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Lehman-Brothers-Film im Ersten : Finanzkapitalismus, mir graut vor dir

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Er sieht die Pleite kommen und den Ruin seiner Klienten: Joachim Król spielt den Deutsche-Bank-Angestellten Arno Breuer. Bild: HR/AVE Publishing/Dominik Berg

Vor zehn Jahren löste die Pleite der Bank Lehman Brothers die Finanzkrise aus. Im Dokudrama „Gier frisst Herz“ der ARD sieht es so aus, als sei daran nur ein Mann schuld gewesen.

          Am Schluss dieses trotz Vielstimmigkeit vereinfachenden Dokudramas über die Pleite der Investment-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 kann man mit dem Lehman-Chef Dick Fuld, dem „Gorilla“ der Wall Street, fast Mitleid haben. Manche könnten ihn für geistesgestört halten – und einen Silberrücken-Gemächtvergleich zwischen Fuld und dem amerikanischen Finanzminister Hank Paulson für den alleinigen Auslöser „der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“ (Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet). „Paulson hasst diesen Affen Fuld“, raunen sich Manager von Lehman in den Spielszenen des Films von Raymond Ley, „Lehman. Gier frisst Herz“, am Wochenende vor dem desaströsen montäglichen Börsenbeginn zu. Aber er habe gar keine Wahl, als die viertgrößte Bank der Wall Street mit Steuergeldern zu retten, meint sein Kollege: „Wir sind der Markt.“ Und Fuld sei endlich bereit, öffentliches Kapital zu akzeptieren. Das Ego heiligt die Mittel.

          Mitnichten. Der Staat lässt die Bank, nachdem alle privatwirtschaftlichen Übernahmen geplatzt sind, allein. Am Montag stürzt die Lehman-Aktie in den freien Fall. Depots werden auf null gesetzt. Lehman-Zertifikate, in Wirklichkeit Schuldverschreibungen, die auch von deutschen Sparkassen als risikofrei angepriesen wurden, in deren amerikanischem Werbematerial-Kleingedruckten aber stets von der Möglichkeit des Totalausfalls die Rede war, sind Makulatur. Shutdown des Handels. Aus mit dem Traum des deutschen Provinzmichelbankberaters und seiner als „A und D“ (alt und doof) klassifizierten Kunden, sich im Abglanz der Wall-Street-Player zu sonnen und den Notgroschen für neun Prozent Rendite anzulegen. Schuld hat: Dick Fuld. Im Umkehrschluss: niemand sonst. Der Rest ist seliges Entschlummern des ökonomischen Verstands.

          Leys Film, dessen Drehbuch von Dirk Eisfeld stammt und unter Mitwirkung des „Zeit“-Redakteurs Marc Brost entstand, enttäuscht in fast jeder Hinsicht. Die entschiedene Absicht, ein warmherzig anteilnehmender Opfer-Film sein zu wollen, schränkt den Blickwinkel drastisch ein. Man kennt das von Raymond und Hannah Ley ganz anders. In Dokudramen wie „Eine mörderische Entscheidung“ mit Matthias Brandt (über den Luftangriff bei Kundus mit mehr als hundert zivilen Toten) und „Letzte Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ mit Lisa Wagner oder auch „Tod einer Kadettin“ zeigen sich die Stärken der halb dokumentarischen, halb fiktionalen Form. Mit der naiven Darstellung der Spitzenmanagermentalität, auch mit derjenigen der Dynamik in einem Sparkassen-Direktbank-Telefonvertrieb aber verhebt sich „Lehman. Gier frisst Herz“. Es scheint, als ob Ley mit dem Thema fremdelt. Finanzkapitalismus ist nicht seins.

          Nur so können Interviewpartner wie Peer Steinbrück, damals Finanzminister, sich unwidersprochen gänzlich verdachtsfrei geben – er schwadroniert von einem schönen Abend in Nizza beim Treffen der EU-Finanzminister am fraglichen Wochenende des 13./14. Septembers mit Wein und Mittelmeerblick. Ein Investmentbanker gibt sich derweil entsetzt über Fulds „mindset“, das freilich zur fraglichen Zeit bewundert wurde und auf Vorstandsebene nach wie vor zählt. Spätestens seit den spektakulären Betrugs- und Pleitefällen Enron 2001 und MCI WorldCom 2002 (dessen Ex-CEO Bernie Ebbers 2005 zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, die er in Louisiana absitzt) gibt es keine Ausrede mehr für Mentalitäts-Betriebsblindheit. Und Lehman-Gegenspieler Goldman Sachs? Chef Lloyd Blankfeins bekannter Kommentar zur Krise: Man verrichte nur „Gottes Arbeit“.

          Wie war das damals? Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) erinnert sich.

          Ley lässt den damaligen Londoner Lehman-Kommunikationschef Gowers und den Ex-Lehman-Deutschland-Chef Karl Dannenbaum ohne kritische Nachfragen mit Aussagen davonkommen, die alle auf die alleinige Verantwortung Fulds und der amerikanischen Regierung unter Bush abzielen. Dass komplizierte, dem Sparer rational unvermittelbare Finanzprodukte der ursprüngliche Grund für die Liquiditätskrise von Lehman waren, fällt unter den Tisch. Über die Bilanztricksereien zwischen New York und London fällt nicht ein Wort. Jean-Claude Trichet, ebenfalls hier ein ganz Unbeteiligter, rückt alles in historische Großperspektive. Man sieht: Es reicht bei diesem Thema nicht, die Hochmögenden vor die Kamera zu setzen, man muss sie das Richtige fragen.

          Erst hat sie Skrupel, dann verkauft sie Schrottpapiere an Gutgläubige: Mala Emde spielt die Bankangestellte Nele Fromm.

          Zu Herzen soll dagegen die Geschichte des fiktiven Bankberaters Breuer gehen. Joachim Król spielt ihn als ehrlichen Makler und leibhaftigen Deutsche-Bank-Namenswitz, der von der nassforschen Chefin zum Verkauf der Zertifikate gedrängt wird. Seine Klienten, Besitzer des Frankfurter Lokals „Zum Grauen Bock“ (Oliver Stokowski und Susanne Schäfer) werden um ihre Existenz gebracht. Die Telefonverkäuferin Nele (Mala Emde) steht dem wilden Treiben der spätpubertären Direktbanker und ihres hanebüchen nassforschen Chefs erst ablehnend gegenüber und betreibt dann selbst im Altenheim unter Vergesslichen Akquise. Stadtkämmerer, die am großen Rad mitdrehen wollten, und der tatsächliche Anwalt vieler Lehman-Privatgeschädigter komplettieren das Personal. Zentraler Begriff bleibt die Ahnungslosigkeit. Die Sparkassenkundin Brigitte Wagner bringt die Widerwilligkeit der deutschen Sparer, sich mit Finanzzusammenhängen zu beschäftigen, auf den Punkt: „Ich weiß schon, dass die Bank ja auch Gewinne bringen muss, aber ich dachte schon immer, da wird noch mit anderen ethischen oder moralischen Maßstäben gearbeitet.“

          Das bleibt von „Lehman. Gier frisst Herz“: Geht es um Finanzkapitalismus, plaudern hierzulande alle irgendwie so vor sich hin. Es dominiert Wunschdenken. Statt sich diese Steilvorlage zum filmischen Durchleuchten vorzunehmen, zeigt das Dokudrama tausendundeine Frankfurter Stadtimpression und im Abspann Angela Merkels „Ihre Einlagen sind sicher“-Ansprache an die Nation. Schuldverschreibungen sind aber nicht Gegenstand der Einlagensicherung. Nun, wer wird bei diesem Thema kleinlich sein – besser, Dick Fuld ist an allem schuld.

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