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15 Jahre Wikipedia : Kein Personal in diesem Irrenhaus

Für Expertenkontrolle in Online-Enzyklopädien: Larry Sanger, Mitgründer von Wikipedia Bild: LUDOVIC/REA/laif

Wikipedia kennt jeder. Der Gründer Jimmy Wales ist ein Begriff. Aber wer hat von Larry Sanger gehört, der vor fünfzehn Jahren das Online-Lexikon mit entwarf? Heute ist Sanger Wikipedias schärfster Kritiker. Er hat Gründe.

          Es war eine große Vision, ein kühnes Versprechen und klarer Irrtum: Man stelle sich nur einmal vor, schwärmten Mitarbeiter einer kleinen Firma aus Florida, die sich bis dato eher mit der Nacktbild- als mit der Wissensverbreitung im Internet hervorgetan hatte, im Frühjahr des Jahres 2000, Gelehrte auf der ganzen Welt könnten für eine seriöse Online-Enzyklopädie schreiben, deren Einträge in buchstäblich jedem gewünschten Medium frei verbreitet würden! Wie schnell würde diese Enzyklopädie wohl wachsen? „Wir von Nupedia wollen das herausfinden. Wir haben Zeit, Geld, Personal und Hingabe.“

          Das Personal und das Geld stammte aus der damals fünf Jahre alten Firma Bomis, die ihr Geld vor allem mit Erotikangeboten verdiente. An der „Hingabe“ für das neue Projekt lässt ein Blick auf die Geschichte der beiden führenden Köpfe keinen Zweifel, so unterschiedlich sie auch sind. Und die Zeit? Nach einem halben Jahr waren gerade einmal zwei Artikel fertiggestellt, nach anderthalb Jahren zwanzig. Im September 2003, als Nupedia eingestellt wurde, waren gerade einmal 25 Einträge fertig - und das ehrgeizige Projekt längst von einer Ausgründung in den Schatten gestellt, die an diesem Freitag vor fünfzehn Jahren freigeschaltet worden ist: Wikipedia, ursprünglich als Zulieferungsfunktion für Nupedia gedacht, hatte es im ersten Monat auf zweihundert und im ersten Jahr auf achtzehntausend Einträge gebracht.

          Vom Koordinator zum Bedenkenträger

          Was den Blick auf die Entstehungsphase von Wikipedia faszinierend macht: Schon in den Kontroversen dieser Zeit, im Abgleich der Abläufe beider Systeme, aber auch in den Haltungen der beiden Antagonisten sind einige der großen Probleme angelegt, mit denen die dominierende Online-Enzyklopädie heute zu kämpfen hat. Der eine, Jimmy Wales, Lexikonfreund seit Kindheitstagen und studierter Finanzwirt, ist heute weltberühmt. Der andere, Larry Sanger, wird hier und da pflichtschuldig als Mitgründer genannt, wenn es um die Entstehung von Wikipedia geht. Ein Halbsatz, eine Fußnote. Dabei waren in seiner Version der Geschichte sowohl der Name Wikipedia für das Nupedia-Beiboot als auch der Einsatz von Wiki-Software für die unkomplizierte, kollektive Arbeit an Einträgen seine Idee.

          Als promovierter Philosoph hatte er sich bei Nupedia um die Standards für die einzelnen Artikel gekümmert, um die Kontrollabläufe vor ihrer Veröffentlichung und um den Aufbau eines weltweiten akademischen Autorenkreises. Als Wikipedia mit der Idee Erfolg hatte, unabhängig von ausgewiesener Expertise jedermann auch unter Pseudonym jeden Artikel verfassen oder verändern zu lassen, war es Larry Sanger, dem die Rolle des Bedenkenträgers zufiel, die Rolle der Spaßbremse.

          Viele Versuche, es besser zu machen

          Nach seinem Ausscheiden wurde Sanger zum erbitterten Kritiker der Online-Enzyklopädie, nannte sie unglaubwürdig für Bibliothekare, Lehrer und Akademiker, warf ihr Anti-Elitarismus vor, bezichtigte sie der Verbreitung von Pornographie und zeigte den Ableger Wikimedia Commons, der Bilder, Videos und Audios sammelt, gar wegen der Verbreitung von Kinderpornographie beim FBI an. Noch im jüngsten großen Interview, erschienen im November in „Vice“, fällt er das harte Urteil, Wikipedia sei gewissermaßen von Leuten übernommen worden, die er Trolle nenne: Jetzt betrieben die Insassen das Irrenhaus. Das hinderte Sanger freilich nicht daran, sich mit großer Leidenschaft, die bei Wikipedia als enttäuschte Liebe endete, an ganz ähnliche Projekte zu machen: Für die Digital Universe Foundation organisierte er die „Encyclopedia of Earth“ mit anerkannten Experten als Autoren und als Redakteure der Beiträge von Nutzern. Finanziell unterstützt vom Tides Center, entwickelte er „Citizendium“, ein Kompendium, das anfänglich dem ehrgeizigen Plan folgte, die Beiträge der englischsprachigen Wikipedia zu übernehmen und durch Experten lektorieren zu lassen, und später Autoren zu gewinnen versuchte, die „in weniger etablierten Positionen“ in Forschung und Lehre arbeiten.

          Im Juli 2015 musste Sanger eingestehen, dass auch dem jüngsten seiner Vorhaben das Geld ausgegangen war: „Infobitt News“ sollte für das Nachrichtengeschäft das leisten, was Wikipedia für Enzyklopädien getan hat. Es fehlt, konstatierte der enttäuschte Gründer schließlich, eine gut funktionierende Datenschnittstelle, es fehlten Apps, Sharing-Funktionen, Facebook- und Twitter-Profile, automatische Newsletter. Seine Notiz endet mit der Suche nach einem Job - als Berater oder als Projektmanager in einem Start-up, möglichst von zu Hause aus.

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