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ZDF-Krimi „Laim“ : Das kennt man ja von Tenören

Internatshausmeister Gachleitner (Roeland Wiesnekker) bekommt mit, dass mit Maxi (Tom Philipp) etwas nicht stimmt. Bild: ZDF und Michael Marhoffer

Max Simonischek und Sophie von Kessel sind in „Laim und der letzte Schuldige“ als Ermittler einem Pädophilen-Netzwerk auf der Spur. In der Welt der Oper werden sie fündig.

          3 Min.

          Wie Opernsänger so drauf sind, das weiß Lukas Laim von der Mordkommission München ganz genau: „Du, nach Vorstellungsende: Applaus, Standing Ovations. Da kriegste dicke Eier und Lust auf ’nen Mittelstrahl zum Gurgeln.“ Laim, Sohn und Neffe von engagierten Opernförderinnen, kommt aus gehobenen Kreisen, ehemaliger Internatsschüler auf Schloss Salem, Platin-Kreditkarte, mit der er für eine Party in teuren Clubs locker ein- bis zweitausend Euro die Nacht zahlt. Sagt er. Wer weiß, ob’s wahr ist.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Opernsänger, um den es geht, ist der Tenor Lorenz Ammersfeld. Er ist gerade aus der Vorstellung gekommen, als die Ermittlerin Sandra Rutkowski ohne richterliche Erlaubnis in die Künstlergarderobe einfällt. Sie hatte einen anonymen Anruf bekommen, Ammersfeld würde dort am Abend einen Jungen sexuell missbrauchen. Der Junge, zwölf Jahre alt, fast nackt, kein Wort Deutsch sprechend, unter Drogen stehend, wird tatsächlich in Ammersfelds Kleiderschrank gefunden. Sollte er missbraucht werden? Rutkowski ist jedenfalls sofort davon überzeugt. Aber wer weiß, ob’s wahr ist.

          Bei der Festnahme wird Ammersfeld vor der Staatsoper erschossen. Laim, der mit Tante Valerie in der Vorstellung war, schaltet sich als Mordermittler ein. Rutkowski ist sich sicher: „Euer Schütze ist mein Lieferant. Das liegt doch auf der Hand!“ Aha?

          Rutkowskis Selbstsicherheit hätte für den Film „Laim und der letzte Schuldige“ Ausgangspunkt einer Ermittlergeschichte voller Überraschungen, Zweifel und Korrekturen werden können. Doch Korrekturen erfährt die forsche Frau, die entgegen allen Gepflogenheiten schon bei einem Anfangsverdacht pädophilen Missbrauchs den Namen des Sängers an die Presse gegeben hat, nur zaghaft. Sie wird beurlaubt, aber Laim macht sie zur Komplizin bei seinen Ermittlungen. Er, der aus einer Welt zu kommen scheint, wo den Menschen nichts mehr von echter Bedeutung ist, fängt Feuer an der moralischen Inbrunst seiner Kollegin, die für ihre Vorstellung von Gerechtigkeit eben manchmal auf das Recht pfeift.

          Die Zielkurve dieses Anziehungsverhältnisses ist vom ersten Blickwechsel an vorhersehbar, aber von Max Simonischek als Laim und Sophie von Kessel als Rutkowski auch bis ins Detail präzise ausgespielt. Sie: eine arbeitsbesessene, moralgetriebene Neurotikerin; er: ein narzisstischer Beau, der von der eigenen Schönheit und dem Reichtum seiner Familie gelangweilt durchs Leben flaniert – bindungsunfähig sind sie offenbar alle beide.

          Das Drehbuch von Christoph Darnstädt leistet sich die Originalität einer Parallelerzählung, deren zeitlicher Bezug zum Hauptstrang erst im Verlauf erkennbar wird. Das ist schlüssig und gut gemacht. In der Regie gibt es immerhin einen Anflug von Komödie, als Laims Kollege Simhandl (Gerhard Wittmann) Avancen einer Nachbarin des Opfers erhält und auf deren Frage nach seinem Namen halb benommen, halb schlagfertig entgegnet: „Ich bin der Wotan.“

          Der Film braucht genau das in seinem thematisch bedingten Furor und seiner – trotz Parallelerzählung – recht eindeutigen Geradlinigkeit. In dem Wunsch, ernste Fragen wie Menschenhandel und Kindesmissbrauch ohne visuellen Voyeurismus zu verhandeln, bleibt allerdings die schlüssige Beweisführung ein wenig auf der Strecke. Der Film setzt auf eine moralische Komplizenschaft des Zuschauers mit den rechtsbeugenden Ermittlern. Gängige Vorurteile über den Zynismus des Klassikbetriebs werden dabei bruchlos bestätigt. Die Agentur des Tenors ist damit beschäftigt, das letzte Album des Sängers herauszubringen, der nun als pädophil gebrandmarkt ist: „Klassik für Kinder“. Von Laim auf die neuntausend Euro angesprochen, die vom Agenten als „Spielgeld“ für Ammersfeld abgebucht worden sind, sagt der Agent nur: „Was glauben Sie, was diese Operncracks für Bedürfnisse haben?!“

          Es gibt schöne Schauspielerleistungen in diesem Durchschnittskrimi mit relevanzbegierigem Thema zu beobachten, nicht nur die von Sophie von Kessel und Max Simonischek, auch die schutzlose Güte von Roeland Wiesnekker als Internatshausmeister Gachleitner ist mit wenigen Strichen konturiert gezeichnet.

          Ansonsten ist alles auf Dramatik aus, bei gleichzeitiger Denunziation des Opernmilieus als menschlich dekadent, und auf Empörung, bei gleichzeitiger Nachlässigkeit in der Analyse. Dass es in der Welt der klassischen Musik so schmutzig zugeht, wie in jedem sonstigen Lebens- und Wirtschaftsbereich auch, ist bekannt. Damit elitefeindliche Ressentiments zu schüren wirkt aber populistisch. Zweimal fällt der Satz: „Die Leute lieben den Schmutz, die sehen gar nichts anderes mehr.“ Der Film will offenbar genau das bekräftigen.

          Laim und der letzte Schuldige läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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