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Das Videospiel „In Other Waters“ : Landunter im Weltall

Leuchtet alles so schön ordentlich: Die Erkundung des fremden Meeresgrundes geschieht via Radarbildschirm. Bild: Jump Over The Age

Wie spielt das Leben denn so in den fernen Ozeanen von Gliese 667 Cc? Ein Videospiel wagt eine abstrakte Vorstellung und entführt den Spieler „In Other Waters“.

          2 Min.

          Es ist die Kombination zweier Kindheitsträume, wie sie auch Jules Verne bewegt haben könnten: „Von der Erde zum Mond“ und dort dann „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“: Im andächtig machenden Videospiel-Juwel „In Other Waters“, entwickelt vom Einmannstudio des Autors und Entwicklers Gareth Damian Martin, geht die Reise weit über den Mond hinaus. Es ist den Menschen, genauer gesagt, einem Konzern namens „Baikal“, gelungen, bis in das reale Dreifachsternsystem Gliese 667 im Sternbild Skorpion vorzustoßen. Eine der drei dort kreisenden Sonnen, Gliese 667 C, wird von bisher zwei offiziell bestätigten Planeten umkreist. Auf einem der beiden, Gliese 667 Cc, der sich durch ausreichenden Abstand zur Sonne in der bewohnbaren Zone befindet, könnte flüssiges Wasser existieren. Er wäre dann – das Spiel setzt das voraus – bedeckt von Ozeanen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In einen solchen hat es den Xenobiologen Dr. Ellery Vas verschlagen. Er ist seiner geheimnisvollen Kollegin Minae Nomura auf der Spur, die in den Tiefen dieses fremden Meeres etwas entdeckt zu haben schien, das sowohl das Sicherheitsbedürfnis des Baikal-Konzerns als auch das menschliche Vorstellungsvermögen überstrapaziert. Der Spieler findet sich in der Rolle des elektronischen Assistenten wieder, der Vas bei der Navigation in seinem Tauchanzug unterstützt, Wegpunkte auslotet, Sauerstoff und Energie kontrolliert sowie Proben sammelt. Er hat die Rolle einer kühl-künstlichen Intelligenz, die ihre Entscheidungen aufgrund weniger Daten treffen muss. Gleichzeitig ist er der einzige Ansprechpartner des einsamen Forschers, dessen gelegentlich persönliche Fragen er mit Ja, Nein oder Schweigen beantworten kann.

          Wir begegnen Blüten-Bläschen-Bakterien (Ventricaria Vasfellis)

          Seine Umgebung nimmt der Spieler nur in Form einer phantasiebeflügelnden Abstraktion wahr. Ein münzgroßer Radarschirm zeigt die topographische Beschaffenheiten des Meeresbodens und von allem, was da so kreucht und fleucht. Dies macht einen Großteil der Spieloberfläche aus. Es wirkt wie ein Versuch, Maschinenwahrnehmung für Menschen zugänglich zu machen.

          Ordnung schaffen: Vermittels Taxonomie kategorisieren wir das fremde Leben.
          Ordnung schaffen: Vermittels Taxonomie kategorisieren wir das fremde Leben. : Bild: Jump Over The Age

          So folgen wir unserem Doktor ins Dunkel und unterstützen ihn bei der Suche nach Minae und seinen Studien außerirdischen Lebens. Unsere Sensoren erfassen die unterschiedlichsten Lebewesen: Pilze, Bakterien, Pflanzen, Tiere. Anhand gesammelter Proben klassifizieren wir das außerirdische Leben mittels KI-gestützter Taxonomie. Wir begegnen Blüten-Bläschen-Bakterien (Ventricaria Vasfellis), die der irdischen Blaualge (Cyanobakterien) ähneln; der Seeseide (Vivuspons Sericus), deren Ranken, mal dick wie ein Tau, mal dünn wie ein Haar, nur die pflanzenartigen Extremitäten einer anderen Lebensform sind, die lebende Netzwerke zwischen den steinernen Säulen gigantischer Unterwasserhöhlen formt – dazu eine ganze Blubberbande an schimmernden Würmern, Quallen- und Krebsartigen sowie Muscheln, deren Existenz uns in Form schriftlicher Beobachtungen, Verhaltensanalysen, Theorien und Zeichnungen nähergebracht wird.

          Ähnlich wie beim Prozess des Lesens beginnt der Kopf, Dinge, die uns das Spiel nicht voll ausgestaltet oder in Bewegung zeigt, von selbst zu ergänzen. So entfalten sich die teils beklemmend düsteren, teils von allerhand unterweltlichem Schimmer beleuchteten Meereswelten in unserem Kopf wie Szenen aus Jules Vernes Büchern. Gleichzeitig erfassen wir durch Fragmente – Logbuch-Einträge, Fundstücke – mehr von dieser uns unbekannten Zukunftserzählung, in der die Erde nurmehr als ausgetrockneter Planet durch den Weltraum rotiert.

          Was stört, ist die oft viel zu kleine Schrift und die knappe Zeit, die man hat, um auf Äußerungen des Forschers zu reagieren. Das ist bei einem Spiel, in dem es auf Textarbeit ankommt, hinderlich. Der Goldstandard des Videospiels, der Immersionsgrad, ist jedoch erstaunlich hoch. Dazu trägt auch die Musik von Amos Roddy bei, der mit Tönen die Konturen jener Bilder nachzeichnet, die in unserem Geist zu leuchten beginnen. Empfehlung: im Dunkeln und mit ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen in der Badewanne spielen.

          In Other Waters ist für den Windows-PC und Nintendo Switch zu haben und kostet etwa 15 Euro.

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