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15 Jahre Wikipedia : Kein Personal in diesem Irrenhaus

Die Kämpfe der Community

Larry Sanger, der eine der beiden Wikipedia-Gründer, denkt in einem Vorort von Columbus, der Hauptstadt Ohios, darüber nach, ob nicht auch Philosophie-Videos für Kindergartenkinder sein nächstes großes Ding sein könnten. Jimmy Wales, der andere Gründer, hat sich schon vor zehn Jahren als „Chairman emeritus“ aus dem Tagesgeschäft der Wikimedia Foundation zurückgezogen, bleibt aber als Gesicht von Wikipedia nicht nur bei den Spendenkampagnen der Stiftung jedes Jahr zur Weihnachtszeit präsent. Die Stiftung zählt bei Wikipedia mittlerweile über 37 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen, davon knapp 1,9 Millionen Artikel allein im deutschsprachigen Teil. Comscore, ein Marktforschungsunternehmen, weist Wikipedia den sechsten Platz unter den beliebtesten Internetseiten weltweit zu – mit fast einer halbe Milliarde unique user im Monat. Die Zahlen allerdings sind von Mai 2014 bis Mai 2015 um acht Prozent zurückgegangen. Auch die Autorenzahlen gehen zurück, ohnedies ist sowohl der Frauenanteil als auch der Anteil an Akademikern zu gering.

In sogenannten edit wars kämpfen Autoren unterschiedlicher Ansichten mit wechselseitigen Überschreibungen der Einträge um die Deutungshoheit, Hunderte von Autoren muss Wikipedia sperren, weil ihre Beiträge offensichtlich interessengelenkt und wahrscheinlich bezahlt worden sind, und nicht nur in den Diskussionen der Community, sondern auch bei den Wahlen der mit zusätzlichen Rechten ausgestatteten Administratoren, die notfalls andere Nutzer sperren und Seiten löschen können, fallen immer wieder Profile auf, die manche Nutzer angelegt haben, um mit mehr als einer Stimme sprechen und abstimmen zu können.

In der handverlesenen Expertengruppe der Nupedia-Autoren hatte die Idee, über ein offenes Wiki Beiträge für das entstehende Online-Lexikon zu erhalten, vor fünfzehn Jahren für Kopfschütteln gesorgt. Schnell sei Jimmy Wales und ihm klar gewesen, erzählt Larry Sanger im „Vice“-Interview, dass die beiden Ansätze unvereinbar seien, dass das Wiki-Projekt unter eigenem Namen und eigener Adresse betrieben werden müsse. Gefragt, was er heute anders machen würde, wenn Wikipedia noch einmal ganz am Anfang stünde, bleibt Sanger bei seinen alten Grundsätzen: Zumindest die Glaubwürdigkeit der einzelnen Artikel müsste von Experten bestätigt werden. „Aber als die neuen Rekruten hinzugekommen waren – der Anarchistenhaufen, wie ich sie damals nannte –, wurden solche Ideen sehr unpopulär.“ Wikipedia stecke fest, sagt Sanger, sie stecke schon eine ganze Zeitlang fest, weil es unglaublich schwer sei, Neuerungen in der Community durchzusetzen.

In dieses Bild passt nur zu gut, dass die interessanten Entwicklungen der letzten Zeit nicht die Online-Enzyklopädie selbst betreffen, sondern abseits der Community in den oft genug von ihr beargwöhnten Vereinen vorangetrieben werden. So ermöglicht die von Wikimedia Deutschland initiierte, vor bald vier Jahren aufgebaute Datenbank Wikidata, dass die verschiedenen Artikel in unterschiedlichen Sprachen Zugriff auf einen gemeinsamen Datensatz haben. Zuvor musste zum Beispiel die Änderung einer Datumsangabe in allen Beiträgen einzeln vorgenommen werden. Und mit dem Projekt Mapping OER greift Wikimedia Deutschland sogar an entscheidender Stelle in den Prozess der Digitalisierung schulischer Bildung ein: Das Projekt will die hierzulande verfügbaren open educational ressources, die freien Bildungsmaterialien, zusammenführen und ihre Entwicklung weiter voranbringen. Mit Unterstützung von höchster Stelle: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt.

Und wie gingen die Wege von Larry Sanger und Wikipedia auseinander? Im Dezember 2001 legte Bomis, damals noch Betreiberfirma von Wikipedia, Sanger den Ausstieg nahe. Im Februar 2002 bekam er kein Gehalt mehr, am 1. März kündigte er. Dass er ganz und gar verschwinden sollte, auch aus dem Gedächtnis, wurde Ende 2005 deutlich: Da bearbeitete Jimmy Wales seinen eigenen Wikipedia-Eintrag und – wollte den einstigen Weggefährten als Mitgründer der Online-Enzyklopädie löschen.

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