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„Nachtschicht“ im ZDF : Und willst du nicht mein Bruder sein

Klappern den Kiez ab: Erichsen (Armin Rohde) und Elias (Tedros Teclebrhan) Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Die Sisyphos-Polizisten von der „Nachtschicht“ müssen im Dienst mit allem rechnen. Doch kann es nach dem Mord an einem Kollegen noch schlimmer kommen? Lars Beckers ZDF-Krimi ist wieder mal groß in Form.

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          Diskriminierung und Polizeigewalt sei das hier, flucht der festgenommene Balou Dieudonné (Klismann Lefaza Jovete) auf dem Polizeirevier der Hamburger Kollegen von der „Nachtschicht“. Erich Bo Erichsen (Armin Rohde), Elias Zekarias (Tedros Teclebrhan) und Mitstreiter haben den gebürtigen Kongolesen mit deutschem Pass hochgenommen, weil er vor wenigen Stunden mit dem vielfach vorbestraften Norman Melchior (Pit Bukowski) ein kapitales Verbrechen seiner gleichfalls nicht kurzen kriminellen Karriere hinzugefügt haben dürfte: erst Diebstahl eines mit 150000 Euro frisch bestückten Geldautomaten, dann Todesschuss auf einen Polizisten, der sich dem Duo entgegenstellte. Bis eben wurde Balou von seiner Tante gedeckt, nun ist das Alibi geplatzt. Und der Festgenommene wirft den reichlich übermüdeten und nach dem Verlust in den eigenen Reihen persönlich angefassten Gesetzeshütern an den Kopf: „Ihr seid auch nicht besser!“ Besser als wir Verbrecher, meint er. „Manchmal stimmt das sogar“, knurrt Erichsen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie richtig die Vaterfigur der Truppe damit liegt, führt „Cash & Carry“, der diesjährige Auftritt des „Nachtschicht“-Teams von Lars Becker (wie stets seit 2005 Buch und Regie) deutlich vor Augen. Aber er zeigt auch wieder im Fernsehen auf ziemlich einmalige Weise, wie kompliziert es wird, wo die verschiedensten Temperamente, Schicksale und Hintergründe menschelnd aufeinandertreffen. Es entsteht Grau in allen Schattierungen und kein Schwarzweiß in diesem Neo-Noir-Krimi, der selbst in extremis nicht von seinem schwarzen Humor lassen will. Trotzdem wird im Laufe der Zwölf-Stunden-Schicht sonnenklar, wer – egal auf welcher Seite – charakterlich wenigstens halbwegs in Ordnung ist und wer das, was die Figuren unumwunden ein „Arschloch“ nennen.

          Der Zuschauer ist insofern im Vorteil, als er von Anfang an mehr weiß als die Polizisten. Er sieht die Täter bei der Tat. Besonders zwielichtigen Figuren ist das Potential zum Bösen der besseren Orientierung halber zuverlässig in Minen und Dialoge geschrieben. Da wäre etwa Norman, als verliebter Schwerverbrecher an der Grenze zum Psychopathischen von Pit Bukowski so souverän verkörpert, dass kein Zweifel an der Gewaltbereitschaft des Kriminellen bleibt. Oder Harry Tönnies von der Streife, in dessen Rolle Benno Fürmann wieder einmal den markigen Teutonen geben darf, ein racial profiler vor dem Herrn, der gar nicht fassen kann, dass ein Mann mit dunklem Teint tatsächlich sein Kollege als Polizist sein kann – und deshalb Elias Zekarias und Erich Bo Erichsen eine Festnahme versaut. Was Folgen hat.

          Aber lag Harry andererseits mit seinem Instinkt, den schwarzen Rapper-Typen mit dem Bling-Bling im Zahn verdächtig zu finden, nicht goldrichtig? Die „Nachtschicht“ traut ihren Zuschauern zu, solche unangenehmen Fragen selbst beantworten zu können, weil sowohl kriminelle Energie und als auch der Wille zum Einsatz für Recht und Gerechtigkeit keine Hautfarbe kennen. Der Mensch entscheidet, im Guten wie im Schlechten. Das Libanese-gegen-Kenianer-gegen-Nigerianer-gegen-Deutschen-Geplänkel ist nur Camouflage für ganz andere Interessen: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Beziehungsweise: zücke die Knarre. Dafür, dass Rassisten in der Exekutive keine Probleme lösen, sondern der zerstörerische Feind im eigenen Haus bleiben, selbst wenn sie scheinbar Erfolge feiern, steht der Prügel-Polizist Roland Orbach (Maximilian Brückner). Mit solchen Leuten trinkt man kein Bier, schon gar nicht, wenn man Erich Bo Erichsen heißt.

          Von den beiden Polizistinnen am Tresen aber, die um denselben Mann buhlten und nun auf privatem Rachefeldzug unterwegs sind gegen die Geldautomaten-Räuber, sollte man sich allerdings ebenfalls fernhalten. Friederike Becht darf als eine von ihnen eine erfrischend unsympathische, unausgegorene Frauenfigur spielen, an der sich die Polizeipsychologin (Barbara Auer) und der Chef Ömer Kaplan (Özgür Karadeniz) fast die Zähne ausbeißen. Dummdreist und unterwürfig, draufgängerisch und romantisch, null kooperationsbereit, aber im entscheidenden Moment dann doch begabt mit Rest-Anstand: Da geht noch was. Für Minh-Khai Phan-Thi als Mimi Hu bleibt dagegen nur Raum für einen kurzen Gastauftritt.

          Und doch ist in der Episode „Cash & Carry“ wieder alles dabei, was die Reihe auszeichnet: lebensnahe Figuren, Dialoge, die den Leuten aufs Maul schauen, eine von abends bis morgens Haken schlagende Verbrecherjagd inklusive Geiselnahme. Es geht um Liebe und Tod, Dummheit und Heldenmut, Freundschaft und Kaltherzigkeit, Gier und Großzügigkeit. Am Ende ist nicht alles gut. Wie könnte es auch. Aber es ist auch nicht alles verloren. Solange es Polizisten wie die von der „Nachtschicht“ gibt, sowieso nicht.

          Nachtschicht – Cash & Carry, heute um 20.15 Uhr im ZDF

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