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„Kuttner plus zwei“ : Radau der Redundanz

  • -Aktualisiert am

Sarah Kuttner probiert es mit bräsiger Rotzigkeit Bild: Marcus Höhn

Gespielte Vertrautheit, kokettierte Doofheit, penetrantes Duzen: In ihrer neuen Show lädt Sarah Kuttner zwei Prominente in eine Berliner Altbauwohnung ein. Das Resultat ist absolute Belanglosigkeit und bedingungslose Kapitulation.

          Wenn ein milliardenschwerer Sender wie das ZDF sich auf seiner Neo-Nebenwelle alltagskompatibel gibt, „direkt und authentisch“, wie die Presseabteilung schwärmt, wenn also Sarah Kuttner in ihrer Sendung „Kuttner plus zwei“ scheinbar ganz privat in eine Berliner Altbauwohnung einlädt, dann darf einem mit Fug und Recht erst einmal schlecht werden. Protzt mit eurer Kompetenz, will man rufen, seid elitär, zeigt sündhaft teure Edelproduktionen, aber hört bitte mit dieser Verlogenheit auf.

          Schon die Wohnung ist ein Ranschmiss ohnegleichen: Leuchtglobus, Retro-Küchenschrank, Stühle vom Sperrmüll. Wie lange ein gutbezahltes Team wohl an dieser „Authentizität“ gebastelt hat? Und natürlich ist alles falsch, falsch im Sinne eines gigantischen Nähe-Missverständnisses, der Eierlikör zur Begrüßung, das Rauchenmüssen, das Stullenabendbrot („habe ich vorbereitet“), die gespielte Vertrautheit mit den Gästen, das penetrante Duzen.

          Sätze von marternder Banalität

          Am ärgsten trifft es bei diesem Volkstheater die Sprache: In Sätze von marternder Banalität sind Jugendsprachfetzen wie „Alter“, „krass“, „ankotzen“, „ultra“ und „pullern“ eingelassen, um den Zuschauer mit bräsiger Rotzigkeit da abzuholen, wo man ihn vermutet.

          Wozu der ganze Aufwand? „Die Sendung bietet viel Raum für Geschichten und Erlebnisse aus dem Leben der Promis“, heißt es im Konzept. Das hat fürwahr gefehlt im deutschen Fernsehen. Die Promis der ersten Sendung sind Hannelore Elsner und Axel Bosse. Frau Elsner gesteht zu Beginn, sie gehe nicht gern in Talkshows, weil es da so schnell privat werde. Und um ihr gleich klarzumachen, wo sie hier ist, stellt die Moderatorin beinahe ausschließlich private Fragen, und die stellt sie so unbeholfen, wie man es von ihr gewohnt ist.

          Das Kokettieren mit Doofheit („Hannelore kennt den! Ich kenn’ den gar nicht“, sagt Sarah Kuttner über Uwe Timm) mag Schauspielerei sein, aber es führt unweigerlich dazu, dass sich das Niveau schnell bei null einpendelt. Anderenfalls hätte man die Gastgeberin aus der Wohnung werfen müssen. Sind die beiden leidenschaftliche Arbeiter? Jo, jo. Wird Liebeskummer mit dem Alter weniger? Nö, nö. Und beide lieben sogar ihre Kinder, auch wenn Sarah Kuttner Kinder nicht berühren, wie diese nervtötend („Ich bin Scheidungskind“) ausführt. Es fällt selbst der erwartbarste Satz: „Ihr wärt ein gutes Pärchen übrigens.“

          „Du bist aber auch ein Feger“

          Es ist beinahe bewundernswert, wie man mit derart wenig Substanz dreißig Minuten füllen kann. Ende und Höhepunkt der Sendung ist ein Blick auf alte Fotos Hannelore Elsners. Im O-Ton: „Da sieht man auf jeden Fall echt mal schon, was das hier für’n Fegerchen ist.“ „Hammer, gell?“ „Ey, Hannelore, ich sag dir mal eins: Du bist aber auch ein Feger.“ „Ein ultra Feger!“

          Und genau das wünscht man sich, einen Besen. „Kuttner plus zwei“, die hundertmillionste Talkshow, ist absolut belanglos. Eine Bedeutung kann man ihr einzig zumessen als Emblem für den Zustand des Distanzlosigkeit zelebrierenden Distanzmediums: Was wir in der Berliner Altbauwohnung in Reinform präsentiert bekommen, ist der Radau der Redundanz, die bedingungslose Kapitulation von Erkenntnis und Interesse, Noise.

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