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„Landauer - Der Präsident“ im Ersten : Er spielt alles aus, was er hat

So sah es beim Derby der Bayern gegen die Sechziger aus: Bayern-Präsident Kurt Landauer (Josef Bierbichler, Mitte) verfolgt das Spiel Bild: Zeitsprung Pictures GmbH/Willi W

Ohne ihn wäre der FC Bayern München nicht geworden, was er ist: Kurt Landauer, der jüdische Vereinspräsident, entkam dem Holocaust und kehrte nach dem Krieg zurück. Die ARD zeigt seine Geschichte auf beeindruckende Weise.

          Das Außergewöhnliche an diesem Spielfilm ist, dass er mit lakonischer Beharrlichkeit etwas sichtbar zu machen sucht, was sich im Grunde nicht zeigen lässt - eben weil sich das wirklich und letztlich Entscheidende ausschließlich im Inneren, in Herz, Hirn und Seele der Hauptfigur, abspielt. Die Hauptfigur heißt Kurt Landauer. Wir begegnen diesem stämmigen, die Mundwinkel fast immer etwas mürrisch nach unten ziehenden bayerischen Grantler, Gemüts- und Ungemütlichkeitsmenschen vor allem in der Münchner Nachkriegskulisse von 1947 - er selbst ist damals bereits dreiundsechzig Jahre alt.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          1938, noch in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November, ist er, der deutsche Jude, verhaftet und ins KZ nach Dachau verschleppt worden. Nach dreiunddreißig Tagen kommt er wieder frei, weil sich die Lagerleitung der SS in einem Anfall von zynischer Gnade seiner Vaterlandsverdienste als Frontoffizier des Ersten Weltkriegs erinnert. Im Frühjahr 1939 emigriert Kurt Landauer in die Schweiz, in Genf erlebt er den Zweiten Weltkrieg aus stets prekärer, aber doch sicherer Distanz, während vier seiner fünf Geschwister dem Holocaust zum Opfer fallen.

          Jetzt, im Frühsommer 1947, kehrt er ins noch von Trümmern übersäte, aber auch schon mit dem Wiederaufbau beschäftigte München zurück. Und die Frage, die sein Inneres fortan umtreibt, lautet: weiterziehen ins neue, dieses Mal New Yorker Exil (die Papiere liegen bereit) oder dableiben und wieder sesshaft werden in einem Land, das, so hat es Landauers Leidensgenosse, der Publizist Robert Weltsch, gerade formuliert, „nach Leichen, Gaskammern und Folterzellen“ stinke und deshalb „kein Ort für Juden“ mehr sein könne?

          Das Trio triumphiert

          Nun kann der Fernsehfilm „Landauer - Der Präsident“ (Regie: Hans Steinbichler, Drehbuch: Dirk Kämper) eine Fülle an äußerer Handlung aufbieten, um den inneren Konflikt der Hauptfigur zumindest andeutend zu illustrieren. Was ihn aufs Neue anzieht und was ihn schließlich auch in der alten Heimat hält, ist zuallererst das Lebenswerk, das er bis 1938 geschaffen hat, das den Nationalsozialimus in der „Hauptstadt der Bewegung“ gerade so überstand, aber nun zu scheitern droht: der FC Bayern München. Landauer gehörte zwar nicht zu den Gründern, die den Verein am 27. Februar 1900 im Weinhaus Gisela in der Schwabinger Fürstenstraße aus der Taufe hoben. Aber schon im Jahr danach tritt er ihm bei, spielt Fußball in der ersten Mannschaft und arbeitet, gerade zwanzig Jahre alt, auch schon im Vorstand mit.

          Noch nicht dreißig, ist er zum ersten Mal Präsident. Und in der Weimarer Republik ist Landauer dann nicht mehr zu halten. Er macht aus dem FC Bayern einen der modernsten Vereine des Landes und professionalisiert den Spielbetrieb innerhalb des vom Deutschen Fußball-Bund nach wie vor strikt vorgegebenen Amateur-Ideals so weit wie eben möglich. Für seine Spieler schließt er, erster Schritt in Richtung Berufsspieler, Unfallversicherungen ab. Mit Richard Dombi verpflichtet er zu Beginn der dreißiger Jahre einen Wiener Startrainer, die Jugendarbeit vertraut er dem aus Karlsruhe stammenden Freund Otto Albert Beer an.

          Das Trio triumphiert am 12. Juni 1932, als der FC Bayern im Nürnberger Endspiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals deutscher Meister wird: „ein jüdischer Präsident, ein jüdischer Trainer und ein jüdischer Jugendfunktionär“, so resümiert der Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling in seiner Studie „Der FC Bayern und seine Juden“ (2011, erweitert 2013), hätten den Erfolg ermöglicht.

          Perfekte Mimesis

          Mit einem Rückblick auf das Finale von 1932 beginnt Steinbichlers Film und nutzt ein auch in der Folge probates Verfahren, in dem er schwarzweißes Archivmaterial - es gibt tatsächlich eine „Wochenschau“-Sequenz, die den verwandelten Elfmeter des Bayern-Stürmers Oskar Rohr aus der 36. Minute überliefert - mit farbiger Spielhandlung kombiniert, in diesem Fall mit einer Gartenszene, die am Grainauer Sommerhaus der Kaufmannsfamilie Landauer zugleich einen letzten Augenblick deutschjüdischen Bürgerglücks einfängt und festhält.

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