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Krimi „Alles auf Rot“ bei Arte : Es gibt kein Entrinnen

  • -Aktualisiert am

In Bedrängnis, wie immer: Die Ermittler Mario Diller (Nicholas Ofczarek, links) und Erich Kessel (Fritz Karl) vertrauen sich nur noch sehr bedingt. Bild: Arte

Der Regisseur Lars Becker vollendet mit dem Film „Alles auf Rot“ eine außergewöhnliche Polizei-Quadrologie. Fritz Karl und Nicholas Ofczarek tun das Ihre dafür.

          2 Min.

          Alles auf Rot“, der vierte und finale Polizeifilm über die Hamburger Ermittler Erich Kessel (Fritz Karl) und Mario Diller (Nicholas Ofczarek), ist dramaturgisch direkt wie die Faust aufs Auge, schert sich bloß ums Eingemachte der Verbrechen aus vermeintlicher Ehre und bewegt seine schlichten und komplizierteren Fragen der Moral und des Vertrauens unter extremer Belastung wie seine Vorgänger visuell und atmosphärisch herausragend. Zusätzlich zu den Qualitäten der Vorgängerfilme setzt „Alles auf Rot“ seine Handlung aber in eine wehmütige Vanitas-Stimmung. Melancholisch und brutal zugleich sind die Bilder, ist der Ton, auf dem Lars Becker (Buch und Regie) Kessels und Dillers gemeinsamen Weg enden lässt. Für die entsprechende Stimmung sorgt nicht zuletzt die tragende Musikgestaltung von Hinrich Dageföhr und Stefan Wulff.

          Einen Moment lang scheint es, als gäbe es so etwas wie Resozialisierung, vielleicht sogar Hoffnung für den gefallenen Ex-Polizisten Kessel, den korrupten Ex-Junkie, der die seit dem letzten Film vergangenen zwei Jahre in Haft verbracht hat und auf Bewährung entlassen wird. Zeit, in der draußen das Leben weiterging. Diller hatte eine Affäre mit Kessels Frau Claire (Jessica Schwarz), der Drogenhandel blüht. Schulden sind auf dem Kiez ein Todesurteil, die Täter scheren sich nicht um unbeteiligte Opfer. In Dalidas (Narges Rashidi) arabischem Hochzeitsladen erschießt Goran Jankovic (Slavo Popadic) zum Auftakt zwei Kunden, einen Rapper, der ihm Koksgeld schuldet, und dessen schöne Braut im weißen Kleid. Fatalerweise ist sie die Tochter von Walid Schukri (Kida Khodr Ramadan), dem verurteilten Strippenzieher und Großverbrecher, der mit Kessel als Häftling in der Wäscherei arbeitet. Kessel, bald auf Bewährung draußen, soll den Mörder von Schukris Kind gegen Kopfgeld ausschalten. Er lehnt das Töten ab.

          Dass Kessel aber keine Chance hat, sauber zu bleiben, versteht sich. Seine fragile Moral kam bislang nie davon, trotz Dillers Versuchen, den Partner zu retten. Schukri ist einer, der betet, bevor er keine Gefangenen macht. Absolution, wenn auch nur scheinbar, bekommen immer die Falschen. Drei verschiedene Väter suchen Wege, ihrem Kind gerecht zu werden. Kessel, indem er im Andenken an seine Tochter vor Mord zurückschreckt, Schukri, indem er die Tochter zu rächen sucht, und möglicherweise sogar der Mörder Goran, gerade Vater geworden, der am Ende, Ironie der Geschichte, vielleicht ein Richtiges tut, während andere draufgehen müssen. Diller verschafft Kessel zur Probe einen Job als Barmann im Milieu. Keine gute Gegend für jemanden, der sich heraushalten will. Und dem niemand mehr vertraut, schon gar nicht der ehemals beste Freund.

          Viel Zeit hat sich Becker gelassen, um Kessel und Dillers Weg zu vollenden. In „Unter Feinden“ hatten die beiden 2013 ihren ersten Auftritt, „Zum Sterben zu früh“ folgte 2015, „Reich oder tot“ kam 2017, jetzt „Alles auf Rot“, ein Ende wie ein Glücksspiel, dessen guter Ausgang so wahrscheinlich ist wie Roulette. Wobei beim Setzen auf eine Farbe die Chancen eigentlich so schlecht gar nicht sind. Aber Kessels Kind ist gestorben, wird beerdigt, am Grab trifft man sich zur fast einzigen zivilisierten Szene im Film. Die Prostituierte Debbie (Josefine Israel), auch eine Verlorene, wird von ihrem Zuhälter Leon (Sascha Reimann) misshandelt. Aus so etwas konnte sich Kessel nie heraushalten. Selbst die Staatsanwältin Nazari (Melika Foroutan) bewegt sich ins Illegale, um Kessel endgültig ins Visier zu nehmen. Kessels ehemaliger Vorgesetzter Paul Epstein (Martin Brambach) kämpft weiter für die Differenz zwischen Recht und Selbstjustiz, Schwarz und Weiß. Am Ende geht es bei Kessel und Diller um den Funken Restvertrauen und Restverbundenheit, aus dem doch kein Feuer mehr werden könnte, und um die Illusion, im Graubereich Grade an Schuld zu unterscheiden. Kessel bringt Debbie in die Kirche, aber der Kiez-Pfarrer wirkt wie ein Sozialarbeiter, und am Grab von Kessels Kind predigt niemand.

          So reduziert und souverän erzählt Polizeifilme niemand sonst wie Lars Becker. Dass er sich für den Absturz seiner Figuren in vier Film-Kapiteln (inspiriert vom Roman „Unter Feinden“ von Georg M. Oswald) so viele Jahre Zeit gelassen hat, führt zu außergewöhnlicher Authentizität des Verlaufs der (Lebens-)Zeit seiner Anti-Helden.

          Alles auf Rot, heute um 20.15 Uhr bei Arte.

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