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Armin Rohde als Kommissar : Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht

  • -Aktualisiert am

Armin Rohde geht ins Wasser, aber unter Beobachtung: Szene aus „Der gute Bulle“ Bild: dpa

Lars Becker dreht einen Lars-Becker-Film, doch das kann er eigentlich besser: „Der gute Bulle“ nimmt es mit der Logik nicht allzu genau.

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          Jeden Tag geht Fredo Schulz (Armin Rohde) ins Meer, um sich das Leben zu nehmen. Wartet, bis ihm das Wasser bis zur Brust steht, und betäubt sich mit Hochprozentigem. Am Strand wartet der Diensthabende vom Katastrophenschutz in Sichtweite, bis das Wasser den suspendierten Kommissar aus Berlin wieder freigibt. Ein nasser Suizid in Raten, der in „Der gute Bulle“ (Buch und Regie Lars Becker) spontan abgebrochen wird. Abermals ist in Berlin ein Mädchen verschwunden. Wie zwei andere Grundschülerinnen vor ihr wurde Ashley Bols (Amala Fischer) in einer bestimmten italienischen Eisdiele in Kreuzberg zum letzten Mal gesehen.

          Obwohl Schulz wegen Handgreiflichkeiten beim Verhör des Verdächtigen den Dienst quittieren musste, holen ihn die Kollegen Milan Filipovic (Edin Hasanovic) und Lola Karras (Nele Kiper) auf Veranlassung von Paul Schellack (Johann von Bülow) nun zurück. Schulz kennt den Täter, heißt es, und hat es beim ersten Mal vermasselt. Er hat sich provozieren lassen, wie Mitermittler Gregor Bukowski (Thomas Lawinky) ihm unter die Nase reibt. Der Pädophile Roland Bischoff (Axel Prahl), in einschlägigen Netzwerken wohlbekannt, saß schweigend in U-Haft, bis dem Kommissar der Geduldsfaden riss. Wegen der Tätlichkeit und aus Mangel an Beweisen wurde Bischoff freigesprochen und trinkt täglich Espresso, wenn die Kinder sich nach der Schule erfrischen. Schulz ist sicher: Bischoff ist auch der Täter im Vermisstenfall Ashley Bols. Jetzt heißt es trocken bleiben und alles besser machen als beim ersten Mal.

          Fernsehtrailer : „Der gute Bulle“

          Lars Becker („Nachtschicht“), einer der besten Spannungsregisseure, den das deutsche Fernsehen vorzuweisen hat, und Armin Rohde, bekannt für gebrochene Figuren mit interessanter Privatmoral, legen mit „Der gute Bulle“ ihren dreiundzwanzigsten gemeinsamen Film vor. Das Drehbuch enthält einige überraschende Wendungen, nimmt es mit der vordergründigen Logik dieses Mal aber nicht allzu genau. Manche Szenen wirken wie im Vorübergehen heruntergefilmt. Erzählerisch notwendige Verbindungsszenen scheinen im Schnitt auf der Strecke geblieben zu sein. Als der reaktivierte Schulz den in die Enge getriebenen Bischoff durch eine ziemlich billige Finte zum Versteck der Leichen der ersten beiden Mädchen führt (kein Spoiler, dass der Mann der Täter in den ersten beiden Fällen war, soll dem Zuschauer von vornherein vermittelt werden), lässt Becker erst Bischoff, dann dessen hadernde Mutter (Gaby Dohm) und schließlich das Ermittlerteam so nahe hintereinander heimlich durch den Wald laufen, dass sich alle umstandslos die Hände reichen könnten.

          Manche Kameraeinstellungen wirken lustlos, andere dagegen überlegt gewählt, so dass man sich zum Teil in zwei verschiedenen Filmen wähnt (Kamera Andreas Zickgraf). In einer Szene gegen Ende taucht eine geladene und entsicherte Waffe wie aus dem Nichts auf und entscheidet das Spiel. Solche Schlampigkeiten sind für jemanden wie Lars Becker seltsam. Geht man nicht allzu beckmesserisch an die Sache heran, überzeugt „Der gute Bulle“ neben den sehenswerten Hauptdarstellern aber immerhin atmosphärisch.

          Der dritte Fall, so soll es sein, liegt bedeutend anders, als die Polizei vermutet. Die Idee des Plots entwickelt sich dramaturgisch erst einmal raffiniert. Das Team um Schulz überprüft das Umfeld der kleinen Ashley, besonders ihre alleinerziehende Mutter Melissa (Melika Foroutan). War sie, die nachts Taxi fährt, überfordert? Ihr Ex-Partner Jimmy Olsen (Max Simonischek), ein Barkeeper, ist mit Drogensachen aufgefallen. Die Entführung hat einen anderen Hintergrund als gedacht. Der schwerreiche Möbelunternehmer Felix Montabaur jr. (Thomas Heinze) tritt auf. Wegen Ashleys Verschwinden wird ausgerechnet er erpresst. Der Zuschauer weiß von nun an mehr als Kommissar Schulz, der in alte Gewohnheiten zurückfällt. Je mehr er wieder trinkt und sich im Spiegel zuprostet, umso ausschließlicher beißt er sich an Bischoff fest. Und der hat mit dem jetzigen Täter seine eigene Rechnung offen. Axel Prahl hat mit der Figur des Triebtäters die undankbarste Aufgabe in diesem Film. Wenig individualisiert, dient sie vor allem dazu, die Handlungsebenen zu verbinden und die Entwicklungen voranzutreiben. Rohde und Prahl haben zusammen eine einzige richtig gute, westernmäßige Konfrontationsszene. Ansonsten überzeugen an diesem Lars-Becker-macht-einen-Lars-Becker-Film die großen Erzählbögen, die Details weniger.

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