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Kuppelshow im Ersten : Auf Männersuche in der Kneipe

„Ganz spontan”? Bild: ARD

Nach der Quotenkatastrophe „Bruce“ wagt die ARD ein neues Experiment am Vorabend: In „Ich weiß, wer gut für dich ist“ versuchen sich Freunde und Verwandte als Kuppler. Lässt sich der alte „Herzblatt“-Erfolg wiederholen?

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          Die Dame ist launisch, man kann es ihr nicht recht machen. Sie - nennen wir sie knapp Frau Z - lässt sich nicht einfangen, egal, wer sie auch umgarnte. Zum Beispiel Herr S, groß und graumeliert, humorvoll, wortgewandt und Hüter eines Geheimnisses. Wollte Frau Z dabei sein, als es gelüftet wurde? Sie wollte nicht. Der nächste Kandidat war Herr D - nicht ganz so wortgewandt, dafür temperamentvoll, sehr, sehr sensibel und stets topmodisch gekleidet. Aber erschien Frau Z zum Date? Sie verlustierte sich woanders.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, Frau Z - wir wollen sie nun die Zielgruppe nennen - mag sich einfach nicht verkuppeln lassen, jedenfalls nicht von der ARD, jedenfalls nicht um 18.55 Uhr. Genau dann also nicht, wenn das Erste noch richtig Geld verdienen könnte, bevor um 20 Uhr das öffentlich-rechtliche Werbeverbot greift. Das geht nun schon seit Jahren so - genauer, seit 2005, als die bei Publikum und Kritik populäre Serie „Berlin, Berlin“ auslief.

          Fortan wurden selbst die vermeintlich attraktivsten Herren verschmäht: der in den Vorabend versetzte Harald Schmidt mit der Neuauflage seiner Erfolgsshow „Pssst“ ebenso wie der teure Neuzugang Bruce Darnell, den das Erste Heidi Klum ausgespannt hatte. Die Zuschauerzahlen von „Bruce“ waren so katastrophal, dass niemanden die ARD-Ankündigung gewundert hätte, nun am Vorabend nur noch alte Pilawa-Rateshows zu wiederholen, was vermutlich bessere Quoten bringen würde, auf jeden Fall aber viel billiger wäre. Statt dessen aber startet die ARD einen weiteren neuen Versuch - und zwar, ausgerechnet, mit einer Kuppelshow.

          Das selige „Herzblatt“

          Wie man erfolgreich verkuppelt, haben die Privaten vorgemacht, vom RTL-Blockbuster „Bauer sucht Frau“ bis zu schrillen MTV-Shows wie „Exposed“ oder „Dismissed“. Dabei hatte vor zwanzig Jahren schon im Ersten Programm Rudi Carrell in der Show „Herzblatt“ den Liebesboten gespielt. Im „Herzblatt“ durfte sich jeder Kandidat aus drei hinter einer Wand verborgenen Männern oder Frauen, die auf vorher bekannte Fragen mit auswendig gelernten Sprüchlein antworteten, seinen Favoriten aussuchen, worauf das Paar in einen Hubschrauber verfrachtet und irgendwohin geflogen wurde, wo man nicht unbedingt schon immer mal hin wollte. Als Carrell nach ein paar Jahren aufhörte, setzte die ARD einen neuen Moderator ein und noch einen neuen und noch einen neuen. Der siebte Moderator durfte die Show endlich zu Grabe tragen.

          Der späte „Herzblatt“-Nachfolger „Ich weiß, wer gut für dich ist!“, gestern abend erstmals ausgestrahlt, hat konsequenterweise gar keinen Moderator mehr. Es ist eine Dokusoap, die uns in jeder Woche neun Protagonisten vorstellt: einen Menschen auf Partnersuche, vier seiner Freunde oder Verwandten, die ihn verkuppeln möchten, sowie die vier von jenen ausgewählten Kandidaten. Den Auftakt macht Ilka aus Husum, groß, blond, attraktiv und engagiert - sie arbeitet als Projektmanagerin bei einer Genossenschaft von Behinderten. Als Kuppler versuchen sich ihr Bruder, dessen Gattin, Ilkas beste Freundin und ihre Cousine. Schwägerin Luise darf als erste nach einem geeigneten Herrn Ausschau halten und findet ihn - in der Zeitung. Kneipenwirt Matthias, dessen Lokal im Regionalblatt vorgestellt wird, nennt durch jahrelanges Bierkrugstemmen jene starken Arme sein eigen, die Ilka nach Luises Überzeugung braucht.

          Preisausschreiben mit Pony

          „Ganz spontan“, so der Sprecher, lässt sich Matthias auf das Liebesspiel ein, wobei die vorgeführte Begegnung zwischen Luise und ihm unübersehbar gar nicht spontan, sondern für die Kamera arrangiert ist. Als nächstes inspizieren Luise und Ilka in Matthias' Abwesenheit dessen Wohnung, prüfen das Verfallsdatum seiner Vorräte und lästern über Absonderlichkeiten im Kleiderschrank. Erst danach kommt es zur Begegnung von Kandidat und Kandidatin.

          Matthias lässt sich nicht lumpen: Er lädt zum Trip auf der geräumigen Segelyacht eines Freundes, wo sich eine vielköpfige Crew um das Wohl des zunehmend trauteren Pärchens kümmert. Zwar ist Ilka seit einem Preisausschreiben Besitzerin eines Ponys (wer bietet wohl solche Preisausschreiben an, bei denen man Ponys gewinnt?), während Matthias es „grundsätzlich ganz grausam“ findet, „Tiere für private Zwecke einzusperren“, doch verstehen sich beide prima. Am Ende vergibt Ilka je acht Punkte für Sympathie und Spaßfaktor, freilich nur sieben Punkte für Matthias' Aussehen.

          Damit aber kann der Hubschrauber, sofern es auch hier einen geben sollte, noch nicht abheben, denn es kommen ja noch drei weitere Kandidaten, welche die anderen Kuppler aufgetan haben. Letztere tauchen auch in der Auftaktfolge immer wieder auf, mäkeln über Matthias und äußern die Überzeugung, für Ilka einen viel besseren Mann aufzutreiben und damit das Spiel zu gewinnen. Und genau hier wird es unlogisch. Denn wenn aus der Sendung überhaupt ein Gewinner hervorgeht, dann sollte es doch bitteschön Ilka sein. Insofern müssten sich ihre wahren Freunde über jeden potentiellen Partner freuen, statt über die Auserwählten der anderen zu spotten. Zumal Ilka bei allem Humor die Sache ernst scheint. Sie sagt, sie will Kinder, sie ist sechsunddreißig. Allzu viele Herzblätter wird sie da nicht mehr pflücken wollen.

          Immerhin vermeidet „Ich weiß, wer gut für dich ist“ gröbste Peinlichkeiten und profitiert zumindest in der Auftaktwoche von seinen sympathischen Protagonisten. Wessen Kuppelwerk von Erfolg gekrönt ist, wissen wir am Freitag. Schon viel früher musste die ARD erfahren, dass sie die flatterhafte Frau Z wieder mal nicht hat erwischen können. Nur 1,43 Millionen Zuschauer (5,9 Prozent Marktanteil) haben sich die Premiere der Sendung angeschaut.

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