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ARD-Film „Seit du da bist“ : Die kleine Geigerin

  • -Aktualisiert am

Sie spielt beseelt: Lilia (Allegra Tinnefeld). Bild: Oberon Film GmbH/Alfons Kowatsch

Was wird aus dem Wunderkind, wenn es keiner zur Geigenstunde fährt? Die ARD zeigt eine Familiengeschichte zur Adventszeit, in der Kunst und Musik die Menschen zusammenbringen.

          Künstler machen Kunst, Kunsthändler machen Künstler und verdienen daran. Um die Kunst geht es dabei nur am Rande. Der Maler braucht einen Galeristen, der Musiker einen Agenten, denn der Künstler lässt sich zwar vermarkten, ist selbst aber untauglich fürs Geschäftliche. Ihm liegen Kosten-Nutzen-Optimierungen so fern wie dem begabten Kind, das sich vertieft, getrieben allein von interner Motivation. Klingt schwer nach verzuckerter Fernsehkost zum Fest der Liebe und Hoffnung, ist aber in diesem Fall ein bezaubernder, zurückhaltender kleiner Film über das, was im Leben jenseits des Brotberufs zählt.

          Prosaische Naturen werden mit dem Fernsehspiel „Seit du da bist“ nicht viel anfangen können, es wird sie aber auch nicht ärgern. Martina Gedeck, Katharina Schüttler, Robert Palfrader und Manuel Rubey spielen die Hauptrollen, und zwar vorzüglich und federleicht. Ihnen hat Michael Hofmann (Buch und Regie) viele, natürlich wirkende Dialoge mitgegeben, deren vordergründige Beiläufigkeit eben genau das ist: ganz und gar vordergründig, darunter allerhand Einsichten bergend. Der Film hat keine Klimax im herkömmlichen Sinne, er schreit nicht dauernd nach Relevanz, deutet etliches nur an, und seine heimlichen Hauptdarsteller sind Kinder ohne übertriebenen Niedlichkeitsfaktor.

          Wer macht den Fahrdienst?

          Alina (Katharina Schüttler), alleinerziehende Mutter, braucht dringend einen regelmäßigen Fahrdienst für ihre Tochter Lilia (Allegra Tinnefeld). Endlich hat sie wieder eine Festanstellung, aber nur, weil sie sich in der Medienagentur als kinderlos und ungebunden vorgestellt hat. Jarek (Manuel Rubey), ihr vorletzter Ex-Freund, kam mit dem garstigen Kind noch nie aus und weigert sich, das Mädchen voranzubringen, zumal er sein Auto verkaufen musste. Und dann auch noch zum privaten Geigenunterricht in großkotzigem Ambiente? Da hängt großformatige Kunst an allen Wänden, da ist der Pool, und das ist die Vorzeigefamilie mit drei Kindern. Clara (Martina Gedeck), die Geigenlehrerin, spielte bei den Bamberger Symphonikern, ihr Mann Bertschi (Robert Palfrader) aber meint, sie habe gar kein Talent. Er, der Kunsthändler, lebt vom Talent anderer und vom Bewerten der Kunst. Jarek ist zufällig Maler, ein äußerst erfolgloser. Er kellnert im Café „Club der polnischen Versager“ in Wien. Bertschi leiht Jarek eine CD, damit er hören kann, wie das Violinkonzert in d-Moll von Sibelius wirklich gespielt werden muss. Menuhin, den Vergleich findet Clara unfair. Jarek vergleicht aber gar nicht.

          Gibt den Takt vor: Geigenlehrerin Clara (Martina Gedeck).

          In diesem leise kunstverherrlichenden Film ist es das im emphatischen Sinn Schöpferische, das Menschen verbindet, die sich ansonsten nicht viel zu sagen hätten. Michael Hofmann geht das Wagnis ein, als Vermittlungsinstanz eine Nachwuchskünstlerin einzuführen, die die junge Allegra Tinnefeld verkörpert. Wenn ihre neunjährige Lilia mit lebendiger Andacht Geige übt (Allegra Tinnefeld spielt selbst), dann wird es ernst.

          Ein Kämpferherz bescheinigt ihr die strenge Koryphäe, für deren Geigenklasse sie als jüngste Bewerberin vorspielen darf: „Mit Nummer Sicher kommst du nirgendwo hin, mein Kind.“ Also geht Lilia ein Risiko ein. Zum Vorspiel vor Publikum präsentiert sie mit der „Scène de ballet“ von Bériot ein Stück, das noch zu schwierig für sie ist. Doch es geht um ein Scheitern auf einem Niveau, von dem die meisten keine Ahnung haben. Das klingt nach „Kleiner Lord“ und bedeutungsreicher Binsenweisheit. Nichts davon trifft. „Seit du da bist“ ist selbst ein Kunststück im kleinen Format.

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