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Late-Night-Shows : Der Wille zur Nacht

  • -Aktualisiert am

Zurück im Rampenlicht: Niels Ruf Bild: Sat.1

Das ist ein Wagnis: Sat.1 beginnt mit dem Moderator Niels Ruf eine Late-Night-Show. Die Zeit dafür scheint reif. Ein Blick in die Geschichte dieses Genres zeigt, welche Ansprüche und Standards es gab.

          Der Schreck war groß an jenem lauen Abend am Strand von Miami Beach. Im Dunkeln regten sich martialische Gestalten. Die Touristen in den anliegenden Hotels fürchteten einen Überfall der Sowjets. Doch waren es die eigenen Jungs, die da eine nächtliche Landung probten. Allerdings handelte es sich nicht um eine offizielle Übung - die Marines hatten sich spontan von Late-Night-Moderator Steve Allen zu dem Manöver anstiften lassen. Und waren jetzt live im Fernsehen zu sehen.

          Der Streich mit der vermeintlichen Invasion ist nur einer der Gründe, warum nachgeborene Moderatoren dem 2000 verstorbenen Allen Respekt zollen. Der vormalige Lehramtsstudent ging als Universalist in die Mediengeschichte ein - er schrieb viele seiner Gags und um die fünfzig Bücher, er spielte Klavier und komponierte Erfolgstitel, er moderierte Ringkämpfe, Talk- und Castingshows - die öffentliche Talentprobe ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts; ihre Geschichte beginnt vor dem Fernsehzeitalter.

          Baden in Gelatine

          Steve Allen spielte Kinorollen, etwa in der „Benny Goodman Story“ und in reiferen Jahren unter Martin Scorsese in „Casino“. Vor allem war der Sohn zweier Vaudeville-Stars ein schlagfertiger Conférencier, der aus dem Stand mit prominenten Gästen, mit Mitgliedern des Auditoriums oder mit Passanten auf der Straße heitere Szenen zu extemporieren verstand. Der um des Effektes willen auch mal in Gelatine badete und politischen Stand-up-Comedians ein Forum bot.

          Der Urvater der Late Night: Steve Allen

          Mitte der fünfziger Jahre entwickelte Allen die Grundelemente der Late-Night-Show und wurde zum Vorgänger von Größen wie Johnny Carson, Dick Cavett, Jay Leno und David Letterman. Die spätabendlichen Spaß- und Plauderstunden waren in Amerika das Refugium eines anarchischen und aktionistischen, aber auch explizit zeitkritischen Humors, die zu Beginn der siebziger Jahre deutsche Fernsehschaffende animierten, die Talkshow nach Deutschland zu holen. Zwar hatte es dergleichen hierzulande seit Anbeginn des Fernsehens gegeben. Aber mit dem angelsächsischen Begriff für Wortsendung, mit dem Flair von New York und Hollywood, von Jetset und großer Welt, erschien die Programmform weitaus attraktiver.

          Wir sind einfach da

          Doch anstelle der frechen Mischung aus satirischem Kommentar, Nonsens und vorgeblich spontanen Gesprächen gab es bei ARD und ZDF zumindest anfänglich themenlastige Gesprächssendungen und Interviewporträts, die schon allein deshalb ihren Vorbildern nicht nahekamen, weil die montags bis samstags ausgestrahlt werden und sich als tagesaktuelle Sendungen verstehen. In Deutschland ergab sich die Möglichkeit einer solchen Ausstrahlungsdichte erst mit der Ausweitung der Programmstunden, als die Privatsender auftraten. Harald Schmidt war dem Wesen der Late-Night-Show sehr nahe, als er 1998 prophezeite: „Ich glaube, dass wir immer selbstverständlicher werden, ein ganz normaler Bestandteil des Fernsehens. Wir sind einfach da wie die ,Tagesschau'.“

          Mit Schmidts zeitweiligem Rückzug und dem in der Öffentlichkeit als Scheitern aufgefassten vorzeitigen Ende der Nachfolgesendung „Anke Late Night“ verschwand diese Spielart dann jedoch wieder aus dem Programm. Johannes B. Kerners Talkshow fällt unter eine andere Kategorie, bei Stefan Raabs „TV total“ fehlen entscheidende Momente, die eine gute Late-Night-Show ausmachen.

          Kein Pardon

          Der Late-Night-Humor ist unberechenbar und kennt kein Pardon. Ein David Letterman verschont weder sich selbst noch den eigenen Sender. Unvergessen, wie er einen Investor, der die Senderkette CBS erwerben wollte, in gespielter Wut zu einem Boxkampf herausforderte. Die schnellen Richtungswechsel, die uneigentliche Rede, die mimetischen Darbietungsformen sind naturgemäß verwirrend für ein Publikum, das die klare Stoßrichtung politischen Kabaretts gewohnt ist. Deshalb gilt Harald Schmidt einigen als Zyniker. Tatsächlich ist er der perfekte Late-Night-Moderator. Was er in jüngster Zeit häufiger unter Beweis stellt, während sein Zauberlehrling Oliver Pocher noch immer nach Stimmbruch klingt. Nicht nur vocale, auch inhaltlich.

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