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Iran begehrt auf : „Das ist kein Protest, das ist ein Aufstand“

  • -Aktualisiert am

Trotz Internetsperre: ein in den Sozialen Medien verbreitetes Protestbild Bild: Imago

Wie ist die Lage der Medien in Iran? Wie kommen Menschen im Land an unabhängige Informationen? Der im Londoner Exil lebende Journalist Kourosh Sehati berichtet.

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          Wegen seiner politischen Ak­tivitäten und seiner Hilfe bei der Organisation der demokratischen Studentenproteste gegen die iranische Regierung wurde Kourosh Sehati 1999 von der Universität verwiesen. Er verbrachte ungefähr drei Jahre in Haft und floh 2004. Heute arbeitet er als Journalist bei Iran International TV Channel mit Sitz in London.

          Herr Sehati, wie ist die Situation der Journalisten und Journalistinnen in Iran im Moment? Berichten sie weiter? Und welche Risiken gehen sie dabei ein?

          Sobald die Proteste begannen, riefen die Sicherheitskräfte Dutzende von Journalisten in Iran an und sagten ihnen, sie sollten weder über die Proteste berichten noch etwas darüber tweeten. Sie haben gedroht, die Journalisten zu verhaften. Einige Journalisten berichten in den sozialen Medien, während sie sich verstecken. Auch iranische Journalisten, die für persischsprachige Medien außerhalb Irans arbeiten, werden jedes Mal, wenn es einen Aufstand gibt, von der iranischen Regierung unter Druck gesetzt. Sie kontaktieren beispielsweise die Familien der Journalisten und drohen ihnen.

          Gibt es überhaupt noch Möglichkeiten, um unzensierte Informationen zu verbreiten?

          Die Regierung hat Instagram und Whatsapp gefiltert. Youtube, Facebook und Telegram waren schon zuvor verboten. Manchen Journalisten und Demons­tranten gelingt es trotzdem, die Zensur zu umgehen und Stimmen und Videos zu senden. Einige Leute schicken uns auch Sprachnachrichten und erzählen, was vor Ort passiert. Aber insgesamt ist die Zahl der Videos, die wir aus Iran erhalten, zurückgegangen. Tiktok ist die einzige Social-Media-App, die nicht gefiltert wird, aber einige Leute benutzen sie nicht, weil sie ein chinesisches Produkt ist. Derzeit spielen persischsprachige Medien außerhalb Irans eine sehr wichtige Rolle. Sie berichten über die Proteste, und die iranischen Bürger verfolgen sie. Auch Oppositionsgruppen im Exil nutzen diese Medien, um ihre Botschaften an die Iraner zu senden.

          Wie viele Journalisten wurden schätzungsweise verhaftet?

          Das Regime hat bis jetzt mindestens 20 Journalisten in verschiedenen Städten verhaftet. Es sieht so aus, als würden in den nächsten Tagen noch mehr verhaftet werden. Tausende von Demonstranten, Studenten und Menschenrechtsaktivisten wurden ebenfalls verhaftet. Bislang wurden mindestens 83 Menschen während der Proteste getötet.

          Unterscheidet sich der Protest von früheren? Wird er diesmal von breiteren Teilen der Gesellschaft getragen?

          Dieser Protest ist nicht nur ein Protest, er ist ein Aufstand der Iraner gegen die Regierung. Bei den letzten großen Protesten, 2017 und 2019, ging es eher um die Inflation und die hohen Lebenshaltungskosten, und sie wurden von der Arbeiterklasse in kleineren Städten ausgelöst. Allerdings skandierten die Menschen sehr schnell politische Slogans gegen die Regierung. Der aktuelle Aufstand ging von den kurdischen Städten Irans aus, da Mahsa Amini iranische Kurdin war, und auch von der Mittelschicht in den Großstädten. Während des Protests schloss sich die Arbeiterklasse der Mittelschicht an. Universitätsstudenten und andere Gruppen werden sich ihnen anschließen. Jetzt ist es ein Aufstand, an dem verschiedene Klassen beteiligt sind, und das Hauptziel ist es, die Regierung zu stürzen. Der wichtigste Slogan der Bewegung lautet: Frau, Leben, Freiheit. Das bedeutet, dass die Regierung gegen Frau, Leben und Freiheit ist.

          Haben Sie die Hoffnung, dass das Regime tatsächlich gestürzt wird?

          Ich kann nicht vorhersagen, was das Ergebnis sein wird, aber Iran wird nie wieder in die Zeit vor diesem Aufstand zurückkommen. Die Regierung kann nicht lange überleben.

          Wie kann man iranische Bürger und Journalisten unterstützen?

          Das Ziel der Islamischen Republik ist es, Menschen zu verhaften und zu töten, um ihre totalitäre und antidemokratische Regierung weiterzuführen. Die Welt muss wissen, was genau in Iran vor sich geht. Die freie Welt und prominente Persönlichkeiten haben das iranische Volk bisher unterstützt. Sie müssen diese Unterstützung fortsetzen. Eine Möglichkeit besteht darin, den Iranern einen Internetzugang wie Starlink zu ermöglichen. Und die Proteste zur Unterstützung der Iraner müssen auch außerhalb Irans fortgesetzt werden. Die freie Welt muss auch härtere Sanktionen gegen die Führer der Islamischen Republik verhängen, die unschuldige Demonstranten töten.

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