächen erreicht, indem man Nachrichten künstlich boulevardisiert und im vermeintlichen Kinderbuch-Stil erzählt. Gibt es eine Grenze für Komplexitätsreduktion? Ist dem Zielpublikum gedient, wenn man Inhalte über Gebühr simplifiziert? Wäre es nicht besser, die Lesekompetenz zu stärken, statt komplexe Texte zu demontieren?

          Die „Augsburger Allgemeine“ schreibt in Leichter Sprache über die Waldbrände in Portugal: „In dem Land Portugal ist etwas Schlimmes passiert. Portugal ist in Europa. Es brennt in den Wäldern von Portugal. Warum brennt es: In Portugal ist gerade Sommer. Überall ist sehr heiß. In den Wäldern von Portugal ist alles sehr trocken. Zum Beispiel die Bäume und Wiesen. Es gab ein Gewitter ohne Regen. Der Blitz hat eingeschlagen. So fing es in den Wäldern an zu brennen.“

          Dies ist ein Beispiel dafür, wie Leichte Sprache nicht funktionieren sollte: Kausalzusammenhänge werden konstruiert, Erklärungen komplexer Phänomene verzerrt. Die Gleichung Sommer gleich Hitze gleich Gewitter gleich Waldbrand ist stark verkürzt. Dass die Eukalyptus-Monokultur die Hauptursache für die Brände ist, kommt in dem Artikel gar nicht vor. Dem Leser werden wesentliche Informationen vorenthalten. Das kann nicht das Ziel Leichter Sprache sein.

          Mit Leichter Sprache an komplexen Wortschatz heranführen

          Was an dem Vorhaben vor allem stört, ist, dass Sprache als ein Störfaktor desavouiert wird, der Menschen daran hindere, Nachrichten zu erfassen. Dabei ist doch Sprache wesentlich für die Qualität und Güte eines Textes. Komplexe, vermeintlich „schwere“ Sprache erlaubt präzise Unterscheidungen, die von einer simplifizierten Satzstruktur geschleift werden. Traut man der Leserschaft nichts mehr zu?

          Der Internetkritiker Hossein Derakhshan schrieb in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“: „Selbstverständlich wird Text nie aussterben, aber die Fähigkeit, über das Alphabet zu kommunizieren, wird in vielen Gesellschaften langsam zum Privileg einer kleinen Elite. Das erinnert an das Mittelalter, als nur Mächtige und Mönche sich mit geschriebenen Worten verständigten. Die restlichen Menschen werden die Analphabeten des 21. Jahrhunderts sein, die hauptsächlich über Bilder und Videos kommunizieren – und natürlich über Emojis.“ Mit Leichter Sprache erweist man jenen Menschen einen Bärendienst, die man eigentlich an die komplexe Sprachwelt heranführen und mit einem breiten Wortschatz ermächtigen muss.

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